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Samstag, 20.01.2018

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.08.2011

Ein Dozent im freien Fall

Christoph Hein: "Weiskerns Nachlass", Suhrkamp, Berlin 2011, 319 Seiten

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Um einen Nachlass ging es auch in Christoph Heins Roman "Frau Paula Trousseau". (Deutschlandradio)
Um einen Nachlass ging es auch in Christoph Heins Roman "Frau Paula Trousseau". (Deutschlandradio)

Es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Rüdiger Stolzenburg erlebt nur eine optische Täuschung. Das Flugzeug, in dem er sich befindet, gleitet sanft durch die Wolken. Nichts deutet darauf hin, dass es im nächsten Augenblick abstürzen würde. Denn die Propeller, von denen Stolzenburg glaubt, sie würden stillstehen, erweisen sich als gut funktionierende Turbinen. Es ist also alles in bester Ordnung. Nichts sollte Rüdiger Stolzenburg beunruhigen. Doch er kommt nicht zur Ruhe und seine Geschichte hat etwas Beunruhigendes.

Stolzenburg ist Hochschuldozent. An der Leipziger Universität unterrichtet er gelangweilte Studenten im Fach Kulturwissenschaft. Einige seiner Studenten, wie der wenig Interesse zeigende Sebastian Hollert, verfügen über ein Monatseinkommen, von dem er nur träumen kann. Was könnte Stolzenburg ihm beibringen? Er hat nur eine halbe Stelle, eine kw-Stelle, was so viel heißt wie: kann wegfallen. Bei der Gratulation zu Stolzenburgs neunundfünfzigstem Geburtstag spart sich der Institutsdirektor die sonst üblichen aufmunternden Worte. Aus der lange Jahre in Aussicht gestellten Akademischen Ratsstelle wird nichts werden.

Es spricht einiges dafür, dass sich Stolzenburg im freien Fall befindet. Das Finanzamt fordert ihn auf, 11.444,74 Euro nachzuzahlen. Doch Stolzenburg verfügt über keine Rücklagen. Es scheint ungewiss, wo er landen wird. Hilfe gewährt ihm ein Steuerberater, dem es gelingt, die Steuerschuld zu halbieren. Über diesen Sieg sollte sich Stolzenburg freuen. Aber wie freut man sich über eine Niederlage, die als Sieg daherkommt? Auch die geminderte Steuerschuld kann er nicht begleichen. Da geht es dem Finanzfachmann besser, der sein Geld in den frühen Morgenstunden mit Börsentransaktionen in Asien verdient. Ihn wundert, dass ein gebildeter Mensch wie Stolzenburg ein so bescheidenes Salär verdient. Auch Stolzenburg steht früh auf, er bereitet seine Seminare vor, er unterrichtet, hält Vorträge, publiziert und er würde gern den Nachlass von Friedrich Wilhelm Weiskern herausgeben. Doch für die auf zwei Bände geplante Buchausgabe findet sich kein Verleger, weil fast niemand diesen Weiskern kennt.

Was Stolzenburg widerfährt, erscheint unwirklich, aber es wird dennoch zur Wirklichkeit. Zu der zählt auch eine aus Dreizehnjährigen bestehende Mädchengang, von deren Wortführerin Stolzenburg verprügelt wird. Das ist absurd, aber wenigstens ist sie als Feindbild kenntlich.
Als äußerst verlockend erweisen sich da die beiden Angebote, die Stolzenburg von zwei Studenten offeriert werden. Hollert muss sein Studium unbedingt erfolgreich abschließen, um die Firma seines Vaters erben zu können. Stolzenburgs "Hilfe" in dieser Sache würde er sich 25.000 Euro kosten lassen. Etwas anders verhält es sich mit dem Angebot einer attraktiven Studentin. Auch sie ist auf den Dozenten angewiesen, der für sie ihre Magisterarbeit schreiben soll. Finanziell kann sie sich nicht erkenntlich zeigen – sie würde anders "bezahlen".

Zwei teuflisch verlockende Angebote, wäre da nicht der kleine moralische Haken, der in Stolzenburgs Leben bisher ein Garant für Halt war.

An Bord aber ist alles in Ordnung. Die Maschine gleitet ruhig dahin. Nur einer der Passagiere ist auf dem Flug nach Basel ins Grübeln gekommen. Ein Kulturwissenschaftler, also kein Grund zur Beunruhigung...


Besprochen von Michael Opitz

Christoph Hein: Weiskerns Nachlass
Suhrkamp, Berlin 2011
319 Seiten, 24,90 Euro

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