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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.12.2011

Ein Buch, das zum Mythos wurde

Christa Wolf: "Kassandra", Suhrkamp BasisBibliothek, Berlin 2011, 268 Seiten

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Christa Wolf bei einer Lesung in Berlin (AP)
Christa Wolf bei einer Lesung in Berlin (AP)

Es ist an der Zeit, die Bücher von Christa Wolf neu oder wieder zu lesen. "Kassandra" ist 1983 erschienen - in der DDR und in der BRD. Darin lässt Christa Wolf die Seherin Kassandra kurz vor ihrem Tod den Untergang Trojas Revue passieren - sie erzählt einen Mythos und spricht doch gleichzeitig die Gegenwart an.

"Der Schwerpunkt aller Feiern sei von den toten Helden auf die Lebenden zu verlegen." Dieser Satz findet sich in Christa Wolfs Erzählung "Kassandra". Als Kassandra erfährt, dass es sich dabei um eine Anweisung aus dem Königshaus handelt, erkennt sie die beabsichtigte Strategie. Es gibt Gründe, weshalb den Toten der ihnen gebührende Respekt verweigert werden soll: Der König "zerbröckelt". Weil sein Ansehen in Gefahr ist, muss alle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet werden und die Toten bleiben unbeachtet. Seit der Beisetzung Christa Wolfs am 13. Dezember 2011 auf dem in unmittelbarer Nähe zu den Zentren der politischen Macht gelegenen Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin hat der Satz eine durchaus schillernde Bedeutung erhalten.

Die "Totenrede für Christa Wolf" hielt Volker Braun. Er sprach davon, dass Christa Wolf der deutschen Literatur "Weltbewusstsein" gegeben hat. Das ist ein großes Wort. Es ist berechtigt, wenn man sich noch einmal das von Christa Wolf geschriebene Werk vergegenwärtigt. Erinnert sei an die 1983 erschienene Erzählung "Kassandra", die in der DDR entstanden ist. Doch weit über die Landesgrenzen hinaus wurde damals der Text rezipiert.

"Kassandra" erschien zu einer Zeit, als in beiden deutschen Staaten über die Stationierung von Raketen mit atomaren Sprengköpfen debattiert wurde. In dieser weltpolitisch angespannten Situation legte Christa Wolf ein Buch vor, das vom Untergang Trojas handelt. In der Stunde ihres Todes lässt sie Kassandra erzählen, wie es zum Trojanischen Krieg kam. Kassandra sah, was kommen würde, aber niemand glaubte ihr.

Erst allmählich wird Kassandra bewusst, dass sie in den eigenen Reihen Feinde und in den Feinden nicht nur Gegner hat. Sie ist Seherin, aber wirklich sehen lernt sie erst in einem langwierigen Prozess. Es dauert, bis sie in der Lage ist, den Eigenen gegenüber zu sagen: "Nein, ich will etwas anderes." Kassandra spricht von einer "Teilblindheit", die sie sich gönnte, denn sie war zunächst davon ausgegangen, dass die Götter und sie dasselbe wollten: Eine andere, bessere, gerechtere Welt. Doch in dem Wunsch liegt ein Widerspruch verborgen, den Kassandra herauszufinden sucht, indem sie sich einer schonungslosen Selbstbefragung aussetzt. Am Ende dieses Weges steht die Erkenntnis: "Lasst euch nicht von den Eigenen täuschen."

Christa Wolf greift in der Erzählung auf einen Mythos zurück, wenn sie Kassandra sprechen lässt. Häufig aber ist nicht genau auszumachen, wer spricht. Die Stimme der Autorin und die von Kassandra überlagern sich, sodass gleichzeitig vom Mythos und von der unmittelbaren Gegenwart erzählt wird.

"Kassandra" wurde in der DDR und in der Bundesrepublik gelesen, die Erzählung wurde in Europa rezipiert und in den USA und in Übersee debattiert. Es liegt nicht einmal ein Hauch von Patina auf diesem Buch. In der Erzählung wird Kassandras Hoffen beschrieben, mit dem Buch, das zum Mythos wurde, hat Christa Wolf Geschichte geschrieben. Es ist an der Zeit, die Bücher von Christa Wolf neu oder wieder zu lesen. "Kassandra", ein Text der zur Weltliteratur gehört, könnte den Anfang bilden.

Besprochen von Michael Opitz

Christa Wolf: Kassandra
Suhrkamp BasisBibliothek, Berlin 2011
268 Seiten, 8,00 Euro

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