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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.05.2015

Ein Bilderbuch über das NilpferdSchrecklich lieb!

Von Sylvia Schwab

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Ein Nilpferd und ein Besen vor seinem Maul (picture alliance / dpa / David Wimsett)
Das Nilpferd hat die Zähne schön - dank dem Tierpfleger im Zoo in London. (picture alliance / dpa / David Wimsett)

Kako hieß einst ein riesiges Nilpferd im Pariser Zoo, das einen Wärter verschlang. Emmanuelle Polack und Barroux erzählen die Geschichte, und, obwohl sich das Buch an Kinder wendet, betont nüchtern und ohne zu verniedlichen. Ein ungewöhnliches Tierbilderbuch.

"Kako der Schreckliche" ist ein Riesen-Nilpferd im Pariser Zoo. Schon im Vorwort des Bilderbuches erfahren wir, dass Emmanuelle Polack und Barroux hier eine wahre Geschichte erzählen und Kako im Juli 1903 "dem Leben eines Zoowärters ein dramatisches Ende setzte". Der Zoowärter Simon erlag den Verletzungen, die ihm das massige Tier zugefügt hatte.

Wenn das Ende einer Geschichte verraten wird, bevor sie richtig losgeht, ist man zunächst verstimmt. Spannung und Überraschung sind verpufft, eigentlich bräuchte man gar nicht mehr mit dem Lesen anzufangen. Aber hier ist es anders: Zum einen wollten die beiden Bilderbuchmacher ihre Leser wohl warnen vor dem, was kommt. Kein Happy-End, wie das im Kinderbuch üblich ist, sondern ein ziemlich erschreckender, naturalistischer Schluss: Kako, durch ein Feuerwerk nervös gemacht, stieß seinen Wärter Simon zu Boden. "Und ohne lang zu fackeln verschlang er ihn."

Die Brutalität dieser Szene wird auch sprachlich nicht gemildert. Sie knüpft an alte Märchenstoffe an: Kako verschlingt Simon wie der Wolf das Rotkäppchen oder die Großmutter. Dass Nilpferde Menschen verschlingen, ist allerdings ungewöhnlich. Darum wirkt dieses Ende doch nicht realistisch, sondern eher literarisch. Durch die Hintertür hat sich hier wieder das gute – oder böse? – alte Bilderbuchmärchen in die authentische Erzählung eingeschlichen.

Ein leicht ironisches Denkmal

Das man das Ende schon am Anfang erfährt, hat aber noch einen zweiten, wichtigen Effekt: Von Anfang konzentriert man sich besser auf die Bilder. Und das lohnt sich!! Der in Paris geborene und in Nordafrika aufgewachsene Künstler Barroux hat eine ganz eigene Bildsprache für dieses Bilderbuch gefunden. Drei Farben dominieren die sparsam-subtilen Zeichnungen: Erdfarben sind die aquarellierten Hintergründe. Der lange, dünne Wärter trägt einen türkisfarbenen Anzug und Karminrot leuchten die Details wie das Feuerwerk, die Affen, die Heuballen und Kakos Möhren.

In diesem leicht verschwommenen Farben-Dreiklang ist Kako ein Fremder, ein grundsätzlich Anderer: Sein Körper ist nicht gezeichnet, sondern eine Collage aus Zeitungsausschnitten von damals. Er hat harte, klare Umrisse und je älter er wird, ist er eine massige Gestalt. Aber diese Masse – erwachsen hatte Kako immerhin 2000 Kilogramm Lebendgewicht – wirkt durch die Collage aus Texten und Fotos grafisch leicht und elegant. Barroux' Bilder leben u.a. von dem witzigen Kontrast aus Masse und Eleganz, schwarz-weißer Zeitungsgrafik und den vereinzelt lebhaften Farben.

Die Zeitungsoptik inszeniert Kako zugleich als lebende Legende, als Berühmtheit, der die beiden Bilderbuchkünstler ein leicht ironisches Denkmal setzen. Ohne Moral oder Interpretation. Dieses Tierbilderbuch ist damit künstlerisch innovativ und anregend anders! 

Emmanuelle Polack/Barroux: Kako der Schreckliche
Aus dem Französischen von Babette Blume
Verlag mixtvision, München 2015
32 Seiten, 14,90 Euro, ab vier Jahren

Mehr zum Thema:

Tierbuch - Der Lachende Hans und andere Frohnaturen
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 11.11.2014)

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