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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.05.2015

Ehemalige Stahlhütte Zu Besuch an Dortmunds Riviera

Von Thorsten Poppe

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Der Phoenix-See in Dortmund, entstanden auf dem Gelände des ehemaligen Stahlwerk Hoesch in Dortmund-Hoerde.  (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
Der Phoenix-See in Dortmund (dpa / picture alliance / Klaus Rose)

Zehn Jahre lang dauerte der Umbau und heute ist dort, wo über 160 Jahre Stahl gekocht wurde, ein See mit einem Yachthafen und kilometerlanger Promenade: Dortmunds Riviera. Doch bei dem Mammutumbau vergaß man die Menschen, die hier einst arbeiteten.

Dietmar Rostalski und seine Frau stehen mitten auf der Promenade des Phoenixsees, Dortmunds neuer Riviera.

„Ich weiß gar nicht, wo wir hier sind ..."

„Das ist die Weingartenstraße, da lief früher die Gasleitung hierher. Dann hat ungefähr 300 Meter, da wo das Häuschen steht, was neu renoviert wird, da stand unser großer Schornstein: die Fackel von Hörde."

Doch sie sehen nicht den über einen Kilometer langen künstlichen See, über dem der Wind heute kleine Wellen aufschlägt. Und auch nicht die daran entlang laufenden Hänge mit den edlen Neubau-Villen, oder die vielen modernen Bürokomplexe und Restaurants am Hafen. Sie sehen immer noch das alte Stahlwerk, das hier stand. Mittendrin die sogenannte Fackel von Hörde, ein fast 100 Meter hoher Kamin, der weit über Dortmund gut sichtbar war:

„Dann der Gasometer, wo das Gas gespeichert worden ist, und dann waren die Werkstätten, einmal der Fahrbetrieb, der hier untergebracht war. Und dann ging es schon weiter rüber ungefähr 300 Meter weiter war dann die Stahlgießerei. Da wurden damals Anker gegossen, Anker bis zu 100 Tonnen!"

„Da hinten ist die Schule, die Weingartenschule. Da sind meine Kinder zur Schule gegangen ..."

Dietmar Rostalski hat als Stahlarbeiter bei Hoesch auf dem ehemaligen Gelände der Hermannshütte mehr als 25 Jahre gearbeitet, die meiste Zeit an einem der drei Hochöfen. In den Spitzenzeiten schufteten dort fast 20.000 Menschen in drei Schichten. Der Stadtteil Hörde lebte nicht nur von dem Werk, beide waren eine Symbiose. Das eine war ohne das andere unvorstellbar. Über Generationen. Bis 2001. Als das Werk stillgelegt wurde. Es war nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben, hieß es. Von einem Tag auf den anderen verwandelte sich die pulsierende Produktionsstätte in einen Ort der Stille, um dann ab 2010 zum Erholungsgebiet für Dortmund zu werden:

„Also man merkt das, Hörde hat mit dem Stahlwerk gelebt, und ist auch mit dem Stahlwerk gestorben. Denn wenn man mal durch Hörde durchgeht, jedes zweite Geschäft ist zugemacht worden. Ob es der Metzger war, der Bäcker war. Wenn man diese Straße raufging, da war der Metzger Leere, die haben alle von uns gelebt. Wir konnten halt mal raus gehen, konnten uns mal eine Bratwurst oder Pommes holen. Das ist heute alles weg."

Unzählige Restaurants und Cafés

Es ist der erste schöne Sommertag in diesem Jahres: Die Sonne strahlt, Wind bläst. Selbst an diesem Mittwoch, unter der Woche ist kein Platz mehr auf der Hafenpromenade zu bekommen. Tische stehen hier dicht an dicht vor unzähligen Restaurants und Cafés. Und der Trubel weitet sich aus: bis auf die sogenannte Kulturinsel, ein kleines Eiland mit Infos zum Phoenixsee, Hörde, und dem hier mal gelegenen Stahlwerk. Hier steht der Thomas-Konverter, wegen seiner Form auch Thomasbirne genannt, sieben Meter hoch bei 68 Tonnen Gewicht. In ihr wurde der Stahl erzeugt, das einzige Relikt auf dem ganzen Gelände, das an die Vergangenheit erinnert.

Übrig geblieben ist daneben nur noch die Hörder Burg, die heute das Entree zum Phoenixsee bildet. Hier untergebracht, fast versteckt, ist ein kleines Heimatmuseum, das das Andenken an das Stahlwerk und seine Geschichte weiter hochhalten will. Initiator Willi Garth und seine Mitstreiter machen das mit viel Herzblut:

„Das ist also gründlich beseitigt das Andenken an diese Geschichte, und das pflegen wir ja hier. Angefangen hat es ja hier 1840, als der Hermann-Dietrich Piepenstock diese historische Burg gekauft hat. Und hier ein Buddel- und Walzwerk bauen wollte, und das ist dann auch geschehen, und das hat dann doch großen Erfolg gehabt in verschiedenen Varianten, und verschiedenen Führungen. Immerhin hatte das ein Bestand von genau 160 Jahren gehabt, das ist schon beachtlich!"

Ein paar kleine Räume umfasst die Sammlung zum Werk. Auch Willi Garth kann sich gut daran erinnern, wie das früher war in Hörde, als der Stahl gekocht wurde., Da arbeitete er noch in der Revision des Werkes. Da war die Luft von Ruß erfüllt. Wer hier damals im weißen Hemd mit dem Zug durchfuhr, ärgerte sich im wahrsten Sinne des Wortes danach schwarz. Hörde war Stahl, und Stahl war Hörde. Wer bei Hoesch arbeitete, wurde als „Hoeschianer" betitelt. Das war ein Qualitätsmerkmal in der Region, abgesehen davon, dass man damit auch als einfacher Arbeiter gutes Geld bekam. Bis auf einmal Schluss war:

„Alles was sich da abgespielt hat, ist auf einen Schlag erst einmal weggeblieben. Die Leute mussten teilweise nach Duisburg, oder wurden frühpensioniert, da war schon ein ganz gewaltiger Einschnitt. Das kann man nicht anders sagen. Erst wussten wir ja gar nicht, was wird. Aber dann kamen die 300 Chinesen, und haben in aller Eile, viel schneller, als erwartet, das Werk hier abgebrochen. Wurde alles verschifft und in die Nähe von Shanghai gebracht, Shanjagan heißt da der Ort, und 2005 war ich bei der offiziellen Delegation, die mit nach China reiste, und da unser Stahlwerk wieder sich ansehen durfte. Das war schon ein Erlebnis!"

Das komplette Stahlwerk fast eins zu eins wieder aufgebaut im fernen China. Dort kocht es nun - nur an einer anderen Stelle mit denselben Geräten – wieder Stahl. Das dies dort mit derselben Ausrüstung viel preiswerter geschehen kann, ist bis heute schwer zu verkraften in Hörde. Die Globalisierung hatte dem Ort unerwartet das Herz rausgerissen, die Identität genommen. Auf einmal herrschte Leere, aber auch Hoffnung: das 100 Hektar große Gelände entspricht in etwa 140 Fußballfeldern. Die wollte man wieder beleben. Mit einem Naherholungsgebiet inklusive See.

„Ich weiß, als der Stadtplaner mit der Idee kam, hat der Oberbürgermeister gesagt: Um Himmels Willen, lass das Ding in der Giftschublade. Da war das Werk ja noch in Betrieb, wir werden gesteinigt, wenn einer erfährt, dass solche Ideen überhaupt aufgekommen sind. War ja auch nur mal eine Idee, aber es hat wirklich keiner in der Form geglaubt, dass sich das so bewahrheiten würde. Und dass das hinterher so angenommen wird, das haben die stärksten Optimisten nicht geahnt. Die Grundstücke waren viel schneller weg, als erwartet. Dann hat man direkt auf der nächsten Seite den Preis erhöht, weil es so schnell ging. Die Nachfrage bei allen möglichen auswärtigen Firmen war hier unbedingt Häuser zu bauen, es ist unglaublich, es ist unglaublich, kann man so sagen!"

Fast fünf Jahre gebaggert

2005: der erste Spatenstich. Danach wird fast fünf Jahre lang gebaggert. Die alten Anlagen und ihre massiven Fundamente werden ausgegraben, alte Bergwerksstollen mit Erde verfüllt und verschlossen. 2010 wird die Grube geflutet. Es entsteht der See. An dessen Ufern Bagger Terrassen anlegen, auf denen ein Jahr später die ersten Häuser gebaut werden. Im Westen: Der Hafen mit Promenade, im Osten geht es ruhiger zu: Zwischen den beiden neuen Wohngebieten erstreckt sich eine Grünanlage mit großem Hügel. 67 Millionen Euro werden die Dortmunder Stadtwerke für das ganze Projekt ausgeben. Und auch heute noch werden die Flaneure an Dortmunds neuer Riviera ständig von Baulärm begleitet. Villen entstehen - minimalistisch mit großen Fenstern - und Penthäuser für die Hautevolee. Für die einfachen Arbeiter wie Dietmar Rostalski fast schon eine Provokation:

"Es wurde keine Industrie angesiedelt, sondern nur eine reine, kleine Stadt für sich. Ich bin schon öfters mal vorbeigegangen, und habe dann gehört, da hat der gebaut, da hat der gebaut, Fußballer von Borussia Dortmund, und so weiter, und so weiter. Das sind Leute, die sich das erlauben können. Und wenn sie jetzt schauen durch Hörde, wenn sie von oben gekommen. Es werden hohe Häuser vorgebaut, dass die anderen von der Straße aus von dem See überhaupt was mitkriegen. Das heißt, man ist dann wirklich gezwungen hier runter zu gehen, aber früher kam man mit am Haus vorbei, und konnte halt was sehen. Heute wird alles zu gebaut."

Erst wurde Hörde das Herz rausgerissen, und nun nehmen auch noch Fremde Besitz davon. So das Gefühl ehemaliger Arbeitern, die hier eben auch keine neue Aufgabe finden konnten. Noch nicht einmal, um als verdiente Rentner die Stahlwerk-Vergangenheit den Besuchern näher zu bringen. Das würden junge Leute machen, so Dietmar Rostalski, die diese Zeiten nie miterlebt hätten. Der Frust ist groß, und die Wehmut hallt auch noch heute vier Jahre nach Eröffnung des Phoenixsees bei ihm nach. Schließlich hat er, dort wo heute Wasser ist, die meiste Zeit seines Lebens am Hochofen verbracht:

„Das kann man auch nicht vergessen, das ist ein Vierteljahrhundert. Davon ist heute nichts mehr übrig geblieben. Man sagt immer Kultur, Kultur, ja gut. Aber was hier so getan wurde, sagen wir mal die Häuser, die hier gebaut wurden, die können wir uns selbst gar nicht leisten. Also wenn man jetzt ein bisschen weiter rüber schaut, da stehen noch Altbauten, die wurden alle saniert, und der Mietspiegel ist dann sofort so hochgegangen, dass sich das hier keiner mehr erlauben kann. So sieht das hier aus, Phoenixsee sieht zwar schön aus, und ich sage immer, Hörde heißt demnächst Bad Hörde."

Einer, der die Hänge laut Dietmar Rostalski zubaut, ist Jörg Borchers. Mit einem Mehrfamilienhaus zum Beispiel. Unter seiner Aufsicht wird das gerade fertiggestellt – etwas entfernt vom Trubel der Promenade. Borchers sieht das große Potenzial auf dem umstrukturierten Gelände, und investiert deshalb gerne in „Bad Hörde". Die Entwicklungsgesellschaft des Geländes hat für den Ausbau Gestaltleitlinien festgelegt. Sie regeln zum Beispiel Dachformen, Bauhöhen und Fassaden, sodass eine gewisse Einheitlichkeit gegeben ist. Die weit über 50 neuen Gebäude erinnern dabei stark an den Bauhaus-Stil.

„Wir haben hier gerade ein Vier-Familien-Wohnhaus in Planung. Das sind zwei kleinere Wohnungen, barrierearm das Ganze. Die beiden kleineren Wohnungen haben jeweils 84 qm, und oben haben wir zwei Penthäuser über zwei Etagen als Maisonette-Wohnungen. Es ist hier eine Tiefgarage entstanden mit einer Fahrstuhlanlage. Vielleicht gehen wir einfach mal rein, und gucken drinnen weiter ..."

Insgesamt entstehen 1300 Wohneinheiten

Die Grundstückspreise liegen zwischen 350 und 380 Euro pro Quadratmeter. Moderat für die fast innerstädtisch gelegene, neue Siedlung, die eingebunden im Emscher-Landschaftspark liegt. Insgesamt entstehen am Phoenixsee 1300 Wohneinheiten, Einkaufsmöglichkeiten sowie Gastronomie- und Dienstleistungsangebote. Der Rohbau von Investor Jörg Borchers ist fertig, so langsam nehmen auch innen die Wohnungen Gestalt an. In den großen lichtdurchfluteten Räumen mit bodentiefen Fenstern werden gerade die Leitungen verlegt. Überall wird gehämmert und geschraubt. Vom See sieht man allerdings nichts, denn das Objekt liegt in der dritten Reihe vom Wasser. Wer hier einzieht, schaut auf die Gärten der Nachbarn. Dennoch kann sich Jörg Borchers über mangelnde Nachfrage bis jetzt jedenfalls nicht beklagen:

„Die Vermietungsanzeige ist jetzt geschaltet seit circa drei Wochen, und im Schnitt kommen da pro Woche ja so circa so zehn bis zwölf Bewerbung rein. Das zeugt ja von Interesse, wobei wir hier auch moderat beim Vermietungspreis liegen. Also für einen Neubau Erdgeschoss-Wohnung Standard habe ich gerade schon beschrieben mit 10 Euro finde ich nicht zu viel. Das sind hier 840 Euro Nettokaltmiete, Tiefgaragenstellplatz kostet noch mal 80 Euro, gut dann bin ich, denke ich liege ich hier im mittleren Bereich. Im Hafen habe ich auch schon von anderen Preisen gehört ..."

Dortmund ist mittlerweile die größte Ruhrgebietsstadt, hat Essen abgelöst. Fast 600.000 Menschen leben hier, und die reißen sich nach bezahlbarem Wohnraum im Grünen. Daran mangelt es, und da kommt der Phoenixsee gerade richtig. Denn von hier ist es nicht weit in die Innenstadt, aber dennoch ruhig. Abgesehen von den Sonntagen, wenn halb Dortmund um den See geht, fährt, oder joggt. Von daher hat auch Jörg Borchers in der dritten Reihe gute Argumente gegenüber potenziellen Interessenten:

„Der Vorteil hier an der dritten Reihe ist, dass ich den ganzen Trubel der am Wochenende um den See läuft, hier oben davon verschont bleibe, und ein bisschen mich auch zurücklegen kann, und davon wenig mitkriege, was unten an Sonntag am See passiert."

Der Wandel. Mit den neuen Nutzern, sprich den Mietern oder Eigentümern, vollzieht er sich endgültig. Die Hänge am Phoenixsee dokumentieren dies eindrucksvoll. Eine Villa gediegener als die andere, mit entsprechend großen Grundstücken natürlich. Mit Blick zum neuen Hafen, und auf die Liegewiesen am Rand des Sees.

„So dann gehen wir mal in den Terrassenbereich hier. Da haben wir den wunderbaren Seeblick, und sehen, was hier die letzten vier, fünf Jahre eigentlich entstanden ist. Wir haben die Weitsicht, wir gucken hier Richtung Schwerte. Auf der anderen Seite gucken wir in die Dortmunder Innenstadt, von hier aus sogar das Stadion zu sehen. Ich finde es einfach eine wunderbare Aussicht, wo man den Feierabend genießen kann."

Die Älteren spazieren um ihn herum, sitzen auf Bänken oder in Cafés, während die jungen Leute auf Decken auf den Wiesen am Rand des Gewässers sonnenbaden. Das Wasser zieht magisch an. Das ehemalige Stahlwerkgelände ist nicht wieder zuerkennen. Vom „alten" Hörde kann man das nicht behaupten. Der Arbeiterstadtteil hinkt dem Wandel hinterher. In der kleinen Fußgängerzone treffen sich die alten Bewohner in Selbstbedienungsbäckereien auf einen Kaffee. Ansonsten: die üblichen Kleidungsketten, Drogeriemärkte, Eckkneipen. Für Jörg Borchers braucht das alles noch Zeit, auch wenn er offen zugibt, dass die am Phoenixsee lebende Klientel wohl andere Einkaufs- und Ausgehorte bevorzugen wird.

„Das ist ja eine Entwicklung, ein Prozess, den man nicht von heute auf morgen umsetzen kann. Da muss man einfach gucken, was die nächsten Jahre bringen, da gehen sicherlich noch zehn Jahre mit ins Land, bevor man da sehen kann, wie sich das weiterentwickelt, wie sich das weiter ausbreitet, und hoffentlich nicht nur auf den See beschränkt."

Eine große Hoffnung

Bei den Alteingesessenen ist mit dem See eine große Hoffnung verbunden, dass Hörde wieder zu alter Stärke zurückfindet. Direkt hinter den schmucken Villen in Hanglage werden erste Altbauten saniert. Noch ein Stück weiter gibt es wohl die einzige Werft weltweit, zu der plötzlich das Wasser kam. Jahre vor der Eröffnung des Phoenixsees hatte Stefan Baumgart hier schon sein Geschäft eröffnet. Damals noch ohne Wasseranschluss. Als das dann vor seiner Haustüre wie aus dem Nichts auftauchte, fühlte sich der Hörder in seiner Standortwahl bestätigt:

„Mit dem See, das war in den Gesprächen. Da haben wir gesagt, wenn das klappt, das wäre natürlich toll. Aber da hat halt niemand dran geglaubt damals. Als das dann entstanden ist, war das natürlich ein großes Plus für uns. Haben natürlich dadurch auch die eine oder andere kleine Segeljolle hier, die unten am See fährt, die wir jetzt neu in Kundschaft haben. Die meisten Boote, die wir bearbeiten, passen nicht auf den Phoenixsee. Das sind dann meistens Schiffe von der Ostsee, vom IJsselmeer, oder vom Lago Maggiore, oder Gardasee, die wir bearbeiten. Wir holen die Schiffe dann zu uns. Bearbeiten sie, bringen sie dann anschließend zurück."

Er repariert und restauriert mit seinen Mitarbeitern Schiffe bis zu einer Länge von 20 Metern. Die Boote kommen von überall her, und werden mit dem Transporter über die Straße nach Hörde gebracht. Bei Stefan Baumgart können die Besitzer dann den Restaurierungsprozess persönlich begleiten, die Auftragsbücher scheinen jedenfalls gut gefüllt. Sowohl der Hof als auch die große Halle sind voll mit Schiffen. Dabei ist gerade die Halle noch ein Relikt vom alten Hörder Stahlwerk, das die Baumgarts gerne gerettet haben:

„Unsere Werkhalle ist auch eine alte Höschhalle, die hat auf dem Werksgelände gestanden. Das war eine alte Elektrowerkstatt. Damals als die Chinesen es abgebaut haben, wollten es die Chinesen nicht haben. Dann haben wir die Halle abgebaut mit meinen Vater zusammen und Mitarbeiter. Haben fast sechs Wochen Tag und Nacht die Halle abgebaut, anschließend alles aufgearbeitet, die ganzen Stahlträger geschliffen, gesandstrahlt, und neu lackiert. Und dann fast drei Jahre gebraucht, bis wir sie hier wieder komplett aufgebaut haben. Die ist so komplett restauriert aufgebaut als alte Hoeschhalle hier."

Sein Vater hat seit jeher in Hörde einen Lackierbetrieb. Als das Stahlwerk schloss, gab es auch dort weniger Aufträge. Die Baumgarts machten jedoch aus der Not eine Tugend, schlossen sich zusammen und machten aus alt neu, ein Motto das zu Hörde passt. Auch weil sich das für seinen Betrieb rentiert hat, glaubt Stefan Baumgart wieder an eine Zukunft für den Arbeiterstadtteil:

„Es ist natürlich nicht schön, dass die Arbeitsplätze dort weggefallen sind. Und auch das ganze Ambiente des Stahlwerks gehörte natürlich hier nach Hörde rein, mit der Fackel und so weiter. Das ist schon einerseits schade, aber andererseits ist wieder etwas Schönes entstanden, wo viele davon profitieren können freizeitmäßig. Besser als wenn nur leerstehende Bürogebäude errichtet worden wären, da hätte keiner was von gehabt!"

Jogger wühlen sich durch Spaziergängermassen

Weiter unten im Hafen ist es am späten Nachmittag noch einmal voller geworden. Jogger wühlen sich durch die Spaziergängermassen, die die Uferpromenade entlangbummeln. Kinder spielen Fußball, sitzen an den Treppen, die zum Hafenbecken runtergehen. Jugendliche kurven auf Skateboards herum.

Dietmar Rostalski ist mit seiner Frau unterwegs zurück zum Auto. Sie wohnen in Schwerte, gut zu sehen, direkt am hinteren Ende des Phoenixsees etwas weiter weg gelegen. Wo früher die Fackel von Hörde den Takt vorgab, liegt heute das Freizeitgewässer mit Seglern und Ausflüglern, die im See allerdings nicht schwimmen dürfen. Für Rostalski, den ehemaligen Stahlarbeiter gibt dieses so perfekt durchgestylte neue Stadtviertel in Hörde viele Rätsel auf – vor allem im Vergleich zu früher:

„Man sieht jetzt ganz krass den Klassenunterschied zwischen arm und reich, wenn man durch Hörde durchgeht. Ich bin in Hörde groß geworden, da merkt man das. Früher da war jeder zweite Stahlarbeiter, und ist ungefähr genauso wie es bei den Zechen war - jeder Zweite war auf der Zeche, war Bergmann - und so war das hier auch. Das war eine große Familie, und das ist dann auf einmal zerrissen worden. Da kräht auch kein Hahn nach. Also das ist hier jetzt die reiche Seite von Hörde. Wenn mal einmal die Autos anschaut, die Leute kommen ja überall von angereist, wollen sich hier erholen, heißt ja es ist ja Erholungsgebiet. Kann man auch verstehen, aber man müsste auch mal die andere Seite sehen, das heißt, was vorher war oder was länger da war, und das haben viele vergessen!"

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