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Lesart | Beitrag vom 13.05.2017

Egon Flaig: "Die Niederlage der politischen Vernunft"Braucht der Westen mehr Opferbereitschaft?

Von Gesine Palmer

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Egon Flaig: "Die Niederlage der politischen Vernunft" (Verlag zu Klampen / dpa / Hinrich Bäsemann)
Egon Flaig: "Die Niederlage der politischen Vernunft" (Verlag zu Klampen / dpa / Hinrich Bäsemann)

Der Althistoriker Egon Flaig gehört zu den Professoren in Deutschland, die sich seit Jahren mit Denk- und Streitschriften in den politischen Alltag einmischen. In seinem neuen Buch sieht er das Ende der Aufklärung heraufdämmern.

Der Althistoriker Egon Flaig gehört zu den Professoren in Deutschland, die sich seit Jahren mit Denk- und Streitschriften in den politischen Alltag einmischen. In seinem neuen Buch sieht er das Ende der Aufklärung heraufdämmern.

Der Titel erlaubt kaum Zweifel: Egon Flaigs Sicht auf die politische Lage ist pessimistisch. Die "politische Vernunft" erleidet soeben ihre Niederlage – oder hat sie schon erlitten. "Wir" verspielen Errungenschaften der Aufklärung, von denen insbesondere drei auf dem Spiele stehen.

"...nämlich der menschenrechtliche Universalismus, die Wissenschaft als letzte Instanz in Wahrheitsfragen und die republikanische auf Volkssouveränität beruhende Organisation menschlicher Gemeinschaften."

Für seine düstere Beschreibung der Gefahr, in der wir leben, bemüht Flaig so ziemlich alles, was gut und teuer ist: Die Dialektik der Aufklärung und die ihr folgende Negative Dialektik der Frankfurter Schule waren außerstande, der Erosion der Menschenrechte entgegenzutreten. Ihr Erbe Jürgen Habermas habe vielmehr gemeinsam mit Niklas Luhmann und der Theorie von der Legitimität durch Verfahren ganz wesentlich "zur Entkräftung der staatlichen Institutionen" beigetragen.

Minderheiten erkennen zunehmend Mehrheitsentscheidungen nicht mehr an

Denn, so Flaig, die "nomokratische" Idee könne nur so lange funktionieren, wie ein Wertekonsens bestehe, der überstimmte Minderheiten motiviere, Mehrheitsentscheidungen auch anzuerkennen. Dies jedoch werde immer prekärer. Distanz zwischen Bürgern und Politik, Abtrennung der demokratisch am wenigsten legitimierten Organe, der Verfassungsgerichte, von der Willensbildung des Volkes und die zunehmende Bildung von Parallelgesellschaften macht er als Gründe dafür aus. 

In der Diskussion seiner Lösungsvorschläge verstrickt Flaig sich mit all seinen klugen Beobachtungen und Zitaten - von Heraklit über Rousseau zu Hannah Arendt, von Gorgias über Kant zu Foucault - in kaum auflösbare Widersprüche. Einerseits beklagt er, dass "ganze Armeen von medialen Akteuren" sich der "Leitgesinnung" postkolonialer Diskurse verpflichtet hätten und eine totalitäre Atmosphäre erzeugen: 

"Gegen Horkheimers These, wonach eine zunehmende moralische Indifferenz das Funktionieren totalitärer Systeme begünstige, stellte einst Hermann Lübbe den Einwand: 'Moralisierende Argumente spielen in totalitären Systemen eine ungleich größere Rolle als in liberalen.' Das lässt sich auch umkehren: Wenn das Moralisieren in den Kontroversen die Oberhand gewinnt, dann entsteht eine totalitäre Atmosphäre."

Andererseits ist alles, was er dagegen aufzubieten hat, ein moralisch diffuser Wertbegriff, eine noch zweifelhaftere Aufforderung zur Dankbarkeit gegenüber früheren Generationen und schließlich eine moralische Höherwertung der eigenen, der universalistischen westlichen Kultur gegenüber den feindlichen anderen. Nach Lektüre des gesamten Buches bleibt die Frage, wo genau eigentlich die "politisch vernünftige" Stoßkraft seiner Argumentation liegt. 

Süffig formulierte Kritik soll den "Kampf der Kulturen" untermauern

Dabei fängt das Buch wirklich vielversprechend an. Ausgehend von Hannah Arendts Beobachtung, dass in totalitären Ordnungen die Tatsachenwahrheit stärker gefährdet ist als etwa die mathematische, trägt Flaig einige historische Argumente für das aufgeklärte Europa und gegen die blinden Flecken des postkolonialen Diskurses vor, die nicht nur süffig formuliert, sondern durchaus bedenkenswert sind. 

So krönt er seine Kritik an Frantz Fanon mit dem Hinweis, dass der Kampf, den das britische Empire zwischen 1816 und 1862 gegen den Sklavenhandel führte, das Vereinigte Königreich ziemlich genau so viel gekostet habe

"wie die britischen Händler zwischen 1760 und 1807 am Verkauf von Sklaven verdient hatten."  

Tatsächlich gab es ja aus dem Inneren der westlichen Kultur selbst traditionell starke und schließlich wirksame Kritik an der Sklaverei, und auf der Gegenseite haben viele der afrikanischen Eliten nach der "Entlassung" in die Unabhängigkeit in ihren Völkern schwer gewütet. Aber muss man dafür gleich behaupten: 

"Der afrikanische 'Antikolonialismus' wurde geboren als Kampf zur Verteidigung der Sklaverei?" 

Das hieße denn doch, nun wieder von der anderen Seite mit zweierlei Maß zu messen. Dann schreibt man der "bösen fremden" Kultur schlecht, was fehlgeleitete Gruppen in ihr verbrochen haben, der "guten eigenen" Kultur hingegen schreibt man gut, was oftmals schwer drangsalierte Minderheiten in ihr gegen den Hauptstrom schließlich durchgesetzt haben. 

Nun ist ein solcher ideeller Kampf der Kulturen ja durchaus in der Absicht Flaigs – und alles Lob des Universalismus dient schließlich nur dazu, die westliche, genauer, die griechisch-römische Tradition gegen alle theokratischen Tendenzen zu verteidigen. 

Flaig sieht Feinde und fordert Opferbereitschaft 

Den Kampf gegen die spätestens seit den Fluchtbewegungen von 2015 einsetzende "neoreligiöse Durchflutung öffentlicher Räume" als "Kampf der Kulturen" zu bezeichnen, ist für Flaig nicht ehrenrührig. Vielmehr wendet er große rhetorische Kunst auf, um ein Bewusstsein von der Wirklichkeit von Feinden aufzurütteln: 

"Das horrende Blutgeld, welches kriegführende Demokratien durch gerichtliche Urteile an feindlich gesonnene Familien und Stämme zu zahlen haben, dient nicht zuletzt der Aufrüstung eben jenes Feindes, den die ISAF bekriegt. (…) Wer die Feindschaft nicht denken kann und die Konsequenzen eines Krieges nicht aushält, ist reif für die Knechtschaft."

Fazit: Viele Probleme mit dem allgemeinen Meinungsbrei und dem "intellektuellen Sinkflug", die Flaig aufspießt, lässt man sich durchaus gern aus seiner Perspektive schildern – einfach weil es erfrischend ist, wenn jemand ohne Bindung an die ängstlichen Tabus mancher Soziotope ausspricht, was auch der genervten Beobachterin von innen schon öfter aufgefallen ist. Viele Kritiken an bekannten Meisterdenkern sind im Detail bedenkenswert, und immer wieder beruft sich Flaig auf Kant, wogegen wenig zu sagen ist. 

Aber dann, wenn man schon fast überzeugt ist, dass hier ein hochgebildeter Autor wirklich einfach nur die Freiheit der Ordnungen mit den neutralisierten Religionen gegen das Andringen theokratischer Barbareien verteidigen will, kommt er mit dem, was der Neukantianer Hermann Cohen als das Schlimmste in den vernunftaversen Religionen gebrandmarkt hat: mit dem Opfer. "Werte gebe es nicht ohne Opfer", betitelt Flaig ein ganzes Kapitel, und er bemüht keine Geringeren als Jakob Burckhardt und Derrida, um zu verkünden, dass die Größe einer Epoche sich an ihrer Opferbereitschaft bemisst. 

Wenn das wahr wäre, dann hätten gegenwärtig die Selbstmordattentatskulturen ihre größte Epoche. Wer das glaubt, hat wirklich Grund zum Pessimismus. 

Egon Flaig: "Die Niederlage der politischen Vernunft"
Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen
Verlag zu Klampen, 416 Seiten, 24,80 Euro

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