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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 06.05.2016

E-ZigarettenDampfen ist besser als Paffen

Von Udo Pollmer

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Ein Mann raucht eine elektrische Zigarette. (picture alliance / dpa /  Frank Leonhardt)
Ein Vorteil der E-Zigarette: Sie enthalten kein Teer (picture alliance / dpa / Frank Leonhardt)

Gesünder rauchen mit der E-Zigarette - geht das? Ja, meint Udo Pollmer. Britische Mediziner halten die E-Zigarette sogar für ein therapeutisches Mittel, mit dem Menschen ganz vom Rauchen loskommen können.

Die E-Zigarette gilt manchen Ärzten als Teufelszeug, sie erkennen darin vor allem ein neues Suchtmittel – eine Einstiegsdroge. Doch viele Raucher sind dankbar, endlich eine Alternative zum Tabak gefunden zu haben. Die Bundesregierung warnt vor unbekannten Restrisiken, das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg lehnt die E-Zigarette rundweg ab und das Bundesinstitut für Risikobewertung, das BfR, trägt gesundheitliche Bedenken vor. Und nun fallen ihnen die Britischen Mediziner in den Rücken. Sie fordern die Raucher auf, lieber zur E-Zigarette zu greifen.

Spinnen die spleenigen Briten jetzt komplett? Das Royal College of Physicians hat einen 200-seitigen Forschungsreport vorgelegt, der sich gewaschen hat. Die E-Zigarette, erklärte John Britton, Direktor des zuständigen britischen Zentrums für Tabak- und Alkohol-Forschung der Universität Nottingham, "ist seit Jahrzehnten der erste echte neue Weg, Menschen zu helfen, das Rauchen aufzugeben". Britton bescheinigt der E-Zigarette, "die Hälfte oder mehr aller Raucher" vom Tabak befreien zu können. Es sei "ein gewaltiger gesundheitlicher Nutzen, größer als jede andere therapeutische Maßnahme.”

E-Zigarette funktioniert nicht bei allen Rauchern

Bei der E-Zigarette wird eine nikotinhaltige aromatisierte Flüssigkeit auf der Basis von Glycerin oder Propylenglykol – das sind übliche Lösungsmittel für Aromen – durch Hitze verdampft. Da die Liquids in der Aromapatrone keinen Teer enthalten, warnen deutsche Mediziner ersatzweise vor den Aromastoffen. Dabei werden damit gleichermaßen Tabake aromatisiert. Wenn die Duftstoffe tatsächlich so gefährlich sind, dann wären Parfümflakons allemal mit Warnhinweisen zu versehen – sie werden über die Haut resorbiert und sogar von den eigenen Kindern inhaliert.

Das Problem der E-Zigarette ist ein ganz anderes: Sie funktioniert nicht bei allen Rauchern. Nikotin ist ja nur einer der psychotropen Wirkstoffe im Tabakrauch. Man erkennt es daran, dass Nikotinpflaster, die aus therapeutischen Gründen auch Nichtrauchern verordnet werden, nur in seltenen Fällen zur Abhängigkeit führen. Deshalb konsumieren viele Raucher neben der E-Zigarette auch weiterhin normalen Tabak – sie versuchen von den Glimmstängeln loszukommen, schaffen es aber nicht, weil in den Liquids noch etwas fehlt.

Tabak enthält krankmachende Keime

Der gesundheitlich wichtigste Vorteil der Liquids dürfte in der Keimfreiheit liegen. Auf Tabakblättern findet man reichlich Keime – eine Folge der Trocknung auf offenen Gerüsten. Nicht wenige dieser Keime sind krankheitserregend und greifen die Lunge an. Zu nennen wären Pseudomonaden, Klebsiellen oder Staphylokokken. Beim Inhalieren des Rauches werden unvermeidlich auch ein paar Keime aus dem noch unverbrannten, unhygienischen Tabak eingesogen.

Unsere Gesundheitspolitiker befürchten, dass Jugendliche erst über die E-Zigarette an das Original geraten; die Briten haben, statt sorgenvoll Bedenken vorzugtragen, diese Frage erforscht und kommen zu einem klaren Ergebnis: Die Zahl derer, die vom Dampfen auf die Zigarette umsteigen, ist verschwindend gering. Der Erkenntnisstand ist genauso, wie es die britischen Suchtmediziner dargestellt haben: Angesichts der bekannten Risiken des Rauchens sind die möglichen Restrisiken des Dampfens unbedeutend.

E-Zigarette bringt dem Staat keine Tabaksteuer

Warum versucht dann die deutsche Politik nicht, mit der E-Zigarette das Rauchen einzudämmen? Im Grunde gibt es nur eine pragmatische Erklärung: Die Tabaksteuer füllt die Kassen des Finanzministers, die Dampfpatronen nicht. Noch wichtiger: Der frühe Tod der Raucher entlastet spürbar das Sozialsystem, denn sie sterben fünf bis zehn Jahre früher. Würden unsere Raucher auf die E-Zigarette umsteigen, dann klaffte ein gewaltiges Loch in der Rentenkasse.

Natürlich braucht jede Gesellschaft Sündenböcke, auf die sie mit moralischer Empörung herabblicken kann. Wenn ihr die Raucher verlorengehen, sucht sie sich eine neue Zielscheibe. Hier bieten sich die Dicken an, denn mit dem Verzicht auf den Tabak nimmt das Gewicht des Menschen zu, wie fast jeder bezeugen kann, der mit dem Rauchen aufgehört hat. Mahlzeit!

 

Literatur

Brüning A: Krebsgefahr Mediziner üben geballte Kritik an E-Zigaretten. Berliner Zeitung Online 18. März 2015

BfR: Liquids von E-Zigarettenkönnen die Gesundheit beeinträchtigen. Stellungnahmevom 24. Feb. 2012, Nr. 16

Royal College of Physicians: Nicotine without smoke: Tobacco harm reduction. London: RCP, 2016

Tavernise S: Smokers urged to switch to E-cigarettes by British Medical Group. New York Times 28. April 2016: 4

Sapkota AR et al: Human Pathogens abundant in the bacterial metagenome of cigarettes. Environmental Health Perspectives 2010; 118: 351-356

Brook I: The impact of smoking on oral and nasopharyngeal bacterial flora. Journal of Dentistry Research 2011; 90: 704-710

Tyx RE et al: Characterization of bacterial communities in selected smokeless tobacco products using 16S rDNA analysis. PLoS One 2016; 11: e0146939

Pollmer U et al: Opium fürs Volk. Rowohlt, Reinbek 2011

Belluzzi JD et al: Acetaldehyde enhances aquisition of nicotine self-administration in adeolscent rats. Neuropsychopharmacology 2005; 30: 705-712

Geschwinde T: Rauschdrogen. Springer, Berlin 2003

Shiffman S et al: Quitting by gradual smoking reduction using nicotine gum. American Journal of Preventive Medicine 2009; 36: 96-104

Wigger BU: Zur schrittweisen Erhöhung der Tabaksteuer. Wirtschaftsdienst 2011; 91: 39-41

Steidl F, Wigger BU: Die externen Kosten des Rauchens in Deutschland. Wirtschaftsdienst 2015; 95: 563-568

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