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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.11.2011

Durchhalten wider alle Vernunft

Ian Kershaw: "Das Ende. Kampf bis in den Untergang", DVA, München 2011, 704 Seiten

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Soldaten der Wehrmacht (picture alliance / dpa)
Soldaten der Wehrmacht (picture alliance / dpa)

Zwischen dem gescheiterten Hitler-Attentat im Juli 1944 und der Kapitulation im Mai 1945 starben 2,6 Millionen deutsche Soldaten, so viele wie in allen vier Vorjahren zusammen. Warum leistete Nazi-Deutschland so lange Widerstand? Der Historiker Ian Kershaw skizziert die Anatomie einer Selbstzerstörung.

Gemäß alliierten Plänen hätte der Zweite Weltkrieg Weihnachten 1944 vorbei sein sollen. Nach Stalingrad im Januar 1943 und erst recht seit dem D-Day im Juni 1944 konnte auch jeder deutsche "Volksgenosse" sehen, dass "seine Soldaten" vor allem auf dem Rückzug waren und nicht mehr nur aus dem Osten, sondern aus allen Richtungen, in die sie ihre Terrorspur in den Jahren zuvor verlängert hatten.

Er dauerte dann gut vier Monate länger als von britischen und amerikanischen Strategen geplant. Warum gab dieser Gegner nicht auf, warum dieses Durchhalten wider alle Vernunft bis in den Untergang?

Die Frage ist alt, aber bisher nur unbefriedigend beantwortet: zumeist mit durchsichtigen Selbstentlastungsversuchen, blankem Revisionismus oder kurzatmigen Psycho-Mystifizierungen à la "Dämon Hitler". Jetzt hat sich Ian Kershaw, einer der Doyens der internationalen NS-Forschung, der Frage gewidmet. "Das Ende" seziert die zehn Monate vom gescheiterten Hitler-Attentat im Juli 1944 bis zur Kapitulationserklärung im Mai 1945.

In dieser grausamsten Phase sterben 2,6 Millionen deutsche Soldaten, so viele wie in allen vier Vorjahren, aber es gibt praktisch weder Befehlsverweigerung noch Widerstand von Offizieren gegen Generäle. Bei Bombenangriffen werden 400.000 Menschen getötet, doppelt so viele verletzt, Millionen obdachlos, aber es gibt weder Massenaufstände noch Tyrannenmord. Die SS kann unbehelligt Hunderttausende KZ-Insassen in Todesmärschen quer durchs Land hetzen. Wie ist das möglich?

Kershaws Antwort liegt in der Analyse von "Herrschaftsstrukturen und Mentalitäten". Er untersucht die "Anatomie einer Selbstzerstörung" als Erzählung ihrer komplexen menschlichen Dimensionen. Dazu gehören Gauleiter, die zu mörderischer Hochform auflaufen, Fließband-Todesurteile gegen Deserteure, Himmlers Mordkommandos gegen "Volksschädlinge", Hitlers amokartige Vernichtungsbefehle gegen das eigene Volk ab Sommer 1944 - kurz: der ganze auf Terror basierende Machtapparat. Dazu gehören die wider alle Ehre strammstehende Generalität, die später behaupten wird, Roosevelts Forderung nach bedingungsloser Kapitulation habe ihr keinen Ausweg gelassen, und Beamte, die jede noch so unmenschliche Pflicht "treu" erfüllen, ebenso wie eine Zivilbevölkerung, die sich wegduckt zwischen mehreren realen Ängsten - vor den Bomben, dem hauseigenen Terror und "dem Russen" und seiner Rache.

Kershaw verschränkt kleine Ereignisse mit größeren Strukturen, fokussiert auf deutsche Innenansichten, aber immer mit Blick auf äußere Faktoren - Zeitverluste durch Montgomerys und Eisenhowers Rivalität etwa oder die Bombardierungen zwecks Demoralisierung, die sich ebenso als kontraproduktiv und kriegsverlängernd erweisen wie die Gewaltorgien der Roten Armee.

"Das Ende" ist gut 500 Seiten große Erzählkunst in makellos übersetzter, glasklarer Prosa. Harter Stoff, aber höchst belebend. Kershaws Antwort sagt im Kern: Nichts an all dem war unfassbar, gar übermenschlich - es war von Menschen gemacht. Und wurde möglich aufgrund spezifischer - in diesem Fall deutscher - Herrschafts- und Mentalitätsstrukturen. Wer Wiederholung verhindern will, muss früh genug in die Speichen greifen.

Besprochen von Pieke Biermann

Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45
Aus dem Englischen von Klaus Binder, Bernd Leineweber, Martin Pfeiffer
DVA, München 2011
704 Seiten mit Abbildungen, 29,99 Euro

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