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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 03.09.2008

"Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg"

Zur Entstehung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald

Von Axel Doßmann

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KZ Buchenwald (AP)
KZ Buchenwald (AP)

Es war Ort größten Elends und Massensterbens – das Konzentrationslager Buchenwald. Mehr als eine Viertel Million Menschen mussten hier das Lagerleben durchleiden. 1958 wurde in Buchenwald die erste "Nationale Mahn- und Gedenkstätte" der Deutschen Demokratischen Republik auf dem ehemaligen Lagergelände eingeweiht. Bis zur Wende pflegte die DDR hier auch Mythen und bequeme Geschichtsbilder.

Radioreporter 1958: "Strahlende Sonne über dem Thüringer Land, strahlende Sonne über dem Ettersberg bei Weimar. Eben kommen die Ehrengäste die breite Treppe herunter (Klatschen), ich sehe Ministerpräsident Otto Grotewohl und die Zehntausenden, die sich hier versammelt haben, klatschen begeistert und winken den Sprechern der 21 Nationen zu."

Der 14. September 1958.

Radioreporter 1958: "Seit den frühen Morgenstunden pilgert das Volk von Weimar hier herauf zum Ettersberg. (Klatschen im Hintergrund) Schon um 6 Uhr sah ich die Menschen vorbei gehen, um die neun Kilometer hier herauf zurück zu legen."

An diesem Spätsommertag wird mit zehntausenden Besuchern die erste große KZ-Gedenkstätte auf deutschem Boden eingeweiht: Die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald.

Radioreporter: "Es war ein erschütternder Eindruck und ich habe selten so etwas erlebt, als die einzelnen Nationen hier vom Beifall umbrandet hier herunterzogen, größere und kleine Gruppen mit ihren Fahnen. Und immer wieder wurde, wie jetzt wieder, gejubelt, immer wieder wurde geklatscht. Und immer wieder, und das war das, was jeden gepackt hat, der hier war, immer wieder tönten die Rufe auf: 'Deutschland!' Es tönte der Ruf auf: 'Frieden!'"

Mit dem monumentalen Mahnmal ist auch das erste Nationaldenkmal der DDR entstanden. Fernsehen wie Hörfunk sind bei der Einweihung live dabei.

Reporter: "Eine solche Feier, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist in Westdeutschland leider unmöglich. Aber hier in der Deutschen Demokratischen Republik wird der antifaschistische Kampf, hier in der DDR wird der Kampf für den Frieden vom ganzen Volk mit seiner Regierung getragen."

Der festliche Einweihungsakt dient der Selbstlegitimation eines Staates, der seit seiner Gründung immer mehr Bürger durch Flucht in den Westen verliert.

Reporter: "Ich stehe am Fuße des 50 Meter hohen, grauen Steinturmes, der die Buchenwaldglocke trägt und der die Gedenkstätte krönt. Vor dem Turm ein großer rechteckiger Platz, auf dem jetzt die Menschen Kopf an Kopf stehen und zum Turm sehen, wo auf der unteren Balustrade inzwischen die Ehrengäste mit dem Ministerpräsidenten angekommen sind."

Hauptredner ist Ministerpräsident Otto Grotewohl:

Otto Grotewohl: "Das Ehrenmal ist kein toter Stein. Es soll den kommenden Generationen künden vom unvergänglichen Ruhm des mutigen Kampfes gegen die Tyrannen für Frieden, Freiheit und Menschenwürde. Wir wollen damit den durch den Hitlerfaschismus geschändeten Namen Deutschlands vor der Welt wieder reinwaschen. Dieses Mahnmal soll eine Stätte der Freundschaft zum großen Sowjetvolk sein, das unser Volk und Europa vom Hitlerfaschismus befreite, über dieser Stunde steht das Wort: Ruhm und Ehre den Helden des Widerstandes und den Opfern des faschistischen Terrors."

Zwar haben Amerikaner das KZ Buchenwald befreit, aber dieser Widerspruch zur Rede Grotewohls zeigt nur, dass es an diesem Tag in Buchenwald nicht um historische Aufklärung geht. Im Zentrum der internationalen Veranstaltung, die mit einem Feuerwerk eingeleitet wurde, steht offenkundig auch nicht stilles Totengedenken. Anliegen der DDR-Regierung ist Mahnung und staatspolitische Verpflichtung. Unter dem Klang der Glocke im Turm der neuen Mahnmalsanlage prägt Ministerpräsident Grotewohl für lange Zeit verbindliche Geschichtsbilder.

Otto Grotewohl: "Wir gedenken der tapferen Söhne und Töchter aus allen Ländern Europas, die sich dem Terror und der brutalen Gewalt nicht beugten, deren tapferes Sterben eine furchtbare Anklage gegenüber ihren Mördern und ein stummes Werben für die Freiheit und das Recht der Völker war. Standhaft kämpften sie und standhaft sind sie gefallen. Man hat sie zerbrochen, vergast, erschlagen und zu Tode gequält. Doch sie beugten sich nicht. Aufrecht und treu ihrer großen Idee ergeben, gingen sie in den Tod. "

Mit diesen Worten wird die Mehrheit der Opfer des Lagers ausgeblendet und vergessen gemacht. Denn die politischen Häftlinge und Widerstandskämpfer, auf die sich Grotewohl bezieht, waren nur eine kleine Minderheit unter den mehr als eine Viertel Million Menschen aus fast allen europäischen Ländern, die das Lagersystem Buchenwald erlitten haben. Etwa fünf Prozent aller Häftlinge Buchenwalds stammten aus dem Deutschen Reich. Sie waren 1937 die ersten, die die SS in das neu errichtete KZ deportierte: als politische Gegner des NS-Regimes, als so genannte Asoziale und Kriminelle, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Juden, Sinti und Roma.

Mit Kriegsbeginn kamen neue Häftlinge vor allem aus den besetzten Ländern Europas. In der Endphase des Krieges evakuierte die SS zehntausende Juden und Sinti und Roma aus den Vernichtungslagern in das so genannte Kleine Lager von Buchenwald. Dieser Lagerbereich wurde ein Ort größten Elends und Massensterbens.

Grotewohl: "Zum ersten Mal schwingen heute die Glockentöne vom Turm der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte weit hinaus ins Land und künden vom Heldentum der europäischen Widerstandskämpfer. ... Die Stimmen der Toten und der Lebendigen vereinigen sich in den Glockentönen zu dem mahnenden Ruf: Nie wieder Faschismus und Krieg! Friede sei ihr erst Geläute!"

In der Gedenk- und Einweihungsfeier im September 1958 bleibt der elende Tod vor allem der rassisch und sozial Verfolgten im Lager unerwähnt. Stattdessen gibt es selbstbewusste Kampfansagen gegen westliche Aufrüstung. Warum reden 1958 nicht ehemalige Buchenwald-Häftlinge? Und warum steht auf dem ehemaligen Lagergelände keine einzige Baracke mehr?

Am 12. April 1945, einen Tag nach der Befreiung des KZ Buchenwald, tagt das Parteiaktiv der KPD im Lager. Bei den Vorbereitungen für eine Gedenkfeier an die mehr als 50.000 Toten des Lagers fordert der Kommunist Robert Siewert,

"nicht jedem zu erzählen, dass alle Organe nach den Anweisungen der Partei arbeiten. Die maßgebliche Instanz für die Lageröffentlichkeit ist das internationale Lagerkomitee."

Die deutschen Kommunisten sind als politische Gegner der Nationalsozialisten oft sehr früh in Gefängnisse und Lager des NS-Regimes gekommen. Jetzt, nach der Befreiung, scheint endlich ihre Chance gekommen, den Kampf für eine in ihrem Sinne bessere Welt fortzusetzen. Acht Tage nach der Befreiung, am 19. April 1945, findet die erste große Totengedenkfeier Buchenwalds auf dem Appellplatz des Lagers statt.

Volkhard Knigge: "Diese Feier endet in einer langen Erklärung, in der man den alliierten Armeen dankt für die Befreiung. Aber diese Erklärung endet in einer Schwurformel, die dann für das SED-kommunistisch geprägte Gedenken verbindlich wird, dem so genannten Schwur von Buchenwald."

"Deshalb schwören wir hier vor der ganzen Welt an dieser Stelle faschistischer Gräuel: Wir werden den Kampf erst aufgeben, wenn der letzte Schuldige vom Gericht aller Nationen verurteilt ist. Die endgültige Zerschmetterung des Nazismus ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ideal."

Denn noch ist der Krieg nicht beendet, sind die Verantwortlichen nicht verurteilt. In der Schwurformel ist allerdings auch schon ein Bezug auf die kommunistische Faschismus-Definition hergestellt. Zerschmetterung des Nazismus war in dieser Lesart auch die Forderung nach Zerschlagung des Kapitalismus und bürgerlicher Herrschaft. Dieser Schwur machte Sinn für den aktiven Kern der kleinen Gruppe von etwa 75 deutschen Kommunisten. Sie hatten den Nationalsozialisten mitten in Deutschland Widerstand geleistet und sogar unter dem Terror der SS im Lager den Kampf nicht aufgegeben.

Volkhard Knigge: "Sie sehen natürlich ihre Geschichte in dieser Perspektive als eine vorbildliche Geschichte, die es weiterzugeben gilt."

Volkhard Knigge, Historiker, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald.

"Sie sehen aber auch ihre Geschichte als ein Zentralkapitel im Ringen der Menschheit im kommunistischen Selbstverständnis, um eine endgültig glückliche Gesellschaft, die frei von Ausbeutung und frei von Kriegen ist. Und die Erfahrung des Nationalsozialismus, des verbrecherischen Krieges, des Genozids, der Massenmorde, der Ausplünderungen, der Folter bestätigt sie natürlich zunächst einmal in dieser Haltung: eine solche Form von Geschichte, eine solche Form von Gesellschaft muss ein Ende finden! Also so gesehen ist es nachvollziehbar, warum sie sich durchaus legitimiert sehen, dieses Buchenwald-Gedächtnis zu bauen."

Wer aber darf künftig am Buchenwald-Gedächtnis mitarbeiten? Darüber werden nicht allein die gerade befreiten politischen Häftlinge entscheiden, sondern auch die SED-Spitze um Walter Ulbricht, die überwiegend aus dem Moskauer Exil zurückgekehrt war. Kaum sind die ersten, noch sehr widersprüchlichen und facettenreichen Erinnerungen von Überlebenden erschienen, zeigen sich bereits erste Anzeichen von Zensur. Aber 1945 gibt es noch keine Verbote, betont der Historiker Harry Stein:

Harry Stein: "Zwei Jahre später dann schon, werden Bücher zurückgezogen, werden also vom Markt genommen, gelten als falsche Darstellungen, also da beginnt schon eine Disziplinierung des ganzen Diskurses. Als falsch gilt zum Beispiel, wenn Rolf Weinstock in seinem Buch beschreibt, wie die Amerikaner nach Buchenwald kommen und überhaupt die Amerikaner als Befreier sehr stark würdigt, das gilt als falsch."

Die deutschen Kommunisten wollen vielmehr ihre eigene Rolle in der geheimen militärischen Organisation des Lagers betont sehen. Bewaffnete Häftlinge hatten mit dem Anrücken der Amerikaner das von der SS bereits weitgehend aufgegebene Lager unter ihre Kontrolle genommen. Der Stoff, aus dem später die Legende von einem regelrecht bewaffneten Aufstand gestrickt wurde: Die Selbstbefreiung des Lagers.

Harry Stein: "Wobei eben in diesen Jahren von `45 bis `50 auch noch typisch ist, dass auch die andere Erzählung, die Selbstbefreiung, nicht etwa jetzt der große Renner ist. Sondern die ist auch nicht gefragt! Weil die Gruppe um Walter Ulbricht, die im Grunde aus dem sowjetischen Exil kam, mitnichten daran interessiert war, dass die Buchenwalder zu Helden des Widerstandes wurden und entsprechend mit großer Autorität ausgestattet in der sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR irgend etwas zu sagen hatten. Also es tun sich ja parallel Prozesse der Entmachtung dieser Buchenwalder Gruppe auf und man hatte insofern keinerlei Interesse, deren heroische Erzählungen weiter zu befördern."

1946 werden auf Veranlassung von Walter Ulbricht einigen der ehemals führenden kommunistischen Funktionshäftlingen "schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vorgeworfen. Beschuldigungen wegen Beteiligung am Terror der SS gab es zuvor auch von amerikanischer Seite. Insofern muss die Erinnerung vormaliger politischer Häftlinge Buchenwalds auch als Versuch begriffen werden, sich gegen solche harten Vorwürfe zu verteidigen. Doch die führenden Mitglieder der Lager-KPD verlieren diesen Machtkampf innerhalb der SED. In Parteisäuberungen werden sie ab 1950 schrittweise entmachtet, zwei der "roten Kapos" bringen sowjetische Militärgerichte in den GULAG, ein Schauprozess, wie gegen den kommunistischen Parteifunktionär Rudolf Slansky in Prag, wird vorbereitet.

Das Lager Buchenwald ist schon im Sommer 1945 umfunktioniert worden: Unmittelbar nach dem Abzug der Amerikaner aus Thüringen richtete das sowjetische Militär auf dem Gelände des ehemaligen KZs das Speziallager Nr. 2 ein - eines der Internierungslager für Täter und Mitläufer des NS-Regimes, aber auch für Unschuldige und politisch missliebige Personen. Mehr als 7.000 Männer und Frauen der juristisch nie untersuchten Internierten sind in diesem Lager an Hunger und Krankheit gestorben.

Erst im Februar 1950, wenige Monate nach Gründung der DDR, löst das sowjetische Militär das Speziallager auf. Das noch weitgehend erhaltene KZ-Gelände ist ab Herbst 1950 wieder für Besucher zugänglich. Bis 1952 aber werden viele Gebäude auf dem Lagergelände systematisch abgebaut. In diesen Jahren kommen viele Überlebende aus dem Ausland zu so genannten Wallfahrten nach Buchenwald, zurück an den Ort ihrer Gefangenschaft, an dem sie Freunde und Kameraden verloren hatten.

Volkhard Knigge: "Und die sind entsetzt und fragen sich, wo ist das Lager geblieben? Warum erkennt man hier nichts mehr? Man darf ja nicht vergessen, dass die Überreste des Lagers in Häftlingssicht doch so etwas wie Zeugen und Zeugnisse waren, aber auch stellvertretende Grabdenkmäler. Das ganze Lager war in dieser Sicht ein heiliger Ort, schon Ort eines Martyriums. Und natürlich wären diese Überreste, die Baracken und so weiter, Mahnmale gewesen."

Die sowjetischen Militärs haben die Baracken nicht verschwinden lassen. Im Gegenteil, sie plädierten für den Erhalt der KZ-Relikte und hatten bereits im Juli 1949 vorgeschlagen, `im Lager Buchenwald ein Nationalmuseum einzurichten´, nach dem Vorbild von Auschwitz und Theresienstadt. Es war das Politbüro der SED, das im Herbst 1950 im Geheimen den weitgehenden Abriss des Lagers beschlossen hat: Diese Entscheidung zum Abriss geht auf Vorschläge des kommunistisch dominierten Buchenwald-Komitees zurück, und zwar gegen den Wunsch anderer ehemaliger Häftlinge, die die baulichen Überreste als authentische Dokumente des Lagers erhalten wollten.

Volkhard Knigge: "Man muss sich klar machen, ´53 steht von diesem Lager so gut wie nichts mehr. Die Effektenkammer, das Krematorium, das Lagereingangstor, das berühmte, die Wachtürme links und rechts davon, der Rest ist aber doch schon verschwunden. Die Häftlingskantine steht auch noch, aber der Rest ist weg. Es gibt Bruchsteinfelder, Geröll, Trümmer, ordentlich sortiert, Backsteine aufgestapelt und so weiter. Aber wer das Lager nicht erlebt hat, kann sich nun überhaupt nicht mehr orientieren."

Viele Holzbaracken sind verkauft und werden in Thüringen weiter genutzt. Die wenigen erhaltenen Relikte auf dem Lagergelände aber werden als authentische Sachzeugnisse umso mehr mit großer symbolischer Bedeutung überfrachtet: Das Torgebäude mit der Uhr soll als Erinnerung für die angebliche Selbstbefreiung des Lagers durch den kommunistischen Widerstand begriffen werden. Das Krematorium als Ort, an dem der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann 1944 von der SS erschossen wurde. Die Leere des Geländes nach dem Abriss sämtlicher Baracken soll ein Sinnbild sein für die restlose Zerschlagung des Faschismus.

Volkhard Knigge: "So gesehen haben wir es bei dem Abriss ja nie nur mit einer Zerstörung zu tun, sondern mit einer Interpretation. Also zum Beispiel das Bild der uneingeschränkten Leidens- und Solidargemeinschaft, als die die Häftlingsgesellschaft ja in der kommunistischen Perspektive dargestellt wird, wäre in Frage gestellt worden durch die Existenz des Kleinen Lagers zum Beispiel, ein Hauptsterbeort."

Darum wird genau dieser Bereich des Kleinen Lagers der Natur überlassen, für Besucher unzugänglich, ohne jeden Hinweis. Der Ort, an dem am Ende des Krieges noch Tausende starben, bleibt bis Anfang der 1990er Jahre ausgegrenzt aus der Buchenwalder Erinnerungslandschaft.

Volkhard Knigge: "Also heißt der Abriss einmal: Sich Luft schaffen, im buchstäblichen Sinne, für die Interpretation, die nicht mehr gestört wird. Und andererseits braucht man dann ein Minimum an authentischen Überresten, die die Interpretation zugleich beglaubigen."

Die SED-Regierung erkennt in der Erinnerung an Buchenwald ein wirkungsmächtiges Mittel, ihre offenkundig werdenden Legitimationsdefizite zu kompensieren. Immerhin hatte das sozialistische Land am 17. Juni 1953 mit den landesweiten Volksaufständen seine bislang tiefste politische Krise erlebt. Schon ein paar Monate später, Ende '53, beschließt die DDR-Regierung den Aufbau einer Nationalen Gedenkstätte Buchenwald. Die Gruppe von Buchenwalder Kommunisten muss dabei in die zweite Reihe zurück treten, sie werden erst 1955 von der SED rehabilitiert, längst haben andere Genossen die Regie für das Buchenwald-Gedenken an sich gerissen. Verantwortlich für das ehemalige Lagergelände wird das Museum für deutsche Geschichte in Berlin. Das Ministerium für Kultur übernimmt die Planungen für das große Mahnmal, das bis 1956 am Südhang des Ettersberges entstehen soll.

Es war das sowjetische Militär, das bereits 1946 gefordert hatte, an diesem Südhang die inzwischen verwahrlosten Häftlingsgräber in Ordnung zu bringen. 1947 wurde die Grabstätte umgewandelt in einen Ehrenhain. "Ehrenhain", das Wort signalisiert, an die hier begrabenen Toten soll weniger als Opfer, sondern eher als gefallene Helden erinnert werden. Die ehemaligen Führer der Lager-KPD wünschen sich am selben Ort ein großes "Völkerdenkmal der Widerstandsbewegung". 1952 entstehen erste Konzepte und Skizzen. Wilhelm Girnus, langjähriger Häftling im KZ Sachsenhausen und stellvertretender Chefredakteur des "Neuen Deutschland", kritisiert Fritz Cremers frühe Entwürfe für die später berühmte Plastik einer Buchenwalder Häftlingsgruppe. Girnus argumentiert:

"Wenn man die Angelegenheit historisch konkret betrachtet, dann war es doch so, dass unsere Häftlinge von den Amerikanern befreit worden sind. Die typische Situation war doch, dass das deutsche Volk nicht gekämpft hat. Es geht aber nicht um die typische Situation. Die ganze Angelegenheit ist doch Teil eines großen Weltkonfliktes, und die Menschen, die in den KZ-Lagern eingesperrt waren, waren ebenfalls nur Teil in dem großen Kampf. Die Plastik würde ein ganz anderes Gesicht bekommen, wenn ein sowjetischer Soldat in der Gruppe stehen würde."

Nicht um konkrete Geschichte geht es, sondern um überhöhte, mythische, bis zur Unkenntlichkeit verzerrte, aber brauchbare Bilder von einer Vergangenheit, die in die Gegenwart des Kalten Krieges passen mussten. Im September 1958, nach vielen internen Debatten, sind die geschichtspolitischen Ziele der SED-Führung mit dem Mahnmal steinerne Realität geworden. Die Gestaltung des Lagergeländes und des Mahnmals folgt ein und demselben Leitmotiv: "Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg."

Der Besucher soll seinen Rundgang am Krematorium beginnen, dort, wo viele Tote des Lagers verbrannt wurden. Aber das ist nicht der Hauptgrund, wie der Kommentator des DDR-Fernsehens erläutert:

TV-Kommentator: "Hier ist die Stätte, an der einer der größten Söhne unseres Volkes erschlagen wurde: Ernst Thälmann. Dessen Name unvergänglich ist, dessen Werk in der Wirklichkeit unserer Republik weiterlebt. Gestern hat das Politbüro der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, unter der Führung von Walter Ulbricht, hier einen Kranz niedergelegt, dem viele andere folgten."

Vom Krematorium soll der Besucher über den Appellplatz zum "Museum des Widerstandes" gehen und danach das ehemalige Lager durch das Lagertor, dem Symbol für die angebliche Selbstbefreiung der Häftlinge, verlassen und zur Mahnmalsanlage laufen. Dort wiederholt sich die politische Inszenierung als säkularer Kreuzweg. Zunächst steigt der Besucher Treppen hinab in die Tiefe, in die "Nacht des Faschismus", hin zu einem der drei großen, mit Steinen umfassten Ringgräber:

Radio-Reporter: "Der Weg wird links durch sieben Gedenksteine begrenzt, auf deren Vorderseite Reliefs die Leiden und den Kampf der Gefangenen zeigen. Vom Leiden und vom Kampf der Antifaschisten in Buchenwald sprechen auch die Verse von Johannes R. Becher auf der Rückseite der Steine."

Auf den unteren Stelen wird dargestellt, wie Häftlinge nach der Ermordung Ernst Thälmanns zu den versteckten Waffen greifen. Es folgt ein Relief zur siegreichen Selbstbefreiung. Diesen verheißungsvollen Ausgang der Geschichte vor Augen wird der Besucher am ersten Massengrab vorbei in die "Straße der Nationen" gelenkt.

Radioreporter: "Ihre Begrenzung bildet eine Mauer, unterbrochen durch 18 hohe Quader aus Naturstein, welche die Namen der 18 Nationen tragen, deren Söhne hier gelitten haben und die durch kupferne Flammenschalen gekrönt werden, aus denen jetzt der schwarze Rauch der Flammen schlägt."

An einem dritten Ringgrab führt der Weg links nach oben: Der Besucher schreitet über die breite, in hellem Stein gemauerte Treppe den Hang hinauf, die "Treppe der Freiheit". Sein Blick wird auf die weiß-leuchtende Spitze des Glockenturmes gerichtet, den "Turm der Freiheit", für den die Architekten Steine genutzt hatten, die für das NS-Gauforum in Weimar gehauen worden waren. Am Ende der Treppe angelangt steht der Besucher auf einem weiten Platz, dem Aufmarschplatz, dort, wo künftig die meisten der Buchenwalder Massenveranstaltungen stattfinden: Jugendweihen, Kampfdemonstrationen, Vereidigungen von Jungen Pionieren, der Freien Deutschen Jugend oder Soldaten der Nationalen Volksarmee.

Radioreporter: "Den Mittelpunkt des großen Platzes vor dem Turm bildet eine Gruppe überlebensgroßer Plastiken. Die elf Gestalten von Häftlingen, die keilförmig angeordnet sind, symbolisieren in mitreißender Dynamik Zweifel, Hoffnung und Siegeszuversicht der antifaschistischen Widerstandskämpfer."

"Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg": Tod im Lager wird heroisch verklärt, aus Opfern werden ungebrochene Kämpfer gegen den Faschismus und Märtyrer für eine gerechtere Welt, die als historisches Erbe vor allem die Jugend zum Kampf an der Seite der Kommunisten verpflichtet. Die Einweihung 1958 endete mit einem Schwur, den der Schauspieler und KZ-Überlebende Wolfgang Langhoff sprach:

Langhoff: "Wir geloben, stets für die Verständigung und die Freundschaft zwischen den Völkern einzutreten. Wir, die wir heute erneut unsere unverbrüchliche Einheit und solidarische Verbundenheit bekräftigen, rufen Europa und der ganzen Welt zu: Wenn wir uns gemeinsam schützend vor das Leben stellen, wird Frieden sein, in der Welt!"

Reporter: "Nach dem Schwur von Buchenwald blickt die Menschenmenge nun nach oben. Aus dem Turm der eben geweihten Mahn- und Gedenkstätte fliegen Tauben. Die Taube ist das Symbol des Friedens. So soll von hier aus der Friede in alle Welt ziehen."

In den ersten drei Monaten nach der Einweihung kommen mehr als 250.000 Besucher. Zahlenmäßig gewiss ein Erfolg. Aber wie gehen sie mit der Mahn- und Gedenkstätte um? Am neuen Mahnmal folgen nur Wenige dem empfohlenen Weg, viele wollen gleich auf den Turm, um von dort den Ausblick aufs Thüringer Land zu genießen. Einige Besucher sind entsetzt über die "Volksfeststimmung" und schreiben Protestbriefe an Repräsentanten des Staates:

Thüringer Rostbratwürste, Erfrischungen aller Art an diversen Seltersbuden und hin- und hereilende Besucher, die einen im Menschengewühl verloren gegangenen Angehörigen oder Freund suchten. Wessen gedachte man hier? Was nahm man mit von hier? Profan das Wort zu nennen: Rummelplatz. Aber profan war auch alles, was sich auf der blutgetränkten Erde abspielte.

Zitatorin: Vor dem Eingang zum Krematorium stauten sich hunderte von Menschen. Es herrschte ein großes Gedränge. Alles schob und drückte und versuchte, möglichst viel zu sehen. In der Menge hörte man Rufen und Lachen, es wurde geraucht und gegessen, geschimpft und geflucht. Es war unmöglich, mit dem Kranz voranzukommen.

Offenbar hatte das Geschichtsbewusstsein der Bürger wenig mit dem propagierten Bild des Antifaschismus in der DDR gemein.

1958 hatte die DDR mit dem Buchenwald-Mahnmal die erste große KZ-Gedenkstätte auf deutschem Boden errichtet. Das brachte der DDR bei aller geschichtspolitischen Einseitigkeit auch viel Anerkennung, nicht nur bei einst Verfolgten des Nationalsozialismus. In Westdeutschland war das ehemalige KZ Dachau 1958 noch eine Wohnsiedlung, Neuengamme beherbergte ein Gefängnis. Später zerstörte man auch in der Bundesrepublik zunächst die Relikte der ehemaligen Lager, bevor man aus ihnen Gedenkstätten machte.

Die Buchenwalder Gedenkstätte hat sich seit dem Ende der DDR wesentlich verändert. Jahrelang wurde erbittert darum gestritten. Es war ein geschichtspolitischer Streit, denn es ging auch um ein Symbol der DDR. Seit 1991 ist die Neukonzeption nicht mehr von politischen Vorgaben gesteuert. Die neue, nüchterne und materialreiche Dauerausstellung beruht auf wissenschaftlicher Forschung, sie ist ein Abschied von Mythen und bequemen Geschichtsbildern. Und es wird auch an die Zeit des sowjetischen Speziallagers erinnert, jene stalinistische Geschichte nach 1945, die von der Gedenkstätte Buchenwald bis zum Ende der DDR verschwiegen worden war.

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