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Freitag, 19.01.2018

Konzert / Archiv | Beitrag vom 19.11.2015

DSO Berlin mit David Fray und Marcelo LehningerPiniencharme und Peitschenknall

Aufzeichnung aus der Philharmonie

Der Pianist David Fray (JB Mondino/DSO)
Der Pianist David Fray (JB Mondino/DSO)

Musik der goldenen Zwanziger Jahre aus Frankreich, Italien und Russland spielte das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin. Als Solist des G-Dur-Konzerts von Maurice Ravel war der französische Pianist David Fray zu erleben. Den Abend mit der ersten Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch und den "Pini di Roma" von Ottorino Respighi leitete der brasilianisch-deutsche Dirigent Marcelo Lehninger.

Eigentlich hätte es ein Abend der Jugendlichkeit und der Musik des Aufbrauchs werden sollen. Doch dann begann der Abend am Sonnabend in der Philharmonie Berlin mit einer Schweigeminute für die Opfer der Terroranschläge von Paris. Für die Musikerinnen und Musiker des DSO Berlin war es im Anschluss eine Herausforderung, sich in die fantastisch-groteske Welt eines knapp 19 Jahre alten Komponisten hineinzudenken. Dmitrij Schostakowitsch lieferte mit seiner Ersten Sinfonie ein Meisterwerk, das alles beinhaltet, was er im Laufe seines Lebens zu einem umfassenden und ergreifenden musikalischen Gesamtwerk ausbauen sollte - sehr individuelle Formen grotesker Klänge genauso wie tief empfundene Emotionen, die an die Grenzen des allgemein Üblichen gingen.

Der junge Schostakowitsch schrieb seine Sinfonie eigentlich "nur" als Diplomarbeit im Rahmen seines Studiums am Leningrader Konservatorium. Doch alle Beteiligten hatten nach der Uraufführung dieser Examensarbeit das Gefühl, "eine neue Seite in der Geschichte der Symphonik" aufgeschlagen zu haben (wie der Uraufführungsdirigent Nikolai Malko notierte). Auf jeden Fall haftet dieser Sinfonie überhaupt nichts Akademisches an, was man bei einer Abschlussarbeit durch aus erwarten könnte, und dem "Teenie"-Komponisten gelingt es vollkommen, in einer eigenen Sprache, in einem eigenen Stil zu schreiben. Vorbilder mag er gehabt haben - hören kann man sie in diesem Stück nur, wenn man ganz tief hineinhorcht. Eine etwas traurige Empfindung kann man beim Hören dieser Sinfonie durchaus haben: Die schroffe, überaus sarkastische, modernistische und experimentelle Seite des Komponisten wird hier deutlich erkennbar - aufgrund der stalinistischen Politik konnte Schostakowitsch diese Seiten seiner musikalischen Persönlichkeit bald nicht mehr ausleben, was ihm - nicht zuletzt im Westen - den Ruf einbrachte, ein "unmoderner" Komponist zu sein.

Sein französischer Zeitgenosse Maurice Ravel wunderte sich in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, warum sich nicht mehr US-amerikanische Komponisten mit dem Jazz beschäftigten. Ravel fand diesen neuen Musikstil aus der Neuen Welt so spannend, dass er ihn mit der von ihm so verehrten baskischen und spanischen Folklore zu einer ganz eigenen Art von Musik verschmolz. Komplexe Rhythmen, packende Szenen und plötzliche Lyrismen wechseln sich in seinem G-Dur-Konzert im Minutentakt ab - neben den technischen Schwierigkeiten ist dieses Auf-und-Ab die größte Herausforderung für einen Solisten. Dieses Klavierkonzert vom Beginn der 30er Jahre besitzt durchaus einen spielerischen, einen hellen und optimistischen Charakter. Der französische Pianist David Fray hatte die schwere Aufgabe, am Tag nach den Pariser Anschlägen dieses Werk zu spielen. Doch Musik kann Stärke verleihen, wenn sie selbst stark ist. Seine Zugabe widmete Fray dann seinem Land und den Opfern - in jeder anderen Situation hätte sein Auftritt größten Jubel verursacht, aber nun war es ein würdiger musikalischer Beitrag, geprägt von Trauer und Fassungslosigkeit.

Am Ende des Konzertabends stand ein enorm aufwändiges Werk - die "Pinien von Rom", eine vierteilige Symphonische Dichtung für ein durch Orgel, sechs im Raum verteilte Blechbläser und Nachtigallenstimme vom Band verstärktes großes Sinfonieorchester. Römische Geschichte wollte Respighi hier anhand der botanischen Zeitzeugen erzählen, die vor der Villa Borghese, an den Katakomben, auf dem Janiculus-Berg und an der altrömischen Via Appia stehen. Diese Rückbesinnung auf die "große" italienische Geschichte und das musikalische Beschwören einer "nationalen Wiedergeburt" war im Entstehungsjahr des Werkes - 1924 - nicht mehr ganz so unschuldig, wie es die treuen, aber stummen Pinien, die "Symbole der mediterranen Kultur" (Habakuk Traber) vermuten lassen.

 

Philharmonie Berlin

Aufzeichnung vom 14. November 2015

 

Dmitrij Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 1 f-Moll op. 10

 

Maurice Ravel

Konzert für Klavier und Orchester G-Dur

 

Ottorino Respighi

"Pini di Roma" - Sinfonische Dichtung für Orchester

 

David Fray, Klavier

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

Leitung: Marcelo Lehninger

Konzert

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