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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.10.2016

Douwe Draaisma: "Halbe Wahrheiten" Vom seltsamen Eigenleben unserer Erinnerungen

Von Susanne Billig

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Eine Menschenmenge wird verzerrt und verschwommen dargestellt. (picture-alliance/ dpa / Fredrik von Erichsen)
Eine Menschenmenge wird verzerrt und verschwommen dargestellt. (picture-alliance/ dpa / Fredrik von Erichsen)

Erinnerungen sind nicht eindeutig, sie vermitteln lediglich eine Version dessen, wie es gewesen sein könnte. Das erklärt der niederländische Psychologe Douwe Draaisma in seinem Buch "Halbe Wahrheiten". Sehr deutlich wird das am Beispiel des wiederholten Lesens.

Mit seinen Geschichten zieht Douwe Draaisma tief in die Fragen hinein, die er aufwerfen möchte: Was ist Erinnerung? Gibt es nur eine Erinnerung? In einer davon taucht der "Unabomber" Ted Kaczynski auf, ein amerikanischer Mathematiker, der 16 Briefbomben verschickte, damit tötete und verletzte. So detailliert schildert Draaisma Ted Kaczynskis Lebensweg und seine wachsende Überzeugung, die moderne Technik führe zur Zerstörung von Mensch und Natur, dass man am Ende fast schon begreift, warum der Mann Bomben legen wollte.

War Ted Kaczynski geistig krank? Oder politisch hellwach? Gefühllos und brutal? Oder zu sensibel für eine Welt, die alle Wildnis vernichtet? Gutachter, Biografen, Familienmitglieder, der Maschinenstürmer selbst setzten sein Leben zu den unterschiedlichsten Szenarien zusammen – "die Wahrheit" über Ted Kaczynski zerbirst in tausend Variationen.

Vergangenheit ist offen

Wir stellen uns die Zukunft gerne offen vor, sagt Douwe Draaisma. Doch das Gegenteil ist ebenso wahr: Auch unsere Vergangenheit ist offen, denn Erinnerungen vermitteln lediglich eine Version dessen, wie es gewesen sein könnte.

Wunderbar plastisch führt der Autor die Konstruktion von Erinnerungen am Beispiel des wiederholten Lesens vor, das jeder aus eigener Erfahrung kennt. Als er nach über 40 Jahren die biblische Geschichte des Josef einmal wieder zur Hand nimmt, entfaltet sich für Douwe Draaisma ein ganz anderes Panorama als früher in der Kinder-Bibelstunde: Statt eines Jungen, der von seiner Familie verstoßen wird und am Ende als mächtiger Mann am Hof des Pharao über das erlittene Unrecht triumphiert, liest der 60-jährige Autor nun von einer Patchwork-Familie ohne inneren Zusammenhalt und einem Josef, der auf Rache verzichtet und die Wunden in seiner Familie heilt, indem er die anderen sehen macht und ihnen verzeiht.

Keine autobiografische Gewissheit

Nicht zuletzt beeindrucken Douwe Draaisma heute auch die erzähltechnischen Raffinessen der Story mit ihren Spannungsbögen und Wendepunkten. "Die Bibel ist in den 40 Jahren, in denen ich sie kaum zur Hand nahm, vor allem eins geworden: deutlich besser", resümiert er humorvoll.

Der Niederländer führt uns auf schwankenden Boden, zeigt er doch, wie wenig autobiografische Gewissheit es gibt. Wer sich dieser Idee öffnet, wird jedoch belohnt: mit der Freude, sich – im Rückblick auf eine vieldeutige Vergangenheit – als einen Mensch zu erleben, der lernt und wächst.

Douwe Draaisma: Halbe Wahrheiten – Vom seltsamen Eigenleben unserer Erinnerungen
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
Galiani Verlag, Berlin 2016
256 Seiten, gebunden, 16,99 Euro

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