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Kompressor | Beitrag vom 28.09.2016

Douglas CouplandMit Pop Art gegen Daten-Verrottung

Von Tobias Krone

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Der Schriftsteller und Künstler Douglas Coupland vor einem seiner Werke im Museum MOCA in Toronto. (imago / Marta Iwanek)
Der Schriftsteller und Künstler Douglas Coupland vor einem seiner Werke. (imago / Marta Iwanek)

Mit seinem Roman "Generation X" hat Douglas Coupland ein Stück Zeitgeschichte eingefangen. Die präsentiert er auch als bildender Künstler in der Münchner Ausstellung "Bit Rot" – neben Arbeiten zu verrottenden Daten ist eine Totenmaske David Bowies zu sehen.

Verfaulende Daten. Das durchaus ernste Anliegen von Douglas Coupland ist etwas abstrakt. Und sehr persönlich. Doch es ähnelt der persönlichen Sorge meines Vaters um Tonspuren aus dem Jahr 1989.

Papa: "Im Kindergarten erzählt ihr doch ab und zu auch ganz unanständige Sachen, gell?"
Tobi: "Ja."
Papa: "Was darf man denn zum Beispiel nicht sagen?"
Tobi: "Ähm. Scheiße."
Papa: "Das kannst du schon sagen?"
Tobi: "Ja."

Der geständige Sohn, das bin ich mit vier Jahren. Immer wieder versammelte mein Vater die Familie zum Plaudern vor seinem Tonbandgerät. Vor drei Jahren ließ er die Aufnahmen dann auf CD brennen. In seinem unerschütterlichen Fortschrittsglauben meint er nun, die Erinnerungen seien so ein für Allemal gesichert. Ein Irrglaube.

Digitales ist schnell verderblich

Douglas Coupland: "Es ist komisch, beispielsweise eine Schallplatte aus dem 20. Jahrhundert – die ist sehr viel haltbarer als irgendeine elektronische Datei. Ich bin neulich über diese Box mit alten Dateien gestolpert. Ich dachte mir, wow, schau mal an! Ich bin damit zu einem Elektronikgeschäft gegangen, wo es ein Gerät gibt, das die alten Dateien konvertiert. Und nur 50 Prozent meiner Dateien haben noch funktioniert. Die andere Hälfte hatte sich schon zu sehr zersetzt. Ich wünschte, ich hätte sie damals ausgedruckt. Aber das habe ich nicht. Sie sind jetzt einfach verloren."

Digitales ist schnell verderblich. Kunst aber will Ewigkeit. Die Ausstellung, die Coupland aus eigenen Werken und Stücken aus seiner privaten Pop-Art-Sammlung kompiliert hat, ist daher auch komplett analog. Es ist seine Vision zum Anfassen.

Coupland träumt von einer App, die alle Sinneseindrücke unseres Lebens speichert. Stimulierte Erinnerung. Und das in Welten, die sich permanent wandeln. Schon die meterhohe Tag-Cloud am Eingang aus typischen Internet-Floskeln wie "Oh my God" oder dem Sternchensymbol hinterfragt, mit welch ephemerem Neusprech wir uns heute die Welt erschließen.

"Ich schreibe seit einiger Zeit Werbeslogans, um Geld zu verdienen. Und einer der ersten Slogans war: 'Ich vermisse mein Prä-Internet-Gehirn'. Das habe ich vor fünf Jahren geschrieben. Und jetzt – fünf Jahre später – erinnere ich mich gar nicht mehr an meine Gedanken aus der Zeit vor dem Internet. Ich kann mich einfach nicht mehr daran erinnern, was es gewesen ist, damals ich selbst gewesen zu sein. Ich fühle, dass das Medium die Botschaft geworden ist: Nach 20 Jahren sehr, sehr schneller Internetkommunikation - Google kann mir alle Fragen sofort beantworten – bin ich nicht mehr dieselbe Person."

David Bowies Totenmaske

Mit der neuen Zeit älter werden. Das können nicht alle. Etwa David Bowie, der ewige Spaceboy, dem Coupland mit einer Totenmaske huldigt. Die Maske hat er Bowies Stylisten abgekauft, an der dieser früher Make-Up testete. Weiß getüncht, erzählt sie nun vom existentiellen Problem, das der jüngst verstorbene Popstar hatte.

"David Bowies Web-Designer, Rex Ray, ist ein Freund von mir aus Kalifornien. Er hat mir vom Problem erzählt, dass David Bowie nicht mit dem Älterwerden klarkam, dass er immer als Ziggy Stardust erinnert wurde.

Gott, es ist ja auch hart sich vorzustellen, dass er tot ist. Er ist so lebendig bei so vielen Leuten. Die Maske haben wir schon einmal als seine Totenmaske ausgestellt, das war letztes Jahr: Die Idee dahinter war die Unmöglichkeit, sich David Bowie tot vorzustellen. Und dann haben wir die Ausstellung abgebaut am 8. Januar, und am 10. ist Bowie gestorben. Jetzt sieht die Maske sehr, sehr gruselig aus."

Es sind witzige, immer lehrreiche Assoziationen, mit denen Coupland sein ganz persönliches Bilder-Universum offenlegt. Und es damit dem drohenden Datenverfall entreißt. Es ist auch die Sorge um Selbstdokumentation, die Coupland mit allen Facebook-Nutzern dieser Welt teilt. Kritik ist da zweitrangig.

"Gerade passiert ja in der Gegenwartskultur diese schizophrene Sache, vor allem in Deutschland, wo die Menschen auf ihr Recht pochen, vergessen zu werden. Sie wollen, dass ihr Name aus Google genommen wird. Und ich denke, das ist okay. Ich bin damit fast einverstanden.

Aber gleichzeitig will jeder für immer erinnert werden mit einem Blog oder einer Webseite oder einem Foto. Man kann aber nicht beides haben. Du musst das eine oder das andere wählen. Wenn man beides wählt, dann ist man irgendwie scheinheilig. Wir sind jetzt in dieser Situation gefangen und es gibt keine Antwort. Es wird immer nur noch alles schneller und schneller. Aber zurück können wir nicht."

Douglas Coupland. Bit Rot.
Die Ausstellung in der Münchner Villa Stuck eröffnet am Donnerstag und läuft bis zum 8. Januar 2017. 

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