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Friedhofsbesuche mit Schriftstellern / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

Donna Leon

Friedhofsinsel San Michele in der Lagune von Venedig, Italien

Von Tobias Wenzel

Donna Leon auf der Friedhofsinsel San Michele (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)
Donna Leon auf der Friedhofsinsel San Michele (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)

Warum erklärt Donna Leon auf einem Friedhof den Italienern ihre Liebe und schickt kurz darauf Hasstiraden gen Himmel?

"Es ist die 42 oder die 52, glaube ich."

Donna Leon steht an einer Anlegestelle der Fondamente Nove von Venedig und hält Ausschau nach der Linie, die nach San Michele fährt. Ein Boot legt an.

"Zum Friedhof? Gut, danke."

Wir fahren auf eine rot-weiße Mauer zu, die von zahlreichen Zypressen überragt wird. Nur 400 Meter trennen die Insel San Michele von Venedig. Sechs Euro kosten Hin- und Rückfahrt.

"Es überrascht mich, dass man dafür bezahlen muss. Es sollte für die Einwohner Venedigs umsonst sein, den toten Ehemann, die tote Frau oder die toten Kinder zu besuchen. So wie jetzt ist das nicht in Ordnung."

In Donna Leons Krimis, und nur dort, befindet sich hier auf der Friedhofsinsel das Gebäude der Gerichtsmedizin. Schon in ihrem erstem Roman "Venezianisches Finale" sucht Commissario Brunetti deshalb San Michele auf und schaut auch gleich beim Grab seines Vaters vorbei.

"Ich mag diesen Ort. Sehen Sie sich das an! Diese Blumen! In einigen Punkten machen mich die Italiener verrückt. Aber eine ihrer besten Eigenschaften ist das hier: die Verehrung ihrer Toten. Dafür liebe ich sie."

Die Grabfelder sind regelrechte Blumenmeere. Gedenksteine leuchten blendend weiß in der Mittagssonne.

"Was sind das? Raben? Krähen?"

"Vielleicht Möwen?", sage ich.

"Widerliche Tiere! Ich hasse sie. Weil sie Aasfresser sind, weil sie eine vollkommen fremde Art sind, vor allem, weil sie kleinere Vögel töten. Sehen Sie sich diese Tiere an! Ich hasse sie wirklich. Bestimmt bekomme ich jetzt böse Briefe vom WWF."

Donna Leon auf der Friedhofsinsel San Michele (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)Donna Leon auf der Friedhofsinsel San Michele (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)


Wir setzen uns auf eine Bank im Schatten. Hier erinnert sich Donna Leon, wie sie, die 1942 in New Jersey geboren wurde, aber zwei irische Großmütter hatte, in einer Familie mit entsprechend irischen Traditionen aufwuchs. Dazu gehörte die Totenwache.

"Wenn jemand gestorben war, saßen wir mit der Familie zusammen, in Gegenwart des Toten, am geöffneten Sarg, meistens einen Tag oder zwei Tage vor der Beerdigung. Ich glaube, dass uns das sehr gut tut: die Toten zu sehen."

Auch die Sterbenden solle man sehen. Donna Leon selbst möchte einmal in Gesellschaft sterben.

Einige Möwen landen unweit von Donna Leon. Ich merke, wie sie versucht, sich zusammenzureißen. Mordgelüste?

"Als Tierfreundin muss ich antworten: nein. Aber ich hoffe, dass die Möwen die Entrückung erfahren."

Die was?

"Die Entrückung. Ein New Yorker Priester hat vor einiger Zeit seiner Gemeinde erzählt, sie werde am, sagen wir: 31. Mai um fünf Uhr nachmittags oder wann auch immer entrückt. Die Menschen würden lebendig von Gott in den Himmel getragen, ihre Kleidung würde zurück auf der Erde bleiben. Deshalb haben in New York viele Mitglieder dieser Gemeinde ihre Häuser verkauft, ihre Arbeit und ihre Versicherungspolicen gekündigt. Aber am 31. Mai um fünf Uhr ist nichts passiert. Niemand wurde in den Himmel entrückt. Aber genau das wünsche ich den Möwen: dass Gott herabsteigt und alle Möwen Venedigs mitnimmt. Nur ihre Federn bleiben zurück."

Mit einem Mal fliegen die Möwen in die Höhe.

"Sehen Sie! Sie werden entrückt!"

"Donna Leon, Cemetery of San Michele in Venice, Italy"

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