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Buchkritik | Beitrag vom 20.04.2017

Dominique Paravel: "Die Schönheit des Kreisverkehrs" Die Geheminisse fahren mit

Von Sigrid Brinkmann

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Buchcover "Die Schönheit des Kreisverkehrs" von Dominique Paravel (Nagel & Kimche/imago/imagebroker)
Buchcover "Die Schönheit des Kreisverkehrs" von Dominique Paravel und die französische Provinz. (Nagel & Kimche/imago/imagebroker)

In "Die Schönheit des Kreisverkehrs" schickt Dominique Paravel seine Protagonisten Vivienne und Joaquin auf einen Roadtrip durch die französische Provence. Sie kommen an ramschigen Bazaren und hässlichen Villensiedlungen vorbei und hüllen sich über manche Dinge in Schweigen.

Der Pariser Städteplaner Eugène Hénard, so erklärt uns Dominique Paravel auf den ersten Seiten, hatte 1906 die wegweisende Idee, die Place de l’Étoile in einen Kreisverkehrsplatz zu verwandeln und mit einem gigantischen Triumphbogen zu dekorieren. Hundert Jahre später stellt Frankreich mit etwa 40.000 Kreisverkehren einen Weltrekord auf. Nur dass die Mittelinseln heute meist mit banalen Skulpturen bestückt sind: "Dinosaurier jeder Art, Rebstöcke, fliegende Untertassen, Wasserhähne und weiterer Küchenplunder mehr". Wenn es stimmt, dass die Gestaltung eines Kreisels für eine Gemeinde von großer symbolischer Bedeutung ist, was ist dann davon zu halten, dass das fiktive Örtchen La Virote unbedingt ein witterungsfestes Abbild Napoleons aus Polyurethanschaum fertigen lassen will?

Baumärkte, die die Traumlandschaft zerklüften

Joaquin Reyes, Sohn spanischer Einwanderer, serviler Angestellter einer Baufirma, will dem Gemeinderat von La Virote eigene Objektvorstellungen präsentieren. Vivienne Hénnessy, eine ältere Frau, die sich als "Consultant" ausgibt, hat angekündigt, den um seinen Arbeitsplatz bangenden Ingenieur zu begleiten. In Wahrheit ist sie die Besitzerin des Bauunternehmens und herzlich wenig interessiert an den Wünschen der Kundschaft. Paravel, die 2009 nach Jahrzehnten der Lehrtätigkeit in Venedig nach Frankreich zurückkehrte, schickt ihre Figuren auf einen Roadtrip durch die nördliche Provence und richtet den Blick auf ramschige Bazare, hässliche Villensiedlungen, Werkstätten und Baumärkte, die die Traumlandschaft zerklüften.

Dominique Paravel hat zwei Protagonisten mit völlig konträren Charaktereigenschaften erfunden, und der Reiz der Geschichte liegt darin, wie sie deren inkompatible Weisen, das Leben anzugehen, spiegelt. Man kann immerzu Fallen antizipieren und ausweichend in Deckung gehen oder sich, der Intuition vertrauend, treiben lassen. Das dem Roman vorangestellte Motto lässt die Sympathie der Autorin klar erkennen. Paravel zitiert Arletty. Die legendäre Schauspielerin bekannte: "Ich bin im Leben fürs Abhauen".

Paravel erzählt von den kleinen Ereignissen 

Spontan eine Route einzuschlagen und das Ziel unterwegs aus den Augen zu verlieren, muss kein Drama sein. Paravel erzählt von den kleinen Ereignissen auf dem Weg nach La Virote. Die Perspektive ist eine doppelte und wechselt kapitelweise. Beobachten Reyes und Hennessy einander zuerst noch abschätzig und herablassend, so öffnet sich ihr Blick langsam für Gesten und Zeichen, die die Verletzbarkeit des Anderen offenlegen.

Die Lebenswunde des Angestellten Reyes besteht im sorgsam gehüteten Geheimnis seiner Diabetes. Mal erlebt der Diabetiker seinen Körper als "schwebende Gondel, dann wieder als schweren Amboss". Angst und das Niederhalten von Lust und Laune sind das entscheidende Lebensgefühl. Sie beeinflussen selbst die Wahl des Liebespartners.

Sensibel umkreist Paravel die aufkeimende Panik des Protagonisten, der sich fragen muss, ob die lebenslange Selbstdisziplin ihn innerlich ausgelöscht hat und ob es sich lohnte, die Leidenschaft der Angst geopfert zu haben. Domiqiue Paravel eröffnet mit der Beschreibung delirierend-traumhafter, der Hypoglykämie geschuldeten Zuständen, unbekannte Gefühlswelten. So feinfühlig, wie sie schreibt, rücken wir allmählich an die Seite einer Person, die ihren Selbstschutz verliert und beginnt, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Die Schönheit des Kreisverkehrs besteht im Moment des Ausscherens, das den Kreisenden "der Zentrifugalkraft entzieht" und adhoc "die Zeit öffnet".

Dominique Paravel: Die Schönheit des Kreisverkehrs
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Nagel & Kimche, Zürich 2017
176 Seiten, 19,00 Euro

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