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Buchkritik | Beitrag vom 12.08.2017

Dominik W. Rettinger: "Die Klasse"Polit-Thriller aus dem postsowjetischen Polen

Von Hans von Trotha

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Dominik W. Rettinger: "Die Klasse" (Hansa / Zsolnay Verlag / imago / Westend61)
Dominik W. Rettinger: "Die Klasse" (Hansa / Zsolnay Verlag / imago / Westend61)

Mit "Die Klasse" legt der polnische Filmregisseur und Autor Dominik W. Rettinger einen temporeichen Polit-Thriller vor. Er handelt von skrupellosen Großkonzernen und korrupten Politikern - die ideale Sommerlektüre, meint unsere Kritikerin.

Sommerzeit ist Thrillerzeit. Da greift auch mal zum Genre, wer sonst eher anspruchsvoller liest. Da darf es dann gern ein bisschen mehr sein, also dick und auch mal dicker aufgetragen, vorzugsweise mit Lokalkolorit (warum nicht Polen?), aktuellen Anspielungen (großes Geld, Umwelt, Korruption), psychologischem Anspruch und einer Prise Sex.

"Die Klasse" erfüllt all das – und noch viel mehr. Schon auf der ersten Seite wird ordentlich zugeschlagen. Und die Schlagzahl bleibt hoch, in jeder Hinsicht. Domonik W. Rettinger hat nicht einen Triller geschrieben, sondern mehrere in einem. Und wenn die zu Ende sind, wenn Verwirrungen gelöst, Notverbände gewechselt und Schauplätze befriedet scheinen, sind 200 von 500 Seiten noch ungelesen.

Codewörter, PINs und abgehörte Gespräche

Dann geht es auf die nächste Ebene. "Wie hoch geht das?", fragt ein Beteiligter, als es schon Generaldirektoren, Geheimdienstgenerale und Ministerpräsidenten sind.

Am Anfang (und am Ende) stehen von Angstattacken begleitete Träume eines Radiojournalisten. Der wird live auf Sendung in einen Fall gezogen, der die polnische Gesellschaft erschüttern würde, bliebe er nicht so geheim. Es geht um Codewörter und PINs, um virtuelle Pläne und abgehörte Gespräche. Das ganz große Geld fließt aber erst, wenn sich die Gangster auch der wirklichen Welt, der Umwelt bemächtigen. 

Ein Krimi, einem Computerspiel gleich

Es gibt Thriller, die ihre Spannung eher aus der psychologischen Zeichnung ihrer Figuren ziehen, und solche, die sich gerieren wie Buch gewordenes Kino. Rettinger ist Filmemacher, das merkt man jeder Seite an. Er will aber mehr. Ihn interessiert die Psychologie zwischen den rasanten Schnitten.

Am Ende erscheinen seine Figuren wie Agenten eines Thrillers, dem Computerspiele als Modell gedient haben könnten, bei denen wir auf Bildschirmen gelenkten Charakteren von Level zu Level folgen. Das ist reizvoll. Spannende Unterhaltung ist es allemal. Aber Rettinger verweigert jedes Maß, sei es bei Themen, Nebensträngen, handelnden Personen, Dienstgraden, Schießereien, psychologischen Manipulationsmethoden oder ausgetauschten SIM-Karten.

Zwischen Spielsüchtigen, Verrätern und Psychopaten

Spielsüchtige, Drogenabhängige, Verräter, Vergewaltigungsopfer, verkannte Helden, Korrupte, sterbende Kinder, entführte Halbwüchsige in den Händen von Psychopathen, Skrupellose aller Art bevölkern ein Setting, das thematisch vom postsowjetisches Polen, bundesrepublikanischen Krediten und der Gründung der Solidarność über Serbien und Kosovo, Albanien und die UÇK, die Bhopal-Katstrophe von 1984, Umweltschutzprogramme, ungehobene Bodenschätze und die polnische Gesellschaft von heute bis hin zu Versuchen der CIA reicht, Gehirne unter Kontrolle zu bringen.

Dabei erweist sich, dass die wichtigsten handelnden Personen einst in einer Klasse waren, sodass die Frage: "Hast du noch einen anderen loyalen Klassenkumpel?", jederzeit ein neues Kapitel eröffnen kann, schließlich aber auch zur Auflösung führt. Der werden viele hundert Seiten voller Fragen und jede Menge psychologischer Stresssituationen - die sich als Rettingers eigentliches Thema erweisen - aufgebürdet, sodass für diesen wie für viele Thriller gilt, dass am Ende der Weg doch aufregender war als das Ziel.

Dominik W. Rettinger: "Die Klasse"
aus dem Polnischen von Marta Kijowska
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2017
480 Seiten, 22,00 Euro

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