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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.12.2013

DokumentartheaterTheater, das die Gegenwart spiegelt

Diskussionsrunde von Machern aus verschiedenen Generationen

Von Susanne Burkhardt

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Als nicht dokumentarisch empfindet Rolf Hochhut seine Stücke. Hier ist er vor Plakaten zu seinem Theaterstück "Heil Hitler" zu sehen.  (AP)
Als nicht dokumentarisch empfindet Rolf Hochhut seine Stücke. Hier ist er vor Plakaten zu seinem Theaterstück "Heil Hitler" zu sehen. (AP)

"Versuche über die unbekannte Gegenwart", so war die Runde der Dokumentartheatermacher in Berlin überschrieben. Und sie konnte sich schon auf die Definition ihrer Kunst nicht einigen.

Es ist ein Dilemma mit den Definitionen: Da hat man vier Gäste zum Thema Dokumentartheater – und nur einer will sich wirklich unter das Label fassen lassen. Dramatiker Rolf Hochhuth, 83-jährig, und in letzter Zeit eher wegen juristischer Querelen mit dem Berliner Ensemble im Gespräch, sollte – vor allem seines Stücks  "Der Stellvertreter" wegen – als Vorreiter des Dokumentartheaters herhalten, dankte für diese Rolle aber gleich zu Beginn ab:

"Wie einen Viehstempel empfinde ich das, dass ich abgestempelt wurde. 'Dokumentartheater' – mein Stück ist nicht dokumentarischer als der Wallenstein von Schiller."

Hochhuths Schauspiel "Der Stellvertreter", eine Kritik an der Haltung des Vatikans zum Holocaust, das vor genau 50 Jahren für Kontroversen und internationale Verwicklungen sorgte, bestehe, so Hochhuth, doch größtenteils aus fiktiven Dialogen. Alle Dramatiker, die historische Stoffe bearbeitet haben – ob Aischylos mit seinen "Persern" oder Schiller mit "Wallenstein" –, hätten wie er dazu Quellen oder Dokumente studiert.

Zum Dokumentartheater nach dem Realitätsschock

Hochhuth: "Ich finde, dass an dieser Machart sich gar nichts geändert hat. Geändert haben sich die Geschehnisse auf der Bühne. Insofern war mein 'Stellvertreter' überhaupt nichts Neues. Es hatte nur lange keiner solche Stücke geschrieben.“

Mit Hans-Werner Kroesinger saß ein Gast auf dem Podium, auf den der Begriff "Dokumentartheater" am ehesten passte. Kroesinger, Jahrgang 63, kommt vom literarischen Theater, war bei Robert Wilson Regieassistent, und arbeitete mit Heiner Müller in der Wendezeit in Ostberlin an der "Hamletmaschine". Er kam zum Dokumentartheater, nach einem Realitätsschock:

"Interessanterweise war die 'Hamletmaschine' der aktuellste Text zur Situation – der aber am wenigsten funktionierte."

Also begann Kroesinger politische und historische Prozesse aufzuarbeiten – immer nach demselben Prinzip: Ob Eichmann-Prozess, Deutscher Herbst oder Kolonialismus in Afrika oder wie im Moment: die Rolle der EU-Grenzpolizei Frontex.

Nicht schreiben – montieren!

"Ich bin ein Autor, der nicht schreibt. Ich montiere. Wir sind keine Spezialisten für das Thema. Wir widmen eine bestimmte Zeit diesem Gegenstand. Und diese Investition von Lebenszeit rechtfertigt dann, dass das, was wir aussuchen, sagen wir, das ist das, was wir gefunden haben, was wir für relevant halten im Bezug auf das Thema oder den Gegenstand – und geben dem eine theatralische Form."

Anders sein Schweizer Kollege Milo Rau – Spezialist für das Nachinszenieren von historischen Ereignissen. Als Reenactment hat er den Prozess um das rumänische Diktatorenpaar Ceausescu aufgeführt, eine Radiostation in Ruanda, in der zwischen Popsongs zum Völkermord aufgerufen wird, wiederbelebt oder die Schauprozesse in Moskau nachgestellt. Er tat sich viel schwerer mit der Definition "Dokumentartheater" – dreimal insistierte der Moderator der Runde – dann gab er auf:

"Also von mir aus – dann ist es Dokumentartheater. Ich habe auch nichts gegen den Begriff – ich denke, dass es vielleicht nicht ganz deckungspassend ist, weil viele Inszenierungen auch fiktionale Stoffe sind."

Hochhuth, der aufgeräumt und neugierig dem Nachwuchs lauschte, blieb dann allerdings der Einzige, der immer wieder auf Parallelen zwischen ihm und den Folgegenerationen hinwies.

Den Begriff des Theaters erweitern

"Sie haben sich mit Geschichte beschäftigt, das sind fast keine Unterschiede. Wenn ein totalitäres Regime seine Opposition abschlachtet, dann ist das natürlich ein fabelhaft historisches dramatisches Ereignis. Und meinen Sie wirklich, dass sich unsere Machart – oder das, was die Schauspieler auf der Bühne daraus machen, aus unseren Texten, dass sich das wirklich unterscheidet? Ich glaube nicht."

Dass zum Beispiel bei Rimini-Protokoll-Aufführungen in der Regel auf Schauspieler ganz verzichtet wird, war Rolf Hochhuth offenbar nicht bekannt. Helgard Haug von Rimini-Protokoll erklärte der Runde, wie ihre Projekte funktionieren. Ihr Performanceteam lud schon mal Zuschauer in eine Hauptversammlung von Daimler, brachte Experten des Alltags auf die Bühne, um "Das Kapital" von Marx ganz neu zu interpretieren oder führt die Zuschauer durch die "Situation Rooms" – eine ganz neue Form des Theaters, in dem der Zuschauer von iPads geleitet wird. Ist das dokumentarisches Theater? Wenns sein muss…

Helgard Haug: "Wir haben uns immer mit Theater auseinandergesetzt, es ging immer darum, diesen Begriff zu erweitern. Ich fühl auch, wenn ich den Stempel dokumentarisches Theater aufgedrückt bekomme, das zu stark reduziert. Würde den auch eher ablehnen für uns. Uns hat er geholfen, um überhaupt eine Differenz herzustellen."

Dokumentarisches Theater, das die Gegenwart spiegelt, das politisch ist, den brisanten Themen näher kommt als viele Journalisten – weil mehr Zeit für die Recherche bleibt. So lassen sich die Arbeiten der Nachwuchsgeneration auf einen Nenner bringen. Die aktuelle Snowden-Debatte belegt einmal mehr: Material gibt es genügend. Entscheidend ist heute vor allem, nach welchen Interessen man es sortiert.

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(Ursendung)

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