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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.03.2014

Dokumentarischer RomanEin Krieg, der keine Gewinner kennt

David Peace: "GB84"

Von Knut Cordsen

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Steikende Bergarbeiter am 1.5.1984 in Nottinghamshire in England. Nach fast einem Jahr wurde am 5. März 1985 der bisher längste Arbeitskampf in der britischen Industrie offiziell beendet. Am 12. März 1984 waren aus Protest gegen die geplante Stillegung von fünf unrentablen Zechen. (picture-alliance/ dpa / epa Archive)
Steikender Bergarbeiter wird 1984 in Nottinghamshire abgeführt (picture-alliance/ dpa / epa Archive)

David Peace' Kriminalromane sind hochliterarisch. Sein neustes Werk spielt vor dem Hintergrund des Bergarbeiterstreiks, der 1984 England in Atem hielt.

1984 gab es in Großbritannien nur ein Thema: den Streik der Bergarbeiter und die beispiellose Härte, mit der die Politik, namentlich die Premierministerin Margaret Thatcher, ihn zu beenden suchte. Das ganze Land war im Ausnahmezustand, und es ist nicht übertrieben, wenn in David Peace‘ Roman "GB84" immer wieder das Wort "Krieg" fällt. Die Kumpel, die mit äußerster Brutalität von den "Rollkommandos" der Polizei verfolgt wurden, waren "Knüppelfleisch"; es gab nicht wenige Schwerverletzte und sogar Tote.

David Peace, bekannt als Verfasser hochliterarischer Kriminalromane, die mal in seiner Yorkshire-Heimat spielen (so das "Red-Riding-Quartet", das 1983 endet), mal im Tokio der unmittelbaren Nachkriegszeit , legt mit "GB84" ein fulminantes, äußerst düsteres Sittenbild über eine Gesellschaft im Umbruch vor. An Protagonisten bietet er eine kaum überschaubare Schar von Personen auf. Da sind fiktive Bergmänner wie Martin Daly und Peter Cox, deren innere Monologe die einzelnen Kapitel einleiten.

Kahlschlag und Kohlegrubenschließung

Da sind sinistre Strippenzieher wie Stephen Sweet, der in ständigem Kontakt mit Downing Street zehn steht und auf perfide Weise die Medien in ihrer Berichterstattung zu manipulieren sucht. Da sind Gewerkschaftsfunktionäre wie (der ebenfalls fiktive) Terry Winters und Geheimdienstmänner, die sogenannte "Einschüchterungsteams" anführen und in den Bergarbeitersiedlungen Angst und Schrecken verbreiten.

Da ist aber auch "der Präsident" der National Union of Mineworkers, Arthur Scargill, seinerzeit der mächtigste Opponent der Eisernen Lady Margaret Thatcher, die damals schon wegen ihrer rigiden Kürzungsmaßnahmen den Ruf als "Milk Snatcher" ("Milchräuberin") weg hatte und bei Peace meist nur als "die Premierministerin" auftaucht. So sehr sie für Kahlschlag und Kohlegrubenschließungen war, so aberwitzige Summen (zweieinhalb Milliarden Pfund) gab sie für die Niederschlagung des Streiks aus.

Eine semifiktionale Geschichtsschreibung

Dieser Roman ist dabei alles andere als schwarz-weiß gezeichnet. So porträtiert David Peace den "Präsididenten" Scargill als korrupten "kommunistischen Cäsar", der kein Problem damit hat, mit Gaddafis Libyen ebenso wie mit der Sowjetunion zu paktieren. Der Leser bekommt im Stakkato-Stil die Chronik eines veritablen Kriegs geliefert, die gerade durch ihre Multiperspektivität besticht.

David Peace’ "GB84" ist eine Polyphonie, ein gewaltiger Chorus der Stimmen, der Dialog- sowie Gedankenfetzen: "scab, scab, scab" (Streikbrecher) oder "scum, scum, scum" (Abschaum) skandieren die Streikenden vor den Zechen mit Blick auf diejenigen, die dennoch einfahren. Dann wieder sind wir in den Hotels, wo die Gewerkschaftsbosse die Strategie des Arbeitskampfes überdenken und nurmehr kodiert reden, weil sie - zu Recht - vermuten, von der Regierung abgehört zu werden. So sind wir stets (mit einem Terminus aus der Bergarbeitersprache) "vor Ort". Die Lektüre des Romans ist keine leichte. Doch sollte man die Herausforderung annehmen: David Peace liefert mit "GB84" eine einzigartige Form von semifiktionaler Geschichtsschreibung.   

 

David Peace: GB84
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2014
544 Seiten, 24,80 Euro 

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