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Montag, 11.12.2017

Interview | Beitrag vom 26.06.2017

Dokumentarfilm "Wer war Hitler?""Ich möchte Hitler sehr stark aus der Zeit heraus erzählen"

Hermann Pölking im Gespräch mit Ute Welty

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(l-r): Adolf Hitler, der Dirigent Franz von Haesslin, die Sängerin Maria Müller, ein nicht identifizierter Mann und Joseph Goebbels während eines Empfangs bei Winifried Wagner im Haus Wahnfried in Bayreuth. Undatiert.   (picture alliance / dpa)
Adolf Hitler und Joseph Goebbels in Bayreuth, gemeinsam mit Künstlern. (picture alliance / dpa)

Ein 7,5-Stunden-Dokumentarfilm über Hitler – bringt das neue Einsichten? Er wolle Hitler "sehr stark aus der Zeit heraus" erzählen, sagt Hermann Pölking über "Wer war Hitler?". Das im Prinzip der Collage arrangierte historische Bildmaterial ermögliche ein Verständnis jener Zeit.

"Wer war Hitler?" Diese Frage stellt der Historiker Hermann Pölking in einem 7,5 Stunden langen Dokumentarfilm, der am Wochenende auf dem Filmfest München uraufgeführt wurde. Aufsehen erregte im letzten Jahr bereits Pölkings ausführliche Biographie "Wer war Hitler? Ansichten und Berichte von Zeitgenossen". Darin wurde dessen Leben und Wirken als Kaleidoskop aus Meinungen und Ansichten von Mittätern, Mitläufern, Profiteuren, Gegnern und Opfern gezeigt.

Geschichte dargestellt in einer Montagetechnik - im Deutschlandfunk Kultur erklärt Pölking seine Arbeitsweise: Die "Sperrigkeit" des Themas erfordere schon eine gewisse Länge und das Sicheinlassen. Es habe natürlich schon viele Filme über Hitler gegeben. Im Kino seien allerdings nur 1960 und 1977 Dokumentarfilme zu sehen gewesen:

"Ja, ich will etwas Neues sagen. Das betrifft jetzt nicht die Persönlichkeit Hitlers oder bestimmte Dinge, die immer mal wieder aufdeckt werden und auch in eine solche Produktion einfließen. Ich möchte Hitler sehr, sehr stark aus der Zeit heraus erzählen. Und deshalb auch das Prinzip der Collage: Es erzählen nur Zeitgenossen in ungefähr 750 Zitaten Hitlers Aufstieg, seine Machtentfaltung, seinen Abstieg und was immer dann die Verwüstung auf der Welt ist."

Betroffenheit führt zur Auseinandersetzung mit Geschichte

Das in der Form der Collage arrangierte Bildmaterial stamme ausschließlich aus dieser Zeit, beschreibt Pölking:

"Man nennt das 'Kompilationsfilm aus historischem Filmmaterial'. Da taucht man ein in die Zeit. Und das hilft zum Verständnis. Und wenn die Bilder dann farbig werden, so haben Kritiker es auch angemerkt, dann ist man betroffen, dann ist man sehr stark im Hier und Jetzt. Und das wollte ich erreichen. Ich will sowieso in meiner Arbeit erreichen, dass Menschen sich mit der geschehenen und gelebten Geschichte verbinden."      

Der Dokumentarfilm "Wer war Hitler?" wird in dieser Woche auf dem Filmfest München in drei Teilen noch einmal gezeigt: am 27., 28. und 29. Juni. Im November 2017 soll der Film in die Kinos kommen, dann eventuell in einer kürzeren Fassung.


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Wer war Hitler? Derjenige, der diese Frage stellt, ist der Historiker Hermann Pölking. Letzten Herbst sorgte seine Hitler-Biografie für Aufsehen, denn diese Biografie wurde quasi von hunderten von Zeitgenossen geschrieben. Hitlers Leben und Wirken als Kaleidoskop aus Meinungen und Ansichten von Mittätern, Mitläufern, Profiteuren, Gegnern und Opfern. Nun also "Wer war Hitler?" als Film, präsentiert im Rahmen des Filmfestes in München.

((Einspieler))

Geschichte als Collage und in der stolzen Länge von siebeneinhalb Stunden. Die Premiere am Samstag ging über die ganze Distanz; morgen, übermorgen und am Donnerstag laufen dann jeweils Einzelteile. Guten Morgen, Herr Pölking!

Hermann Pölking: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Was ist Ihnen eigentlich lieber – dass jemand das ganze Werk auf einmal sieht, dass es eben auch in Gänze wirken kann oder dass man Zeit hat, sich eben auf Einzelteile zu konzentrieren?

Pölking: Ehrlich gesagt, mein Produzent, mein Verleiher und ich, wir wissen es noch nicht. Wir testen also hier am Publikum mal ab.

Welty: Am lebenden Objekt …

Pölking: In der Premiere hatte das Publikum Durchhaltevermögen. Das ist aber ein Filmfest. Das ist so, wie Menschen bei einer Fußballweltmeisterschaft auch den ganzen Tag jedes Spiel mitgucken. Und ich könnte mir vorstellen, dass die Kinobesitzer das an drei Tagen hintereinander programmieren oder vielleicht an drei Montagen hintereinander, oder man kann den Film ja auch in zwei Teilen, fünf Stunden an einem Tag und dann die kürzere Zeit, drei Stunden am zweiten Tag. Das entscheiden, glaube ich, am Ende die Kinos und jetzt auch die sogenannten Screenings, die wir machen, wie beim Filmfest, bei anderen Festivals und in dem einen oder anderen Ort in bestimmten Reihen.

Das Thema "beschäftigt die Menschen"

Welty: Bleiben wir aber doch noch mal bei der Mammutaufführung von Samstag. Sie haben gesagt, das Publikum habe Durchhaltevermögen bewiesen. Haben Sie auch die Resonanz als angemessen empfunden?

Pölking: Bei solchen Filmen – das kenne ich von zwei, drei anderen Dokumentationen, für die ich mitverantwortlich war – braust ja am Ende kein Applaus auf. Also das kann ja nicht passieren, wenn man dieses ganze kaputte Europa, Deutschland, die Verwüstungen der Welt sieht, das kommt dann zögerlich.

Ja, man merkt es jetzt auch von den Reaktionen, man kriegt ja heute dann E-Mails, man kriegt ja Kommentare von Menschen, auch über unsere Webseite, dass das die Menschen beschäftigt hat, dass das die Menschen aufgeregt hat, dass es weitere Fragen aufgerufen hat, und das ist was sehr Positives. Und es hat auch viel Lob gegeben, und das hört man natürlich auch gerne.

Welty: Siebeneinhalb Stunden – was haben Sie rausgeschnitten, was Sie eigentlich hätten drin haben wollen?

Pölking: Es gab auch eine sehr freundliche Kritik, die mir vorgehalten hat, dass es fünf Themen gab. In dem Gespräch mit dem Redakteur habe ich vorher schon gesagt, na, ich könnte das jetzt fortsetzen. Ich habe bestimmt 25 weitere Dinge herausgestrichen. Ein Siebeneinhalbstunden-Film ist extrem lang und ist natürlich auch ein Experiment, es ist auch ein Event, es ist auch schon eine Anstrengungsprovokation.

Aber aber die kürzeste Hitlerbiografie, die jemals geschrieben wurde, hat 8 - und ich gebe zu – eng bedruckte Seiten. Das heißt, Hitler fordert schon zu einer tief gehenden Auseinandersetzung heraus, und es gibt aktuelle Aspekte aus der Zeit, und deshalb verschiebt sich einiges. Also zum Beispiel fehlen in dieser wirklich sehr, sehr langen Dokumentation Bilder von den Olympischen Spielen, wo es sehr viel Bildmaterial gibt.

Was blieb bisher ungesagt?

Welty: Das heißt, Sie sind ja nicht der erste, der über Hitler schreibt oder einen Film macht. Was wollten Sie sagen, was bisher ungesagt geblieben ist?

Pölking: Also Filme hat es natürlich – wenn wir Fernsehen und Film gleichsetzen – unendlich viele gegeben. Im Kino selbst hat es bisher nur zwei Kinodokumentationen gegeben: eine von 1960, eine von 1977. Also das sind auch lange Zeitabstände, und das liegt auch an der Sperrigkeit des Themas, das Länge und Einlassen erfordert.

Ja, ich will etwas vielleicht Neues sagen. Das betrifft jetzt nicht die Persönlichkeit Hitlers oder bestimmte Dinge, die immer mal wieder aufgedeckt werden und die auch in solch eine Produktion einfließen. Ich möchte Hitler sehr, sehr stark aus der Zeit heraus erzählen, und deshalb auch das Prinzip der Collage. Eigentlich – nicht nur eigentlich –, es erzählen nur Zeitgenossen in ungefähr 750 Zitaten: Hitlers Aufstieg, seine Machtentfaltung und dann sein Abstieg und was immer dann die Verwüstung auf der Welt ist.

Und das zu Bildern ausschließlich aus der Zeit, also dieser Film ist Collage pur. Man nennt das Kompilationsfilm aus historischem Filmmaterial. Da taucht man ein in die Zeit, und das hilft zum Verständnis, und wenn die Bilder dann farbig werden, dann – so haben es Kritiker auch angemerkt –, dann ist man betroffen, dann ist man sehr stark im Hier und Jetzt, und das wollte ich erreichen. Ich will sowieso erreichen in meiner Arbeit, dass Menschen sich mit der geschehenen und gelebten Geschichte verbinden.

Mammutaufgabe der historischen Auswertung

Welty: Um das zu erreichen, war eine Mammutaufgabe notwendig: fast 100 Bücher gelesen, mehr als 120 Archive ausgewertet, rund 900 Stunden Film gesichtet. Das geht doch wahrscheinlich nicht spurlos an einem vorüber, wenn der Nationalsozialismus den Alltag und das eigene Arbeitsleben so sehr bestimmt.

Pölking: Es waren nicht 100, es waren 800 Bücher – das ist aber für die Leute meiner Profession natürlich die Alltagsarbeit. Das geht nicht spurlos an einem vorüber, es greift sehr stark in die heutige Zeit ein. Ich kann aus meiner Perspektive sagen – und meine Familie bestätigt mir das –, ich habe Panikschübe gekriegt. Ich habe Panikschübe gekriegt, wenn ich politische, aktuelle Ereignisse gehört habe.

Ich habe immer mich gefragt, wo stehe ich, wenn ich die Zeit vor Hitlers Machtergreifung sehe?  Stehe ich vielleicht im September 1930, als die NSDAP erstmals einen Wahlerfolg im Deutschen Reich hatte, 18 Prozent, stehe ich im November 1932, wo die sehr guten Ergebnisse dieser rechtsradikalen Partei schon wieder hinabsanken und zum Beispiel die Libertären und Linken in der Weimarer Republik dachten, na, das war eine Episode, die haben wir Gott sei Dank überstanden.

Ich sehe, höre Nachrichten von der Besetzung der Krim durch Russland. Und wenn Putin dann sagt, wir haben gar keine Truppen da gehabt, wir sind gar nicht da, dann weiß ich: Wie hat Hitler immer gelogen, wenn er ansetzte, die nächste Provokation zu machen und die Welt über die Besetzung des Rheinlandes, Einmarsch in Österreich, die Besetzung der Sudetengebiete, die Annexion der Resttschechei, immer mehr die Welt in einen Krieg getrieben hat. Man kann es nicht direkt vergleichen, aber man wird sorgenvoll, und man wird vorsichtig. Und man wird auch politisch ein bisschen aktiver.

Welty: Der Historiker Hermann Pölking im "Studio 9"-Gespräch. In dieser Woche zeigt er seinen Film "Wer war Hitler?" auf dem Filmfest in München. Herr Pölking, haben Sie sehr herzlichen Dank für das Gespräch!

Pölking: Vielen Dank! Gruß nach Berlin!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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