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Vollbild | Beitrag vom 25.03.2017

Dokumentarfilm "Von Bananenbäumen träumen" "Wir wollen, dass das Dorf eine Zukunft hat"

Antje Hubert im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Ein Trecker mit Güllewagen fährt über ein Feld und verteilt Gülle. (dpa/picture alliance/Tobias Hase)
Ein Bauer verteilt Gülle auf seinem Feld. (dpa/picture alliance/Tobias Hase)

Vor dem Hintergrund anhaltender Landflucht erzählt die Filmemacherin Antje Hubert von Dorfbewohnern in Norddeutschland, die das Schicksal ihres Ortes selbst in die Hand nehmen. Dabei wird in "Von Bananenbäumen Träumen" auch viel Gülle versprüht.

Patrick Wellinski: Im Landkreis Cuxhaven in Niedersachsen liegt der kleine Ort Oberndorf mit knapp 1400 Einwohnern. Und wie so viele Dörfer kämpft auch Oberndorf mit der Abwanderung der Menschen. Der Ort muss zudem stark sparen, weshalb die Gemeindeverwaltung die einzige Schule im Ort schließen will. Das wäre, so sind die Einwohner überzeugt, das Ende des Dorfes. Deshalb kommen die Oberndorfer auf eine sehr seltsame Idee, die das Überleben des Dorfes sichern soll. Mit diesem außergewöhnlichen Plan beschäftigt sich der Dokumentarfilm "Von Bananenbäumen träumen" von Antje Hubert.

Ich konnte mit der Regisseurin Antje Hubert sprechen und wollte zunächst von ihr wissen, wann und wie sie von den Plänen der Oberndorfer erfahren hat:

Antje Hubert: Das war an einem Kinoabend. Man hatte mich eingeladen, einen Film zu zeigen, und die riefen an, Oberndorfer Lichtspiele. Und dann war ich erst mal überrascht, wo denn dann in Oberndorf, so ein kleines Dorf, wo da die Lichtspiele sein sollen. Und dann bin ich hingefahren, und das Kino war in der Aula der Schule, es war ganz wunderbar alles aufgebaut. Das mobile Kino Niedersachsen, die hatten eine Leinwand aufgebaut, und ganz viele Leute waren da. Das ganze Dorf war auf den Beinen, und die wollten den Film sehen, "Das Ding am Deich", den hatte ich damals gemacht, das war ein Film über das Atomkraftwerk Brokdorf und den Widerstand dagegen, und die Anwohner, wie sie denn heute mit dem Atomkraftwerk leben. Das war nicht weit entfernt von Oberndorf. Und wir kamen in die Diskussion über den Film, und dann aber auch sehr schnell auf die Frage, was kann man eigentlich machen in der unmittelbaren Nachbarschaft, wo ich lebe, wie kann ich da die Dinge zum Besseren verändern? Und diese Diskussion nahm so eine Fahrt an, das ging die ganze Nacht und war so spannend und schön, dass ich gedacht habe, ich muss wiederkommen. Und dann hörte ich das Stichwort von den Bananenbäumen, und dann wurde es richtig interessant für mich.

Patrick Wellinski: Ihr Film heißt ja auch "Von Bananenbäumen träumen", und wenn er beginnt, Ihr Dokumentarfilm, erfahren wir erst mal, dass die Dorfschule, die einzige, eine Grundschule, geschlossen werden soll. Und schnell wird klar, das sagen jedenfalls einige Bewohner in Ihrem Film, das bedeutet das Ende des Dorfes. Können Sie noch mal erklären, warum die Existenz dieser Schule so essenziell für das Fortbestehen dieses Dorfes ist.

"Die haben sehr viel in Eigeninitiative auf die Beine gestellt"

Antje Hubert: Nicht unbedingt für das Fortbestehen dieses Dorfes, sondern für diese kleine Bewegung, die sich damals gebildet hat. Das waren ja einige Leute, die hatten einfach gesagt, okay, wir wollen, dass das Dorf eine Zukunft hat, dass wir hier mehr Lebendigkeit rein kriegen. Die haben Dorfwerkstätten gemacht, die haben eine Kneipe gegründet, die haben sehr viel in Eigeninitiative auf die Beine gestellt. Und so eine Bewegung braucht natürlich auch eine Struktur, und ein Teil, ein großer, wichtiger Strukturteil ist in so einem Dorf einfach eine Schule, weil das ist der Ort der Kinder, da gehen die Kinder vormittags hin, da wird es sogar geschafft, aus dieser Schule eine Ganztagsschule in ehrenamtlicher Mitarbeit gemacht. Nachmittags war Kinderbetreuung, es gab ein Mittagessen für die Kinder. Und es ist natürlich auch – dann gibt es Theater, dann gibt es Musikveranstaltungen in der Schule, und das Kino natürlich auch, wie ich das dann da erlebt habe. Und so ist eine Schule ein ganz wichtiger lebendiger Mittelpunkt in einem Dorf, und wenn das wegfällt, dann schwächt das alle, die irgendwie auch in diesem Dorf an dem Leben im Dorf arbeiten wollen.

Patrick Wellinski: Jetzt ist es so, dass das Dorf anfangen muss, Geld zu verdienen. Und sie nehmen einen Ratschlag einer Berliner Firma an, die Ihnen sagt, die Gülleproduktion könnte man nutzen, um afrikanische Welse oder beziehungsweise auch Bananenbäume zu züchten. Das ist erst mal eine verrückte Idee. Aber warum ist das eine sehr einleuchtende logische Idee?

Antje Hubert: Die Idee dahinter ist, dass das ein Kreislauf ist, in dem es keine Abfälle gibt, in dem alles, was produziert wird, der Stoff für das nächste Projekt ist oder für das nächste Produkt ist. Dieses Modell funktioniert so, dass Gülle in einer Gülle-Gasanlage auf der einen Seite Strom erzeugt, und auf der anderen Seite kann man Dünger daraus machen, aber auch Wärme. Diese Wärme wiederum wird genutzt, um die Fische aufzuziehen. Die brauchen sehr warmes Wasser, 28 Grad, das ist für die afrikanischen Welse genau die Temperatur, in der sie sich wohlfühlen, und die kann man eben aus dieser Biogasanlage, mit Gülle betrieben, gewinnen. Und dieses Wasser, in dem die Fische sich bewegen und ihren Kot hinterlassen, das ist sehr reichhaltig an Dünger. Und diesen Dünger wiederrum, den kann man, oder dieses Wasser kann man nutzen, um dann Bananenbäume oder tropische Früchte oder Gemüse in welcher Art auch immer dann zu züchten. Ich fand es erstmal eine wahnsinnig aufregende Idee."

Patrick Wellinski: Was ich ja so interessant fand, dass im Film viele Bewohner oder die, die an dieser Bewegung teilhaben wollen, relativ vorbehaltlos diese Idee quasi akzeptieren. Also, wenn man mir jetzt erzählen würde, wenn ich mir vorstelle, ich wäre da so ein Dorfbewohner, und jemand sagt, wir machen Bananenbäume –  liegt vielleicht an mir, aber ich wäre da erstmal sehr skeptisch.

"Ausgerechnet hier Bananenbäume"

Antje Hubert: Das waren sie ja auch. Der eine Landwirt im Film sagt das ja auch ganz klar: Muss man ausgerechnet hier Bananenbäume haben? Das war ja so eine Idee, die immer wieder auftauchte, und die ich auch gern aufgegriffen habe, weil sie die größtmögliche Utopie bildet, und weil das eigentlich auf den ersten Blick der größtmögliche Unsinn auch ist. Wie Sie schon sagen, das macht jetzt irgendwie – also was sollen die Bananenbäume da in der Marsch, und das sagt der Bauer ja auch ganz deutlich. Man kann hier viel machen, aber ausgerechnet Bananen? Die Antwort darauf ist dann, ja, aber das ist ja auch ein Sinnbild für diese Utopie, was wir vorhaben, was wir uns vornehmen. Und vielleicht schaffen wir es auch, in großen Dimensionen zu denken. Und das fand ich faszinierend, dass sie sich aufgemacht haben, tatsächlich ihre Träume ernst zu nehmen und zu gucken, was können wir an großen Dingen schaffen. Nicht nur an kleinen Schrauben stellen, sondern tatsächlich auch in die große Dimension zu gehen.

Patrick Wellinski: Sie waren ja über eine längere Zeit im Dorf oder haben die Dorfbewohner bei ihren Plänen begleitet. Und ich habe mich gefragt, wie leicht war es dann immer, Zugang zu bekommen auch zu den innerdörflichen Diskussionen. Es gibt ja auch dann Zweifel, die aufkommen. Ich hatte schon das Gefühl,  dass Sie sehr nahe ran durften. War das von vornherein so, oder mussten Sie sich das auch erarbeiten als Dokumentarfilmerin?

"Wir sind ein Teil dieser kleinen Bewegung geworden"

Antje Hubert:  Das ist immer ein Prozess, weil am Anfang wissen die Leute natürlich nicht, was wollen wir. Wir sind nur zu zweit hingefahren, das mache ich immer so, wenn ich Filme drehe, dass ich dann mit ganz kleinem Team komme. In diesem Fall waren es mein Kameramann Andreas Stonawski und ich. Kein Licht, ich habe den Ton selber gemacht, sodass wir wirklich auch wenig Platz einnehmen, wenig die Situation auch beeinflussen, die da ist. Und wir sind sehr freundlich aufgenommen worden, und da wir ja am Anfang alle nicht wussten, was dabei rauskommt, weder die Dorfbewohner noch ich als Filmemacherin, war das für uns auch so ein Lernprozess, wo wir gemeinsam dann auch immer geguckt haben, wie sieht jetzt der nächste Schritt aus, und wie geht es eigentlich weiter. Da sind wir so ein Teil von dieser kleinen Bewegung auch geworden.

Patrick Wellinski: Ich hatte das Gefühl, dass Sie auch vor allem diese Dynamik zwischen den einzelnen Bewohnern interessiert. Das schwankt ja immer wieder. Ich hatte das Gefühl, dass es zwischenzeitlich sogar Euphorie gibt, dann wieder der Zweifel. Waren das diese Prozesse, diese Dynamiken innerhalb dieser Bewegung, so nennen wir es jetzt mal. Hat das Sie als Dokumentarfilmerin ganz besonders interessiert?

Antje Hubert: Ja. Vor allen Dingen, wie es die Leute auch verändert. Was macht das mit mir, wenn ich mich auf so was einlasse, wenn ich irgendwie beschließe, dass ich das Leben verändern möchte. Das verändert einen ja auch selber. Und das passiert schleichend und nicht sofort, und wir hatten nun das Glück, dass wir auch über einen langen Zeitraum da sein konnten und drei Jahre lang auch diesen Prozess begleitet haben. Und da ändern sich natürlich viele Sachen. Die einen sind am Anfang skeptisch, und am Ende sind sie begeistert. Bei den anderen ist es wieder andersrum, am Anfang ist ganz viel Euphorie da, und am Ende reicht die Kraft dann doch nicht, weiterzumachen oder das Projekt dann auch mitzutragen. Das sind ganz spannende Prozesse, die ich mir sehr gern angucke.

Patrick Wellinski: Jetzt waren Sie wirklich sehr nahe dran und haben das Projekt jetzt mit diesem Film quasi so ein bisschen abgeschlossen. Haben Sie eigentlich jetzt so eine Antwort auf die Frage, ob solche Art von Projekten wirklich auch Ideen sind, die Dörfer, deutsche Dörfer, zukunftsfähig machen können?

"Möglichkeiten, Dörfer zu entwickeln"

Antje Hubert: Ich würde das nicht an dem Projekt festmachen, weil es gibt natürlich ganz verschiedene Möglichkeiten, Dörfer zu entwickeln. Jedes Dorf hat wieder andere Probleme, andere Voraussetzungen, andere Möglichkeiten. Das war ja auch bei den Projektentwicklern. Die haben erst mal geguckt, was ist denn überhaupt da, was können wir machen, und dann haben sie die Idee entwickelt. Und darum geht es mir jetzt gar nicht so sehr, sondern mir geht es darum, den Mut zu haben, zu sagen, wir wollen etwas verändern, wir wollen das gemeinsam tun, sich drauf einzulassen, und dass da was ganz Schönes draus entstehen kann, und mit wie viel Freude man dabei ist und wie man auch Niederlagen zusammen versucht, hinzukriegen, das fand ich sehr aufregend und ermutigend.

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