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Interview | Beitrag vom 13.06.2018

Dokumentarfilm "Sternenjäger"Das Bewusstsein, wo wir uns befinden

Christian Schidlowski im Gespräch mit Ute Welty

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Straße in der Nacht mit Sternenhimmel (Casey Horner/ Unsplash)
Erhabenheit und Schönheit der Sterne sind kaum zu übertreffen (Casey Horner/ Unsplash)

Morgen kommt die Dokumentation "Sternenjäger – Abenteuer Nachthimmel“ in die Kinos. Der Film zeigt fünf Sternefotografen bei der Arbeit, deren Leidenschaft ansteckend war. Auch der Filmemacher Christian Schidlowski schwärmt nun vom Blick ins Universum.

Ute Welty: Sterne zu sehen, das ist in dieser technisierten Welt voller künstlicher Beleuchtung keine Selbstverständlichkeit mehr. "Sternenjäger" werden deshalb die Menschen genannt, die sich auf die Suche machen nach dem ungetrübten Blick in den Nachthimmel, und das hat seinen guten Grund.

((Einspieler))

Die Stimme von Rufus Beck im Dokumentarfilm "Sternenjäger", der jetzt in die deutschen Kinos kommt, und die Portion Sternenstaub, die dafür unter anderem verantwortlich zeichnet, ist jetzt zu Gast in "Studio 9" und heißt Christian Schidlowski. Guten Morgen!

Christian Schidlowski: Guten Morgen!

Welty: Sie begleiten Sternenjäger, also Astrofotografen. Was sind das für Menschen, die sich für das Abenteuer Nachthimmel begeistern?

Schidlowski: Das sind Menschen, die interessieren sich sehr stark einmal für das, was da oben zu sehen ist oder das, was da oben zu sehen wäre, wenn unsere Städte nicht so unglaublich luft- und auch lichtverschmutzt wären, wie sie sind. Die sind sehr technikaffin. Die kennen sich unglaublich gut aus mit Kameras und all diesem Equipment, was man braucht.

Welty: Ich habe den Längsten?

Schidlowski: Bitte?

Welty: Ich habe den Längsten?

Weitwinkel-Objektive im Gepäck

Schidlowski: Nee, nee. In dem Fall nicht. Es ist genau das Gegenteil: Ich habe den Kürzesten sozusagen, weil diese Objektive, die die benutzen, sind Weitwinkelobjektive, und die sind ganz, ganz kurz, weil die wollen nicht möglichst nah an irgendwas ran, sondern die wollen die ganze Weite des Sternenhimmels sehen, sodass man die ganze Milchstraße sehen kann, idealerweise auch noch in der Landschaft.

Welty: Was möchten Sie zeigen, außer dass dieser Nachthimmel ausgesprochen schön ist?

Schidlowski: Wir wollen so eine Verbindung oder so eine Connection versuchen noch mal wieder ins Gedächtnis zu rufen. Also wir leben auf der Erde, wir leben jeder in unserer kleinen Welt, in unserem kleinen Universum, und es ist sicherlich auch gut so, aber was wir, glaube ich, verloren haben, ist irgendwie dieses Bewusstsein darüber, wo wir uns überhaupt befinden.

Wir befinden uns in diesem riesigen Universum, und wir sind auch Teil davon. Es ist nicht so, wir hier unten und das da oben. Das ist auch eine Sache mit diesem Sternenstaub und den Elementen, aus denen wir bestehen, wir und das da draußen, das gehört eigentlich zusammen.

Das ist eine Message, die diese Fotografen, diese Sternfotografen haben. Die haben auch einen eigenen Verband, "The World at Night", und die haben wirklich eine Mission. Die sagen, wir wollen den Leuten diese Bewusstsein wiedergeben, dass das alles eins ist und dass das alles zusammengehört, und das ist letztendlich dann auch so ein bisschen die Mission unseres Films über die geworden, und das wollen wir erzählen.

Das lässt sich aber in Worten gar nicht so wahnsinnig gut beschreiben, und deswegen helfen uns in unserem Film diese wahnsinnigen Bildwelten, die die schaffen, diese Fotografen, und ich glaube, in dem Film, oder ich hoffe es zumindest, ist es uns gelungen, dieses Gefühl, was wir da beschreiben wollen, filmisch wiederzugeben.

Welty: Wird das nicht irgendwann langweilig, immer nur Sterne zu sehen oder zu zeigen?

Sternenhimmel eingebettet in Landschaften

Schidlowski: Ich hoffe nicht, und ich persönlich finde nicht, weil - es ist schon richtig, das, was die zeigen und was wir letztendlich dann auch in unserem Film zeigen, ist immer der Sternenhimmel, aber es ist so, die zeigen nicht einfach nur die Sterne, sondern die zeigen die Sterne eingebettet quasi auch in unsere Landschaften, die wir auf der Welt haben, und diese Landschaften, die wir dort gezeigt haben - also die fahren ja in die entlegensten Ecken der Welt, dort, wo letztendlich dann eigentlich kein Mensch mehr lebt oder nur noch sehr wenige, wo sie wirklich einen unverstellten Blick auf die Sterne haben - und diese Landschaften sind schon, selbst ohne Sterne, absolut faszinierend. Das ist sowas wie die Atacama-Wüste in Chile, das ist das Nordpolarmeer am nördlichen Ende von Kanada, das ist das australische Outback, und diese Landschaften an sich sind schon so irre. Die sind quasi immer in diese Bilder auch integriert, also ich glaube nicht, dass es so langweilig ist.

Welty: Insgesamt waren fünf Kamerateams unterwegs auf fünf Kontinenten in acht Ländern und in vier Klimazonen. Wo genau waren Sie?

Schidlowski: Ich war in Westaustralien.

Welty: Und haben da was gemacht?

Schidlowski: Wir sind mit John Goldsmith mitgereist. Das ist einerseits ein Sternenfotograf, aber auch ein Naturwissenschaftler, und der hat seine Doktorarbeit über das Sternenverständnis bei den australischen Aborigines geschrieben. Das heißt, das ist so sein Steckenpferd.

Aborigines haben eine ganz eigene Art und Weise, auf den Sternenhimmel zu gucken, und die ist auch doch recht anders als unsere. Also die haben zum Beispiel, spielen in deren Mythologie Sternenbilder eine ganz große Rolle, aber die Sternenbilder, die die haben, sind ganz andere als die, die wir haben. Bei uns ist es ja so, wir verbinden verschiedene Sterne mit gedachten Linien, und das ist dann der Große Wagen oder sowas, und bei denen ist es anders.

Welty: Das ist übrigens das einzige Sternenbild, was ich regelmäßig erkennen kann!

Schidlowski: Das ist das Ding. Das sieht man hier selbst in der Stadt noch ganz gut, und bei denen ist es genau umgekehrt. Die gucken in die Milchstraße, und die Milchstraße ist bei denen dort so hell. Wir sehen die hier ja kaum oder eigentlich so gut fast wie nie, aber bei denen ist die so hell, dass sich so dunkle Bereiche da drin abzeichnen, da, wo dann keine Sterne sind oder nicht so viele, und das sind dann so dunkle Flecken, und bei denen sind die dunklen Flecken die Sternenbilder.

An den Himmels-Emu knüpfen sich Legenden

Dort gibt es zum Beispiel so ein ganz großes, den Himmels-Emu, den "emu in the sky". Das ist so ein großer Landvogel dort, und der ist so klar und deutlich zu sehen, auch ohne gedachte Linien. Da knüpfen sich dann alle möglichen Legenden dran, und denen ist der John Goldsmith im Prinzip so auch auf der Spur und recherchiert die und trifft immer wieder Aborigines und spricht mit denen dann nachts am Lagerfeuer, während seine Kameras im Hintergrund stundenlang diese Bilder aufzeichnen und versucht, das so ein bisschen auch aufzuschreiben neben der Fotografie.

Welty: Worin bestand für Sie die größte Herausforderung? Immerhin halten Sterne ja im Gegensatz zu Menschen oder Tieren einigermaßen still, wenn man sie fotografieren will.

Schidlowski: Das ist das Gute! Unsere Herausforderung war, die größte war eigentlich eine technische. Und zwar ist es so, die Sternenfotografen, machen Langzeitbelichtungen. Die kriegen die Sterne so gut gebannt auf Foto oder letztendlich Zeitrafferfilm, weil die ihre Kamera auf ein Stativ stellen, und ein einziges Bild wird dann eine halbe Minute lang belichtet, und dann stehen sie da acht Stunden und belichten ein Einzelbild nach dem anderen, und das Ganze wurde dann hinterher quasi beschleunigt. Daraus werden dann 25 Bilder pro Sekunde, sodass das normal Film ist, und deswegen gibt es dann diese Zeitrafferaufnahmen, die so wahnsinnig toll aussehen.

So, das können die, aber wir als Filmemacher können das nicht, weil unsere Kameras liefern halt 24 oder 25 Bilder pro Sekunde, und wir können das nicht einfach anhalten und beschleunigen. Dadurch haben wir aber auch viel, viel weniger Licht zur Verfügung als die. So, und jetzt haben wir uns gefragt, wie können wir im Stockfinsteren die überhaupt filmen, wie die ihre Arbeit machen, und da haben wir lange rumüberlegt und haben dann verschiedene Lösungen. Eine davon ist, dass es inzwischen Kameras gibt, vor allen Dingen Fotokameras, die auch filmen können, die unglaublich lichtstark sind.

Welty: Der Teufel liegt ja bekanntlich immer im Detail.

Schidlowski: Absolut, so ist es.

Welty: Dokumentarfilmer Christian Schidlowski zu Gast in "Studio 9", unter anderem verantwortlich für den Film "Sternenjäger", der morgen in die deutschen Kinos kommt. Herzlichen Dank für Gespräch und Besuch!

Schidlowski: Dankeschön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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