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Vollbild | Beitrag vom 17.06.2017

Dokumentarfilm "Life, Animated"Mit Disney-Filmen die eigenen Gefühle entdecken

Ron und Cornelia Suskind im Gespräch mit Susanne Burg

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Owen Suskind in "Life Animated" (Life Animated Documentary Productions LLC)
Owen Suskind in "Life Animated" (Life Animated Documentary Productions LLC)

Zu ihrem autistischen Sohn fanden Ron und Cornelia Suskind lange Zeit keinen Zugang. Dann entdeckte der die Disney-Trickfilme für sich - und begann anhand von Szenen daraus zu kommunizieren. Der ergreifende Dokumentarfilm "Life, Animated" erzählt diese bewegende Geschichte.

Am Donnerstag kommt der Dokumentarfilm "Life, Animated" in die Kinos: Im Zentrum steht Owen Suskind, ein junger Amerikaner, bei dem im Alter von drei Jahren Autismus diagnostiziert wurde. Seitdem versuchen seine Eltern zu verstehen, wie Owen sich die Welt um ihn herum erschließt. Und sie bekommen heraus, dass Owen ausschließlich auf Disney-Filme zu reagieren scheint. Die Eltern erzählen im Film, wie sie merkten, dass er die Dialoge von Filmen wie "Peter Pan" oder den "König der Löwen" auswendig kennt.

Aber nicht nur das: Er setzt sie in direkte Beziehung zu seinem Leben. Owens Vater, der politische Journalist und Pulitzer-Preisträger Ron Suskind, hat vor drei Jahren ein Buch über Owens Weg und seine Entwicklung geschrieben. Daraus entstand dieser Dokumentarfilm. Im Interview sprachen wir Ron und seine Frau Cornelia Suskind erst einmal auf Owens Transferleistung an, die Disney-Welt auf das reale Leben anzuwenden.

"Ich will, dass die Leute mich kennenlernen"

Ron Suskind: Ich stehe schon viele Jahre in der Öffentlichkeit, als Autor, und weil ich auch im Fernsehen zu sehen bin. Unsere Familie war bisher immer im Privaten geblieben. Als Owen ungefähr 19 war, fing er an, neue Fragen zu stellen wie: "Mom, die Leute sehen dich als das, was du bist, und Dad, dich auch. Aber bei mir ist das anders. Dabei bin ich doch mehr als das, was man sieht. Ich bin ein roher Diamant, ein ungeschliffener Edelstein."

Der letzte Satz stammt natürlich aus Aladin (lacht), und das war der Anfang. Cornelia sagt oft, wir hätten nie das Buch- und das Filmprojekt begonnen, wenn Owen es nicht auch vorangetrieben hätte. Owen hat gewissermaßen die Führung übernommen und gesagt, "ich will, dass die Leute mich als den kennenlernen, der ich wirklich bin." Und das ist genau das, was jetzt passiert.

Hakuna Matata! Owen Suskind kann ganze Dialoge aus dem "König der Löwen" (1994) nachsprechen (imago/United Archives)Hakuna Matata! Owen Suskind kann ganze Dialoge aus dem "König der Löwen" (1994) nachsprechen (imago/United Archives)

Susanne Burg: Es ist bewegend, im Film zu sehen, wie sehr Sie auf Owen eingehen und versuchen, ihn und seine Welt zu verstehen. Ein zentraler Moment ist, als Sie entdecken, dass seine Weltsicht stark von Disney-Filmen beeinflusst wird, dass er die Dialoge der Filme auswendig kennt, wie z.B. die von "Peter Pan" oder von "König der Löwen". Haben Sie auch verstanden, wie er diese Dialoge in Beziehung zum wirklichen Leben setzen konnte? Das ist doch ein ziemlich großer Schritt.

Ein langsamer Prozess

Cornelia Suskind: Es hat ziemlich lange gedauert, bis uns das klar wurde. Es gab diesen Moment mit der kleinen Meerjungfrau, als die Glühbirne ausging, und wir merkten, dass da eine Zeile aus dem Film zitiert wurde, die ihm wichtig zu sein schien. Aber es war ein sehr langsamer Prozess, der sich über Jahre hinzog. Als wir dann verstanden, wie er das machte, konnten wir ihm damit gezielt helfen.

Ron Suskind: Das war Teil unseres Lernprozesses. Owen ist ja mit einem IQ von irgendwas über 70 einsortiert worden. Wir haben eine Weile gebraucht, bis wir beiseite schieben konnten, was Fachleute  über ihn und seine Fähigkeiten sagten. Aber da waren eben diese Erfahrungen wie z.B. diese: Wir haben zusammen den "König der Löwen" gesehen, und da marschieren die Hyänen in Vorbereitung für den Krieg auf.

Owen drehte sich zu mir und fragte: "Papa, haben wir Schwierigkeiten mit George W. Bush?" Ich hatte über den Einmarsch der USA in den Irak geschrieben, hätte aber nie gedacht, dass er davon überhaupt Notiz nimmt. Aber er hat es mitbekommen. Und ich antwortete: "Ja, es gibt ein paar Probleme, aber es ist OK." Und er fragte: "Hasst George W. Bush dich?". Ich antwortete: "Er mag mich nicht, aber er macht nur seine Arbeit, und ich mache meine Arbeit als Journalist." Wir haben dann den Film weitergeguckt. Das ist ein perfektes Beispiel für die Kraft des Kinos.

Susanne Burg: Hat Sie das auch das Konzept des IQ und von Intelligenz in Frage stellen lassen?

Ron Suskind: Auf jeden Fall! Wir haben damals angefangen zu begreifen, was heute auch viele Neuro-Wissenschaftlern sagen. Es geht um Defizite und Stärken – wie bei anderen Menschen auch. Bei Autisten zeigt sich das eben nur drastischer. Owen macht viele Dinge besser als wir. Das nimmt nur niemand wahr. Darum geht es auch in diesem Film, dass wir Fähigkeiten anerkennen. Und das heißt, dass wir einfach anders hingucken müssen.

Er hat all diese Film im Kopf

Susanne Burg: Eine andere Szene, die ich sehr bewegend fand, war die, als Owen von zu Hause ausgezogen ist und zum ersten Mal alleine in seiner neuen Wohnung ist. Er beschließt "Bambi" zu gucken. Und man sieht ihn, wie er die letzte Szene schaut, in der die Mutter stirbt und Bambi alleine zurückbleibt. Es scheint, als ob er für jede Situation eine passende Szene findet, auf die er Bezug nehmen kann. Hat er diese Szenen immer abrufbar im Kopf kann direkt darauf zugreifen, wenn er es braucht?

"Bambi"mit seinen Freunden, dem Skunk, dem Schmetterling und dem Hasen "Klopfer". Der Trickfilm-Klassiker des US-amerikanischen Regisseurs, Zeichners und Produzenten Walt Disney erzählt die Geschichte des kleinen Rehs "Bambi", das seine Mutter durch Jäger verliert. Fortan streift es allein durch die Wälder und besteht mit einigen Freunden allerlei Abenteuer. Erwachsen geworden wird es Leittier einer Herde. Der Film kam 1942 in die Kinos. | Verwendung weltweit (Buena Vista)Mit Disney-Filmen einen Zugang zur Welt finden: Szene aus dem Trickfilm-Klassiker "Bambi" von 1942 (Buena Vista)

Cornelia Suskind: Genau. Das ist das Außergewöhnliche, dass er all diese Filme im Kopf hat. Er weiß genau, wie er sie in jeder Situation anwenden kann. Und Bambi war noch nicht einmal ein wichtiger Film für ihn. Als ich "unseren" Film zum ersten Mal in Sundance sah und dann diese Szene kam, war ich geschockt. Ich wusste ja nicht, wie jener Abend zu Hause abgelaufen war.

Für mich als seine Mutter war das natürlich heftig, ihn da zu sehen, wie er Bambi guckt und sich so alleine fühlt. Andererseits fand ich es auch genial von ihm, sich diese kleine Szene auszusuchen, um einen Bezug zu seinen eigenen Gefühlen in diesem Moment herzustellen. Das hat mich umgehauen.

Die Grautöne des Lebens als Herausforderung

Susanne Burg: Irgendwann finden Sie heraus, dass Owen auch eine ausgeprägte Beziehung zu den Nebenfiguren in den Filmen hat. Er schrieb auf: "Ich bin der Beschützer der Nebenfiguren". Oder er sagt, dass die Nebenfiguren dazu dienen, den Helden sein Schicksal erfüllen zu lassen. Im Leben ist es natürlich nicht immer so einfach, dass es Helden und Nebendarsteller gibt, es scheint da also ein großes Enttäuschungspotential zu geben. Wo ist Owen also mit seiner Übertragung der Disney-Welt aufs reale Leben an seine Grenzen gestoßen?

Ron Suskind: Owen hat aus diesen Disney-Filmen, die natürlich moralische Allegorien sind, seine moralischen Grundideen abgeleitet und dann in der echten Welt ausprobiert. Oft gibt es eine Spannung zwischen dem, was im Film zu sehen ist und den Grautönen, aus denen das Leben besteht. Aber er lernt, damit umzugehen.

Die Entdeckung der Nebenfiguren

Was die Nebenfiguren angeht: da hat sich seine Einstellung über die Jahre geändert. Anfangs, als er einige Rückschläge in seinem Leben einstecken musste, sagte er: "Ich bin eine Nebenfigur und kein richtiger Held". Daraus wurde dann später: "Die Nebenfiguren sind wichtig, sie helfen dem Helden, seine Bestimmung zu finden, ohne sie passiert gar nichts."

Daraus haben auch wir gelernt. Wir hatten bisher nur die traditionelle Erzählstruktur gesehen, in der es die Helden gibt und die Nebenfiguren, die nur am Rand auftreten. Owen erklärte uns, dass das komplizierter ist. Meistens sind wir alle Nebenfiguren und helfen anderen, ihre Bestimmung zu erfüllen. Dadurch finden wir unseren inneren Helden.

Es verändert das traditionelle Bild des Helden, wenn wir sagen, dass Heldentum eine Entscheidung ist, die wir jeden Morgen erneut treffen. Und indem wir anderen helfen, ihre Bestimmung zu finden, erfüllen wir unsere eigene. Das ist die perfekte Weiterentwicklung der häufig ziemlich bröckeligen Moral der Disney-Filme. Aus dieser Spannung entsteht etwas Neues, was natürlich der Kern aller Kunst ist.

Susanne Burg: Es gibt auch Sätze im Film, die voller Poesie sind, z.B. als Owen Sie anruft, nachdem seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat und er Sie fragt: "Warum ist das Leben so voller unfairer Schmerzen und Tragik?

Ron Suskind: Ja, das hört sich nach Brecht an. Das Faszinierende daran ist, dass diese poetischen Sätze von jemandem kommen, den viele nicht ernst nehmen.

Höhere Ebene des emotionalen Verständnisses

Cornelia Suskind: Wir und auch andere Eltern haben festgestellt, dass die emotionale Wahrnehmungsschärfe von Menschen mit autistischen Störungen sehr ausgeprägt ist. Es gab ja immer diese traditionelle Sicht, dass Autisten emotional abgekoppelt sind und dass sie nicht kommunizieren wollten - das ist vollkommen falsch. Sie können ihre Gefühle vielleicht nicht so zeigen wie wir, aber sie fühlen ihre Emotionen ganz stark. Owen hat uns das immer wieder gezeigt. Ich glaube, dass sie auf einer viel höheren Ebene des emotionalen Verständnisses existieren als wir.

Ron Suskind: Deswegen zieht es so viele von ihnen zum Kino. Sie haben das Gefühl, dass es dort um diesen tiefen Ausdruck alles Menschlichen geht.

Susanne Burg: Das Kino ist die eine Sache, dann ist da ja auch noch die Familie. Owen hat plötzlich, als er drei war, nicht mehr gesprochen. Und Sie wussten überhaupt nicht, wie Ihnen geschieht. Und auch, als Autismus diagnostiziert wurde, wussten Sie nicht, wie er sich weiter entwickeln würde. Im Film ist zu sehen, wie er mit 23 auf einer Autismus-Konferenz in Paris eine Rede hält. Und Sie stellen selbst staunend fest, was für einen langen Weg er gegangen ist. Was glauben Sie, wie sehr haben die Unterstützung durch die Familie und der Wunsch verstehen zu wollen, wie sein Gehirn funktioniert, zu dieser Entwicklung beigetragen?

Cornelia Suskind: Wir haben uns lange damit beschäftigt, wie sehr sich frühzeitige Intervention, Schule, Betreuung und so weiter ausgewirkt haben, oder das, was wir gemacht haben, oder die Mischung aus beidem. Ich denke, all diese Dinge zusammen haben dafür gesorgt, dass er heute dort ist, wo er ist.

Owen wird immer selbstsicherer

Es ist unmöglich zu sagen, wohin er sich von hier aus weiterentwickeln wird. Alles ist ein ständiger Prozess. Selbst in dem einen Jahr, seit der Film in den USA rausgekommen ist, konnten wir beobachten, wie sich seine sozialen Fähigkeiten enorm weiter entwickelt haben.

Heute hält Owen Suskind Reden - Szene aus "Life, Animated" (Life Animated Documentary Productions LLC)Heute hält Owen Suskind Reden - Szene aus "Life, Animated" (Life Animated Documentary Productions LLC)

Früher hätte ihn ein großes Publikum vielleicht überfordert, jetzt kommt er unglaublich selbstsicher auf die Bühne, nimmt sich das Mikro und leitet die Fragerunde. Und wir denken nur: "Wow – wie ist das passiert?"

Ron Suskind: Erinnern Sie sich, wie er sagte, er wolle einfach nur dafür akzeptiert werden, was er ist. Und das passiert jetzt in Sälen von 1000 Leuten.

Owen befindet sich auf einer Reise. Auf dieser Reise werden wir immer mehr zu seinen Nebenfiguren, wir tragen quasi seine Taschen. Er wird immer autistisch sein, er wird immer kämpfen müssen – das weiß er. Aber er glaubt daran, dass das Kämpfen der Schlüssel dafür ist, dass er seinen inneren Helden findet.

Susanne Burg: Sie müssen ihn natürlich auch kämpfen lassen. Das ist manchmal sicher nicht einfach. Im Film gibt es immer wieder auch Szenen mit Therapeuten, die ihn beispielsweise dabei unterstützen, alleine zu leben. Wie gut ist das Hilfssystem in den USA, was Autismus angeht und wie kann es verbessert werden?

Cornelia Suskind: Das Bewusstsein über Autismus in den USA hat sich seit 1993, als Owen die Diagnose erhielt, ziemlich entwickelt. Aber es kann  immer Verbesserungen geben. Uns besorgt derzeit, dass unser aktueller Präsident momentan wild am Sozialsystem herumkürzt.

Das Problem in den USA besteht darin: wenn jemand 22 wird, werden die meisten der zuvor erhaltenen öffentlichen Hilfeleistungen gestrichen. Da die Zahl der Kinder mit Autismus weiterhin zunimmt, steigt auch die Anzahl derer, die 22 Jahre alt werden und aus dem System fallen. Das ist zu einer richtigen Krise in den USA geworden.

"Kein Autist wird zurückgelassen"

Ron Suskind: Kürzlich war Owen bei einer Veranstaltung mit jungen Leuten, die nicht gesprochen haben. Einer seiner Lieblingssätze ist ja: "Keine Nebenfigur wird zurückgelassen", und ein junger Mann aus der Runde griff nach seinem Tablet und zeigte Buchstabe für Buchstabe "Kein Autist wird zurückgelassen". Das ist eine große Bewegung für soziale Gerechtigkeit.

Susanne Burg: Ist Owen zu einem Aktivisten, zu einem Sprecher der Community geworden?

Ron Suskind: Ja, in gewisser Weise schon. Er ist eigentlich nicht besonders politisch, aber bei einer Fragerunde im letzten Herbst wollte jemand wissen, was Owen von den Wahlen hielt und mit welcher der Hunderten von Disney-Figuren er Trump vergleichen würde. Es wurde sehr still im Saal, und nach einer Weile sagte Owen: "Trump – da würde ich Gaston aus ‚Die Schöne und das Biest‘ nehmen" und er erklärte warum: "Gaston sieht gut aus, aber er ist unsicher. Er ist ein Rüpel und sucht sich einen Mob aus verängstigten Leuten zusammen, die nicht so sind wie er. Am Anfang denken manche Leute, er sei ein Held, aber am Ende wissen sie, dass er der Bösewicht ist."

Die Leute sind total ausgeflippt. Ein magischer Owen-Spruch über die Zeit, in der wir leben. Ich denke, dass er jeden Tag etwas politischer wird.

Das Gespräch übersetzte Marei Ahmia.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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