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Vollbild | Beitrag vom 02.04.2016

Doku über eritreische Flüchtlinge"Warterei zermürbt Flüchtlinge und Helfer"

Lisei Caspers im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Eine Szene des Kinofilms "Gestrandet" (Pandora Filmverleih/dpa)
Eine Szene des Kinofilms "Gestrandet" (Pandora Filmverleih/dpa)

In ihrem Dokumentarfilm "Gestrandet" begleitet Lisei Caspers das Leben fünf junger Männer aus Eritrea in einem ostfriesischen Dorf. Der Filmemacherin ging es dabei vor allem um die Beziehung zwischen den ehrenamtlichen Helfern und den Flüchtlingen.

Patrick Wellinski: Die Ortschaft Strackholt ist ein kleines und übersichtliches Dorf in Ostfriesland mit so ca. 1500 Einwohnern – da fallen natürlich fünf Flüchtlinge auf, vor allem, wenn sie aus Eritrea stammen. Genau das ist aber die Ausgangslage für die Dokumentation "Gestrandet" von Lisei Caspers.

Sie beobachtet diese fünf jungen Männer Ali, Hassan, Osman, Mohammed und Aman ein Jahr lang, wie sie in Strackholt warten – warten darauf, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, warten, wirklich ankommen zu dürfen. Dabei helfen ihnen die Bewohner, einige zumindest, sehr intensiv, auch wenn die Strackholter anfangs ein wenig mit den Neuankömmlingen fremdeln. Guten Tag, Frau Caspers!

Lisei Caspers: Moin!

Wellinski: Können Sie uns anfangs vielleicht erzählen, wie Sie überhaupt auf diese fünf jungen Männer aus Eritrea gestoßen sind?

"Das war durch Zufall"

Caspers: Ja, das war durch Zufall, und zwar saß ich Weihnachten in der Kirche - und im Anschluss an den Gottesdienst hat dann der Pastor gesagt, dass fünf Flüchtlinge angekommen sind in der Gemeinde und dass die Anschluss suchen.

Und dann bin ich mit meinen Schwestern zwei Tage später da hingegangen und hab sie getroffen zum ersten Mal und kennengelernt und war, ja, etwas entsetzt, wie sie untergebracht waren und wie die ganze Situation da vor Ort war.

Wellinski: War das denn auch klar, dass sie sofort mit einem Dokumentarfilm diese Männer begleiten wollen - oder hat das etwas gedauert bis zu den letztendlichen Dreharbeiten?

Caspers: Nein, das hat noch etwas gedauert, und zwar kam die Idee, den Film zu machen, als ich die ganze Gruppe kennengelernt hab, also als ich auch die deutschen ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer Christiane Norda und Helmut Wendt kennengelernt hab und gesehen hab, wie diese Gruppe zusammengekommen ist und jetzt versucht hat, einfach den jungen Männern oder den Flüchtlingen dort ein Leben aufzubauen. Da war dann der Moment, wo ich gesagt hab, das möchte ich begleiten, das interessiert mich.

Wellinski: Sie sind ja sehr nah bei diesen Männern, und Sie erzählen ja auch, wie sie nach Deutschland gekommen sind, die Einzelheiten der Flucht werden zum Teil auch sehr deutlich – es war wahrscheinlich eine sehr schreckliche Odyssee. Mussten Sie denn die fünf lange überreden, bis sie Sie so nah an sich herangelassen haben? So eine Kamerasituation ist ja auch immer eine andere als bei einem persönlichen Gespräch.

"Sehr offen, sehr frei und uns öfter überrascht"

Caspers: Ich glaube, was sehr von Vorteil war, dass ich sie einfach schon kannte. Diese erste Zeit, dieses Kennenlernen, da stand der Film nicht im Vordergrund, sondern man hatte einfach genug Zeit, sich kennenzulernen und auch in dieser Zeit, in diesen zwei Monaten, haben sie mir viel erzählt schon, wo halt keine Kamera dabei war. Und ich glaube, das hat sehr viel Vertrauen aufgebaut.

Als wir dann letztendlich angefangen haben mit dem Film, waren sie sehr offen und auch sehr frei und haben uns auch öfter überrascht. Zum Beispiel gibt es eine Szene im Film, wo sie in einer Art Rollenspiel ihr Leben in Eritrea nachspielen. Ich weiß noch, wir kamen damals zum Dreh, und dann hieß es, sie wollten uns eine Comedy vorführen. Und, na ja, dann kam da dieses wirklich hochdramatische und auch sehr berührende Stück bei rüber.

Sie hatten also eigentlich eher am Anfang sehr viel Spaß an der Sache und haben sehr viel auch selber von sich aus mitgemacht, und dieser Elan ist dann einfach im Laufe der Zeit immer mehr zurückgegangen.

Wellinski: Genau, denn sie mussten warten.

Caspers: Genau, einfach durch die Warterei und diese ja auch sehr zermürbende Zeit dann für sie – das kann man auch sehr gut im Film erleben – ist dann diese positive Grundstimmung, die wir am Anfang hatten, einfach verschwunden.

Wellinski: Der Kern Ihres Film ist dieses Warten und Warten, vor allem ja, bis die deutschen Behörden anfangen zu arbeiten, bis die ganzen Anträge entweder bewilligt oder abgelehnt werden, es ist ja nichts gesichert. Hat Sie das denn selbst überrascht, dass dieses Warten auf die Bearbeitung letztendlich so, sagen wir mal, zu dem stillen Rhythmusgeber Ihres Films geworden ist?

"Dieses Warten war das eigentlich Wichtige"

Caspers: Ja, das hätte ich auch nicht selber gedacht, dass es so lange dauert. Ich hatte damit gerechnet, dass wir die Produktion in einem Jahr abschließen können, und letztendlich hat sich dann aber in dem Prozess gezeigt, dass dieses Warten das eigentlich Wichtige ist, und wir haben jetzt letztendlich zwei Jahre an dem Film gearbeitet.

Und das war eine Entscheidung, die dann während der Dreharbeiten gefällt wurde, dass wir gesagt haben, wir legen den Fokus auf dieses Warten, auf diese Geschichte und ihr Ankommen in Deutschland. Ja, das hat halt sehr lange gedauert.

Wellinski: Neben den fünf sind ja auch die zwei herzensguten Menschen, die helfen, diese ehrenamtlichen Helfer, natürlich sehr wichtig und sehr zentral für den Film – Sie haben sie schon genannt –, Christiane, die Journalistin, die endlich mal selber anpacken möchte, Helmut, der pensionierte Lehrer, der ihnen Deutsch beibringt. Wie würden Sie deren Antrieb beschreiben, sind die beiden denn Idealisten?

Caspers: Sicherlich, ja. Also Christiane ist auch sehr realistisch, was jetzt in dem Film nicht unbedingt rüberkommt, aber Helmut ist sicherlich ein Idealist, Alt-68er, also da steckt noch einfach sehr viel Engagement drin, also politisches Engagement, was sich durch sein ganzes Leben zieht und eigentlich hier in dieser Geschichte sozusagen eine Fortführung findet. Bei Christiane war es ein bisschen anders, aber auch für sie war das Helfen oder das Mithelfen oder das Anpacken ein zentrales Moment.

Wellinski: Aber auch die beiden zerbrechen an dem Warten, so hatte ich jedenfalls das Gefühl. Auch die sind geschockt und erstaunt darüber, dass diese Anträge, das alles, die ganze Grundstimmung zu kippen beginnt.

"Es gab keine Ressentiments gegen sie"

Caspers: Genau, das ist auch ein zentrales Thema des Films, diese Warterei, die diese Menschen zermürbt, und zwar nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch die Menschen, die versuchen, ihnen zu helfen, und wirklich viel auch investieren, aber letztendlich auch da nicht weiterkommen, denn das sind Probleme oder das sind ja Dinge, die sie selber nicht mehr in der Hand haben, sondern die dann auf staatlicher Ebene geklärt werden müssen.

Wellinski: Sie zeigen ja auch andere Bewohner dieses Dorfes, und es ist wirklich erstaunlich, wie offen die meisten sind, und natürlich kann man ein gewisse Skepsis aus den Gesichtern herauslesen über diese fünf neuen Bewohner. Manchmal erschien mir das, um ehrlich zu sein, etwas zu schön, um wahr zu sein, also Strackholt, so wie Sie es zeigen, wirkt wirklich wie der Inbegriff der so viel zitierten Willkommenskultur.

Caspers: Ja, das hat sicherlich damit zu tun, dass Menschen einfach vor der Kamera nicht so unbedingt bereit sind, Dinge zu sagen, die sie vielleicht denken, aber insgesamt war es wirklich auch so, wie Sie es jetzt beschrieben haben, dass den fünf Flüchtlingen in der Zeit, in der sie Strackholt gelebt haben … dass es da keine Ressentiments gegen sie gab, also sie hatten keine schlechten Erfahrungen, eigentlich bis heute. Da haben wir letztens noch mal drüber gesprochen. Und das ist etwas, was mich sehr erfreut hat, was ich auch nicht erwartet habe.

Wellinski: Sie haben aber auch beschlossen, diesen ganzen bürokratischen Teil in Ihrem Film so ein bisschen auszuklammern. Also klar, das Warten, wir sehen die Männer, wie sie versuchen, irgendwie das Beste aus ihrem Tag zu machen, aber Sie gehen jetzt nicht zum Beispiel mit ins Amt, also es kommen immer nur Briefe an, und dann merken wir, ah, jetzt ist immer noch nichts geklärt und man wird wieder nur vertröstet.

"Sehr nahe bei den Flüchtlingen und Helfern geblieben"

Caspers: Ja, weil das war nicht, was mich interessiert hat, das war nicht der Fokus des Films jetzt, viel Zeit in den deutschen Amtsstuben zu verbringen, sondern mir ging es wirklich darum zu gucken, was passiert vor Ort zwischen den Menschen, was passiert zwischen den ehrenamtlichen Menschen und den Flüchtlingen, wie gehen die mit der Situation um, wie kommunizieren sie, wie schaffen sie das, was sie sich vorgenommen haben. Und diesen Prozess wollte ich begleiten. Und deswegen sind wir sehr nahe bei den Flüchtlingen und auch sehr nahe bei den ehrenamtlichen Helfern geblieben und haben diese ganzen bürokratischen Überbaugeschichten und Gesetze und alles ausgeklammert.

Wellinski: Ihr Film hat auch etwas sehr Prophetisches, weil die ganze große Flüchtlingsbewegung aus Syrien ja noch gar nicht wirklich angekommen war, als Sie gedreht haben, und trotzdem zeigen Sie ja schon, dass hier niemand wirklich vorbereitet ist. Und das reine Chaos, das Sie dann ja auch durch die Medien vielleicht mitbekommen haben, hat Sie dann ja eigentlich nicht überrascht, weil Sie haben es ja theoretisch kommen sehen.

Caspers: Ja, genau, das hat mich nicht überrascht, nee.

Wellinski: Haben Ihre Protagonisten eigentlich den Film gesehen?

Caspers: Zum Teil haben sie ihn schon gesehen, ja.

Wellinski: Und, wie haben sie reagiert?

Caspers: Unterschiedlich. Also die deutschen Protagonisten oder die deutschen Charaktere waren sehr positiv überrascht und auch sehr berührt von dem Film und der Geschichte, also fanden ihn toll. Die Flüchtlinge haben etwas verhalten reagiert. Ich kann mir das nur so erklären, dass wir sehr ehrlich gearbeitet haben und auch wirklich Momente zeigen, wo sie mal nicht das tun, was von ihnen verlangt wird, was natürlich für den Film total wichtig ist, aber vielleicht in ihrer Kultur oder in dem Moment, in dem sie jetzt gerade sind, für sich nicht so gut anfühlt oder dass sie damit irgendwie Bedenken haben, wie sie jetzt dargestellt werden. Genau. Aber ich glaube, dass das Dinge sind, die sich auch mit der Zeit und mit Gesprächen noch mal klären lassen.

Wellinski: Regisseurin Lisei Caspers. Ihre Dokumentation "Gestrandet" kommt nächsten Donnerstag in unsere Kinos. Frau Caspers, vielen Dank für Ihre Zeit!

Caspers: Gerne!

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