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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.02.2016

Doktorandenforum in PotsdamJunge Historiker forschen gern am Rand

Von Vanja Budde

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Vermummte Hausbesetzer vor brennenden Wagen der Wagenburg am 26.5.1989 in der Hamburger Hafenstraße. (dpa / Herrmann)
Vermummte Hausbesetzer 1989 in Hamburg: Viele Themen der Jugendlichensubkulturen stoßen heute bei Doktoranden auf Forschungsinteresse. (dpa / Herrmann)

Prostitution in der DDR oder Hausbesetzer in den 1980er Jahren - heutige Doktoranden widmen sich gerne Randgruppen der Gesellschaft. Das wurde beim jüngsten Doktorandenforum des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung deutlich. Eine Entwicklung, die nicht nur positiv ist.

Steffi Brüning promoviert an der Uni Rostock zum Thema Prostitution in der DDR. Nach offizieller Lesart gab es so etwas im Sozialismus nicht, im Westen sind bislang nur die Mata Haris des Ostens bekannt, die Westler für die Stasi abschöpften und dafür mit ihnen ins Bett gingen. Doch Prostitution war in der DDR weiter verbreitet, erklärt Brüning ihren gespannt lauschenden Kollegen.

Nach dem Vortrag ist Zeit für Fragen, es geht um Brünings Herangehensweise, Nebenaspekte, die Unterschiede im Vergleich zum Westen.

"Neue Wege in die Zeitgeschichte" - unter diesem Motto stand das Forum der Nachwuchswissenschaftler. Sie waren aus ganz Deutschland angereist, aber auch aus Großbritannien und den USA. Frank Bösch, Direktor des gastgebenden Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, hat klare Schwerpunkte ausgemacht, was Doktoranden heutzutage interessiert:

"Das sind zum einen Themen aus den 70er-, 80er-Jahren. Das ist eine Zeit, die für die jüngeren Doktoranden natürlich neu ist. Sie sind in den späten 80er-Jahren geboren und entdecken hier eine Zeit, die deutlich andersartig ist. Es sind sehr viele Themen zu Jugendlichensubkulturen, zu Bewegungen wie Punks, linksalternativen Bewegungen, Hausbesetzern, Gothics beispielsweise, die hier Gegenstand der Forschung werden. Es sind gerade Protestbewegungen, die viele Jugendliche interessieren, vielleicht eben auch, weil wir dies in diesem Maße heute nicht mehr - zumindest an den Jugendbewegungen - kennen."

Die Themen werden nicht unpolitischer

Es sei auffällig, dass immer weniger Arbeiten die Politik ins Blickfeld nähmen, sagt Bötsch, die Parteien, den Staat:

"Es gibt bis heute keine zeithistorische Studie etwa über die FDP oder die Bild-Zeitung, also ganz klassische Gegenstände. Das ist tatsächlich auch ein gewisses Problem für die Forschung. Stattdessen aber werden die Themen nicht unpolitischer, denn auch Themen wie Punk oder Arbeiten über Prostitution, wie sie hier vorgestellt werden, haben ja natürlich eine starke politische Konnotation, nicht nur wenn sie, wie viele Arbeiten, die DDR thematisieren, wo durch die Verfolgungssituation natürlich ohnehin fast jedes Thema politisch ist."

Prostituierte in der DDR waren der staatlichen Willkür ausgesetzt, erzählt Steffi Brüning. Sie konnten in geschlossenen Kliniken landen unter dem Vorwand, mit Geschlechtskrankheiten infiziert zu sein. Prostitution stehe nicht unbedingt im Widerspruch zur Emanzipation, betont die Nachwuchswissenschaftlerin. Aber dass die Frauen in der DDR vollkommen gleichberechtigt gewesen seien, das sei eine Legende:

"Also ich muss immer wieder feststellen, dass es dann nicht so viele Unterschiede wie zum Westen gab, auch wenn es nach außen hin gerne so dargestellt wurde."

Die Sicht der Geschichtsforschung auf die DDR und die Wende sei westzentriert, meint Jessica Bock aus Dresden. Sie promoviert über "Ostdeutsche Frauenbewegung von 1980 bis 2000 in Leipzig".

Junge Historikerinnen aus dem Osten wollten ihre Geschichte nun aber selber erzählen und erforschen, sagt Bock. In ihrem Fall auch mit Blick auf die bislang kaum bekannte Rolle, die Frauen in den Wendejahren gespielt haben:

"Frauen hatten einen erheblichen Anteil an der friedlichen Revolution 1989. Das Problem ist, dass diese Aufarbeitung dieser Geschichte überwiegend von Männern betrieben wird, in den Gedenkstätten, in den Geschichtsinstituten, also das Zeitgeschichtliche Forum zum Beispiel in Leipzig, da sind die Direktoren Männer."

Zum großen Missfallen der Stasi hatten sich Anfang der achtziger Jahre auch in der DDR Frauengruppen gegründet. Denn trotz der proklamierten Gleichberechtigung habe es massive Defizite gegeben, sagt Jessica Bock:

"Diese sozialistischen drei Ks: Kinder, Küche, Kombinat. Und wir machen trotzdem auch noch den Haushalt, wir verdienen weniger, wir sind kaum in den Führungspositionen vertreten. Ja, und das hat alles mit eine Rolle gespielt."

Klassische Themen wären zusätzlich wünschenswert

Doktoranden wählten derzeit solche Themen, die sie persönlich interessierten und mit denen sie Aufmerksamkeit erlangen könnten, sagt Zentrums-Direktor Frank Bösch. Und gibt dem Nachwuchs eine sanfte Mahnung mit auf den Weg:

"Ich denke, es wäre gut, auch wieder stärker klassische politische Themen zu machen, allerdings mit neuen Methoden, mit Methoden, die aus der Kulturgeschichte kommen, die sehr genau nach Praktiken, nach Deutung, nach Machtausübung fragen, die also nicht nur die Geschichte von großen Männern betrachten, sondern Beziehungen, Interaktionen."

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