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Zeitfragen | Beitrag vom 01.02.2018

Diskussion um BitcoinDigitalwährung als Klimakiller?

Von Jochen Dreier

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Das Archivbild von 2014 zeigt das Bitcoin-Logo, ein weißes "B" auf orangefarbenem Grund. (dpa-Bildfunk / AP / Marc Lennihan)
Wie groß ist der Energieverbrauch durch Bitcoin wirklich? Die Meinungen gehen weit auseinander. (dpa-Bildfunk / AP / Marc Lennihan)

Mit dem Höhenflug von Bitcoin hat auch eine Debatte über den Energieverbrauch der Kryptowährung eingesetzt: Bitcoin sei ein monströser Energiefresser. Der Energieverbrauch sei so hoch wie der von Dänemark. Wie seriös sind die Berechnungen und Vergleiche?

Die Meldungen des letzten Jahres überschlugen sich geradezu mit Superlativen. Der Preis von Bitcoin stieg zeitweise auf über 15.000 Euro pro Einheit. Gleichzeitig hieß es, jetzt verbrauche das Netzwerk so viel Energie wie Dänemark oder Irland. Das Thema scheint so drängend geworden zu sein, dass sogar die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, sich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos dazu äußerte. Sie gehe davon aus, dass Bitcoin im Laufe des Jahres 2018 so viel Energie wie Argentinien verbrauchen werden. Aber was ist damit eigentlich genau gemeint?

Marc Bevand ist Programmierer und Bitcoin-Enthusiast der ersten Stunde. Auf seinem Blog hat er seit Anfang letzten Jahres den Stromverbrauch kalkuliert und die Zahlen kontinuierlich angepasst.

"Ich habe mir die eingesetzten Mining-Maschinen angeschaut und wieviel Energie sie verbrauchen. Dann habe ich kalkuliert, wie es sich auswirkt, wenn die Unternehmen die effizientesten oder ineffizientesten Geräte verwenden. So komme ich auf eine Ober- und eine Untergrenze. Da wir wissen, wie groß das Netzwerk reell ist, kann man den ungefähren Energieverbrauch so annähernd berechnen."

Kalkulationen gehen weit auseinander

Um einen neuen Bitcoin herzustellen, müssen Computer sehr komplizierte Rechenaufgaben lösen. Diese werden stetig komplizierter und somit braucht es immer eben auch immer mehr Rechenleistung. In den sogenannten Mining-Farmen arbeiten tausende Recheneinheiten ohne Pause daran neue Bitcoins herzustellen. Wie viel Energie hier verbraucht wird, darum dreht sich die große Diskussion. Doch die Kalkulationen der tatsächlichen Energiemenge gehen weit auseinander. Marc Bevands Annahmen lagen Anfang 2018 bei ca. 2100 Megawatt. Die dagegen viel öfter in den Medien zitierte und von ihm stark kritisierte Rechnung des Magazins Digiconomist schätzt den Verbrauch um ein vielfaches höher ein. Roman Beck, Professor für IT-Ökonomie an der Universität Kopenhagen, weist auf die Schwierigkeiten der Rechenmodelle hin:

"Wenn sie sich die verschiedenen Modelle ansehen, dann müssen die ja mit vereinfachten Annahmen kalkulieren. Zum Beispiel, wie effizient sind denn diese Mining-Pools in China. Dann müssen sie Annahmen treffen über die Effizienz des Rechenzentrums, der Belüftung. Das geht alles in die Rechnungen ein. Aber sie können eine gewissen Bandbreite angeben und das machen die meisten Modelle."

Diese oberen und unteren Bandbreiten des Energieverbrauchs werden dann gerne verglichen, eben zum Beispiel mit Ländern. Das Saarland lässt grüßen. Dabei sind scheinbar einfache Vergleiche oft irreführend. Immer wieder wurden Irland und Dänemark genannt. Diese beiden Länder zeichnen sich aber vor allem dadurch aus, dass sie eine besonders hohe Energieintensität haben. Das bedeutet: Sie haben einen sehr niedrigen Verbrauch im Verhältnis zur Größe ihrer Volkswirtschaft. Sind also eben keine Energiefresser.

Der Energieverbrauch ist relativ

Setzt man die Zahl von Marc Bevands Rechnung außerdem ins Verhältnis mit anderen Zahlen, so bekommt sie eine komplett andere Dimension. Das Großkraftwerk Mannheim hat beispielsweise eine Nennleistung von rund 2100 Megawatt, würde also ausreichen um nach Marc Bevands Rechnung das Bitcoin-Mining im Januar 2018 anzutreiben.

"Man kann natürlich Vergleiche mit verschiedensten Dingen heranziehen. Mal klingt es dann nach einer besonders großen Zahl, mal nach einer kleinen. Anfang letztes Jahr, als der Energieverbrauch noch geringer war, um die 500 Megawatt, da habe ich diese Zahl mit dem fast identischen Stromverbrauch der Weihnachtsbeleuchtung in den USA verglichen. Und plötzlich klang die Zahl überhaupt nicht mehr groß."

Klar ist aber auch, der Energieverbrauch nimmt momentan stetig zu. Denn mit dem steigenden Preis von Bitcoins ist auch das Mining weiterhin sehr interessant. Trotz höherer Ausgaben durch kompliziertere Rechnungen ist die Gewinnmarge durch neu erstellte Bitcoins immer noch profitabel. Vielleicht muss das aber nicht so bleiben, sagt Roman Beck.

"Es kommt doch auch darauf an, was sie mit der Abwärme anfangen, die beim Mining entsteht. Wenn sie eine sinnvolle Anwendung dafür haben, dann wird es auch attraktiv bleiben sogar bei sinkendem Kurs Bitcoin zu minen. Genauso könnte auch die Hardware effizienter werden, so dass man mit der gleichen Energieleistung mehr Rechnungen ausführen kann."

Alte Strukturen und neue Ideen

Doch es stellt sich auch eine ganz andere Frage: Bitcoin und die darunter liegende revolutionäre Blockchain-Technologie hat den Anspruch, das traditionelle Bankensystem zu ersetzen oder es zumindest effizienter zu gestalten. Überweisungen über Grenzen hinweg, die Organisation des Internet of Things oder eben eine Währung, die der globalen Struktur des Internets gerecht wird, könnten mit Blockchain-Technologien möglich sein. Es ist also durchaus legitim, den Energieverbrauch alter Strukturen mit neuen Ideen ins Verhältnis zu setzen.

"Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Sie müssten tatsächlich die gesamten Energiekosten der Kreditwirtschaft auf einzelne Transaktionen herunterbrechen. Und dann würden sie vermutlich auch zu einem deutlich höheren Betrag kommen, als ‚Was kostet mich heute bei Visa oder Mastercard eine Transaktion‘. Denn diese beinhalten nicht alle Kosten, die in den Transaktionen bei Bitcoin durchaus abgebildet sind, im Energieverbrauch. Es bleibt aber trotzdem die Frage, ist der hohe Energieverbrauch gerechtfertigt. Dass Bitcoin so hohe Energiekosten hast, muss ja nichts sein, was so beibehalten werden muss. Es gibt ja auch schon anderen Blockchain-Umgebungen, die ohne das Mining auskommen, und damit deutlich weniger Energie verbrauchen."

Außerdem darf nicht außer acht gelassen werden, dass Bitcoin und Blockchain auch Werte schaffen, die nicht nur monetär gemessen werden können. Tausende von Start-Ups sind entstanden, tausende Arbeitsplätze in einer ganzen Industrie rund um das Mining. In Staaten, in denen die Wirtschaft und das Bankensystem in der Krise sind, hat Bitcoin vielen Menschen ihr Erspartes gesichert.

Zum Beispiel in Zimbabwe oder Venezuela. Oder in Argentinien, um auf das Beispiel von Christine Lagarde zurückzukommen, dass das Bitcoin-Netzwerk bald so viel Strom wie das südamerikanische Land verbrauchen wird: Argentinien ist eins der Länder, in denen die Kryptowährung seit Jahren eine hohe Popularität hat, da die Wirtschaft und Währungspolitik des Landes zu einer hohen Inflation des Pesos geführt hat. Dass dafür Energie aufgewendet wurde, dürften viele Menschen dort begrüßen.

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