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Profil / Archiv | Beitrag vom 14.02.2012

"Dieser Film ist ein patriotischer Film"

Ami Livne und sein Film "Sharqiya" auf der Berlinale

Von Noemi Schneider

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Auf der Berlinale ist auch "Sharqiya" zu sehen. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Auf der Berlinale ist auch "Sharqiya" zu sehen. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Ami Livne hat vor zwei Jahren beim Berlinale Talent Campus sein erstes abendfüllendes Spielfilmprojekt vorgestellt. Nun feiert sein Film "Sharqiya" Premiere in der Panorama-Sektion.

Der israelische Nachwuchsregisseur Ami Livne blinzelt ein bisschen müde in die Berliner Wintersonne, er gibt bereits den ganzen Vormittag Interviews, das Interesse an seinem ersten abendfüllenden Spielfilm Sharqiya ist groß. Vor zwei Jahren hat er beim Berlinale Talent Campus, der Nachwuchsplattform für junge Filmemacher, sein erstes abendfüllendes Spielfilmprojekt vorgestellt.

Seither ist viel passiert, der 36-Jährige ist Vater geworden und "Sharqiya" feiert seine Weltpremiere in der Panorama-Sektion des diesjährigen Festivals. Geboren und aufgewachsen ist Ami Livne in Tel Aviv, dem Kino verfallen, ist er seit seiner Kindheit.

"Mein Großvater besaß ein Kino und als Kind bin ich da immer hingegangen, weil ich umsonst rein kam. Ich habe die Schule gehasst und war ein ziemlich schlechter Schüler, also hab ich sie manchmal einfach ausfallen lassen. Ich bin morgens aus dem Haus, habe meinen Eltern erzählt ich gehe in die Schule, aber da bin ich nie angekommen, stattdessen bin ich in die Stadt gegangen um einen Film zu schauen."

Sein erster Kinofilm war "Supermann" erzählt der Regisseur lachend. Am Anfang ging es ihm hauptsächlich darum soviel Filme wie möglich zu sehen, doch irgendwann nahm er selbst eine Kamera zur Hand.

"Mit 16 habe ich mir eine Videokamera gekauft und sie benutzt um einfach drauflos zu filmen. Als ich in der Armee war, wie die meisten Israelis drei Jahre lang, da war ich in einer Panzer-Einheit und habe die ganze Zeit gefilmt. Und als die Armee vorbei war wollte ich das Material schneiden um daraus einen Kurzfilm zu machen über diese Zeit."

Diesen ersten Film hat bis auf seine Freunde niemand gesehen, denn das Entscheidende war nicht das Ergebnis, sondern die Schneide-Arbeit daran: Aus einem Berg von zufälligen Aufnahmen eine "Einheit" zu komponieren faszinierte den Regisseur nachhaltig. Und da er nach seiner Armeezeit keine Ahnung hatte, was er studieren sollte, machte er eine Ausbildung zum Film-Cutter und begann in einer Postproduktionsfirma in Tel Aviv zu arbeiten.

"Dort habe ich für ein Jahr gearbeitet und Regisseure und Redakteure gesehen, die kamen um an ihren Film- oder Fernsehprojekten zu arbeiten und ich war eben nur der Techniker, der, der die Kabel ineinander steckt. Da habe ich begriffen, dass ich, wenn ich Filme machen will, studieren muss."

Und das tut er am Beit-Berl College in Kfar Saba, einer Kunstakademie mit Filmabteilung. Wissbegierig studiert Ami vier Jahre lang die Sprache des Films, Schnitt, Kamera, Regie und probiert sich in allen Disziplinen aus.

"Am Anfang habe ich Dokumentarfilme gemacht, die waren gar nicht schlecht, ich habe zum Beispiel einen Film über eine Gruppe Skater gemacht, der hat sogar einen Preis bekommen und lief im israelischen Fernsehen. Mein Abschlussfilm war dann ein Kurzfilm über Kinder, mehr biographisch gefärbt, der feierte seine Premiere beim Jerusalem Film Festival."

Nach dem Abschluss will Ami ein Drehbuch schreiben, doch das mit dem Schreiben klappt nicht, also beschließt er, noch ein Jahr lang gezielt das Drehbuchschreiben zu studieren und lernt dabei Guy Ofram kennen.

"Wir haben da zusammen angefangen zu studieren, und er hatte eigentlich diese Idee, einen Film über einen Beduinischen Wachmann zu machen und als er mir davon erzählt habe, habe ich ihm sofort gesagt: Ich will diesen Film mit Dir machen."

Dieser Film "Sharqiya" ist gerade fertig geworden. Sharqiya ist arabisch und heißt Ostwind. Der Film zeigt das Schicksal der Beduinen die seit Jahrhunderten in der israelischen Wüste leben. In den letzten Jahren begann die israelische Regierung sukzessive die Behausungen der Beduinen zu zerstören, sie aus ihren Lebensräumen zu vertreiben und umzusiedeln weil sie keine Besitzurkunden für das Land vorweisen können auf dem sie seit Generationen leben.

Sharqiya erzählt vom Überlebenskampf des Beduinen Kamel, der mit seinem Bruder und dessen Frau in der Negev Wüste lebt. Kamel arbeitet als Wachmann am Busbahnhof der israelischen Stadt Beer’sheva. Als die Blechhütten, in denen er mit seiner Familie lebt, abgerissen werden sollen, wehrt er sich auf seine Weise.

Ami Livnes Film ist hochbrisant und politisch, weil er das willkürliche Verhalten der israelischen Regierung gegenüber den arabischen Einwohnern kritisiert, für Livne selbst ist der Film aber vor allem ein patriotischer Film.

"Ich denke dass dieser Film, auch wenn er Kritik gegenüber der Regierungspolitik äußert, das nicht aus Hass tut, sondern aus Liebe. Der Film bringt mit Hilfe dieser Geschichte auf den Punkt, dass da etwas in Schieflage geraten ist, mit der Hoffnung, dass sich etwas ändert. Er zeigt die Beduinen und ihre Leben und dass auch sie Israelis sind, israelische Bürger.

Die Hauptfigur Kamel ist auch ziemlich patriotisch. Er ist stolz auf seine Armeezeit, er trägt immer seinen Armee-Rucksack und an seiner Wand hängt die israelische Flagge seiner Armee-Einheit. Er arbeitet für eine israelische Sicherheitsfirma und bügelt täglich seine Uniform. Er ist stolz auf seine Arbeit als Wachmann, weil er dabei hilft Menschen zu beschützen. Also dieser Film ist ein patriotischer Film."

Ob das israelische Publikum das genauso sehen wird? Ami Livne ist sehr gespannt.

Gesamtübersicht: Unser Programm zur 62. Berlinale - <br> Alle Infos zum Filmfestival bei dradio.de

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