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Thema / Archiv | Beitrag vom 04.11.2013

"Diese Familien haben sich als der Adel Amerikas gesehen"

Louis Begley porträtiert in seinem neuen Roman die Upper Class der Ostküste

Moderation: Frank Meyer

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Der amerikanische Autor Louis Begley zu Gast im Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Der amerikanische Autor Louis Begley zu Gast im Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Lucy, die Hauptfigur in Louis Begleys neuem Roman "Erinnerungen an eine Ehe", entstammt einer alten Ostküstenfamilie und leidet darunter, dass sie unter Stand heiratet. Sie ist eine bösartige Dame - doch Begley genoss die Zeit mir ihr beim Schreiben trotzdem.

Frank Meyer: "Man muss mit jemandem leben, um zu erkennen, dass man ihn nicht ausstehen kann." Das ist einer der schön bösen Sätze aus dem neuen Roman von Louis Begley, seinem zehnten Roman. Das bekannteste Buch von Louis Begley ist bis heute sein Debüt, der Weltbestseller "Lügen in Zeiten des Krieges", ein Buch über seine polnisch-jüdische Familie, die sich in Krakau vor den Nazis versteckte.

In seinen folgenden Romanen hat Louis Begley oft über die amerikanische Upper Class geschrieben, die vornehme Ostküsten-Gesellschaft, zu der er als erfolgreicher Anwalt und Autor selbst gehört.

Der 80-jährige Louis Begley ist gerade auf einer Lesereise durch Deutschland und ich habe vor der Sendung mit ihm gesprochen und ihn zuerst nach Lucy gefragt, eine der Hauptfiguren in diesem Roman, eine Frau, 70 Jahre alt, die voller Bitterkeit und Bosheit auf ihre Ehe zurückschaut - und auf ein gescheitertes Leben. Also Louis Begley, Sie haben nun viel Zeit mit dieser Frau, dieser Figur verbracht, hat Ihnen das Freude gemacht, über diese verbitterte alte Frau zu schreiben?

Louis Begley: Ja, ich mag sie sehr. Ich habe in mir wirklich diese Schwäche für die bösen Mädchen, und Lucy verkörpert geradezu das böse Mädchen der 50er- und 60er-Jahre. Sie heckt allerlei Streiche und Unangepasstheiten aus, sie ist im Grunde nicht vorbereitet, in der modernen Welt zu leben, sie versucht nicht, einen Beruf zu finden, sie fügt sich nicht ins Arbeitsleben ein. Sie versucht, eine Dame zu sein zu Zeiten, wo das Damesein schlechterdings unmöglich geworden ist. Ich habe solche Frauen gekannt, ich weiß, wie es ihnen ergeht. Und für mich war es wirklich eine große Freude, mit ihr Zeit zu verbringen.

Meyer: Das ist eine Frau, Sie haben es schon angedeutet, als sie jung war, hat sie ja wirklich nichts anbrennen lassen in ihrer Jugend in Paris und in den USA. Aber wir lernen sie ja jetzt kennen als eine eben verbitterte alte Frau, die voller Bosheit auf ihren Exmann schaut und ihn als Monster darstellt, über ihren Sohn sagt, das sei ein Weichei, der nichts auf die Reihe kriegt. Also, das ist ja auch eine Frau, die heute gar keine Freude mehr hat am Leben. Als ich der begegnet bin in Ihrem Roman, habe ich mich auch gefragt, um Gottes Willen, so will ich im Alter nie sein! Was meinen Sie, was kann man dagegen tun, so zu enden?

""Muße ist der große Feind jedes Glücks""

Begley: Muße ist der große Feind jedes Glücks, das untätige Rumsitzen, das Trödeln. Das zeichnet ja das Leben von Lucy aus, sie hat eigentlich nie sich einer konsequenten Arbeit hingegeben außer dieser kurzen Zeit, wo sie in einem Verlag in Bosten arbeitete. Selbstverständlich hatte sie auch ernste psychologische Probleme zu einer Zeit, wo die Psychiater der Meinung waren, sie könnten die Depression durch Psychoanalyse heilen. Ein Irrtum, von dem sie heute abgekommen sind.

In jedem Fall ist dieses untätige, müßige Herumtrödeln für sie das Entscheidende, dieses Zurückblicken auf ein Leben, in dem eigentlich wenig geschehen ist außer sehr viel schlechtem Sex. Aber ich glaube, diese Gefahr steht Ihnen nicht ins Haus!

Meyer: Das will ich auch hoffen! Diese Muße, an der sie auch leidet, wie Sie sagen, Louis Begley, das hat auch mit ihrer Herkunft zu tun. Lucy stammt ja aus einer der Ostküstenfamilien, das ist so eine Familie, wenn da der älteste Sohn heiratet, der Familienerbe, dann wird John F. Kennedy und niemand Geringeres zur Hochzeit eingeladen. Also, der amerikanische Adel, könnte man sagen. So wie Sie diese Familien beschreiben, muss man denken, die halten sich selbst für eine erlesene Kaste besserer Menschen. Ist das so?

Begley: Diese Familien haben sich in der Tat als der Adel Amerikas gesehen. Aber nicht alle Frauen, die diesen Schichten angehörten, sind oder waren wie Lucy, selbst damals nicht. Nehmen Sie zum Beispiel Jackie Kennedy, sie entstammte auch einem besten Hause. Sie hat aber dennoch die Mühe unternommen, eine moderne Frau zu werden, sie hat John Kennedy geheiratet, dadurch hat ihre Karriere eine andere Wendung genommen, als möglich gewesen wäre. Sie war hübsch, sie war nicht ganz so reich wie Lucy, aber sie war gut abgesichert. Dennoch ist sie keine Persönlichkeit wie Lucy geworden.

Meyer: Das Problem oder das Drama von Lucys Leben ist ja auch – oder ein wichtiger Teil davon –, dass sie unter ihrem Stand heiratet, wie man früher gesagt hätte, sie heiratet einen "Townie", Thomas heißt der. Was ist das eigentlich, das ist ein für uns unvertrauter Begriff, ein Townie!

Begley: Das ist wirklich eine schwere Frage, die sich um ein unübersetzbares Wort dreht. In den amerikanischen Universitätsstädten wie Cambridge, Massachusetts oder New Haven gab es diese Kluft zwischen den Kindern, die zur Universität gehen konnten, und denen, denen dies verwehrt war. Also einerseits die Sprösslinge der reichen Familien, die dann mit ihren adretten Krawatten und ihren hübschen Jacketts zur Vorlesung gingen, und den anderen Kindern, den sogenannten Townies, den Kindern aus der Stadt, die dann eben am Ausgang der Universität oder der Bar, wo man seinen Drink genommen hatte, warten und sagen, hey, du feiner Pinkel, oder so ähnlich.

Und das gilt auch für die Ferienorte, zum Beispiel für Newport, wo eben die reiche Elite auch ihre Freizeit verbrachte. Dort waren die Townies eben die Kinder derer, die den Rasen mähen, oder die Kinder der Installateure, der Elektriker und so weiter. Umso bitterer ist es eben für Lucy aus bester Familie, einen solchen Townie heiraten zu müssen, also jemanden, der im Grunde der ist, der das Öl im Rolls-Royce der Kunden wechselt.

Meyer: Sie beschreiben zwei Bewegungen in Ihrem Roman: Lucy steigt eigentlich ab aus ihrem Ostküstenadel und dieser Thomas, der Townie, der steigt aber auf, und wie, arbeitet sich nach oben, wird ein glänzender, schwerreicher Unternehmer, wenn er nach Frankreich kommt später in seinem Leben, dann speist er mit dem französischen Präsidenten, für ihn wird eine Privatführung organisiert durch das Königsschloss Versailles. Das ist fast eine Märchenfigur, Ihr Thomas!

Begley: Das ist der amerikanische Traum, man schafft es von ganz unten nach ganz oben. Thomas ist ja ein herausragendes Talent, er ist fleißig, er hängt sich in die Riemen, und er ist auch unkompliziert.

Meyer: Sie sind ja selbst so ein Aufsteiger eigentlich, als Immigrantenkind in die USA gekommen, und vielleicht in noch stärkerem Maße als dieser Thomas, der in dem Land selbst starten konnte, und ein Staranwalt geworden, ein erfolgreicher Schriftsteller geworden. Ich will nicht fragen, ob Sie Thomas sind natürlich, aber vielleicht die Frage: Diesen Snobismus, den Sie auch beschreiben, der alteingesessenen reichen Amerikaner, sind Sie auf den auch gestoßen?

""Ich bin nach oben aufgestiegen" "

Begley: Ich hatte schon Angst, dass Sie mir diese Frage stellen würden. Aber ich bin nicht Thomas. Ich bin Louis Begley und ich habe auch nicht allzu sehr unter diesem Snobismus der amerikanischen Oberschicht zu leiden gehabt. Ich bin allenfalls ein Beispiel dafür, wie sich die Dinge eben einrichten lassen, wenn man es richtig anpackt.

Ich habe in der amerikanischen Gesellschaft in der Tat Erfolg gehabt, ich bin nach oben aufgestiegen. Ich kam aus äußerst schwierigen und fast aussichtslosen Umständen im Alter von 13 Jahren in den USA an mit meinen Eltern, mein Vater war ein sehr hart arbeitender, kluger Mann, er schaffte es dort, eine Praxis als Arzt zu errichten in weniger als einem Jahr. Ich habe es innerhalb von weniger als drei Jahren geschafft, zum Harvard College zu gelangen. Also, in gewisser Weise verkörpere ich diese Ansicht, dass wir in den USA eine offene Gesellschaft sind.

Meyer: Andererseits zeigen Sie in Ihrem Roman eben auch diese Kastengesellschaft, diese amerikanische Aristokratie. Wobei, es gibt einmal einen Satz des Sohnes von Lucy, eben der Frau, die aus dieser Schicht kommt, und er macht so die Andeutung, dass doch auch dieses Kastenselbstbewusstsein zu bröckeln beginnt und dass auch diese aristokratische Schicht sich öffnen könnte. Hat sich das verändert inzwischen?

""Diese Schicht hat in der Tat die Macht verloren""

Begley: Diese Schicht hat in der Tat die Macht verloren, sie haben ihr Geld verloren. Wie Lucy auch sagt, wenn man ein Hemd verliert, dann ist das alles relativ zu sehen. Es hängt davon ab, wie viele Hemden man besitzt. Das Geld dieses Familienadels hat seine Wichtigkeit verloren. Damals, in den 60er-, 70er-Jahren haben diese guten Familien ihren Zugriff auf die Machtpositionen verloren, in der Politik, in den Institutionen. Die Präsidenten der Universitäten, die Direktoren der Museen oder der Stiftungen entstammen nicht mehr diesen wenigen großen Familien Amerikas, sondern kommen von außerhalb.

Also ist das ganze System in sich zusammengebrochen. Dieser Adel wurde gewissermaßen ersetzt durch einen neuen Adel, durch die Aristokratie der Schwerreichen, der Superreichen, zurückgehend auf das Ende des 19. Jahrhunderts, diese robber barons, die damals unvorstellbaren Reichtum und Wohlstand aufgehäuft hatten, das hat jetzt das Ruder übernommen.

Meyer: Louis Begley, lassen Sie uns noch über das reden, was Sie im Moment gerade tun! Sie sind gerade auf einer Lesereise durch Deutschland, und das in einer Phase, in der es ja mächtig knirscht in den deutsch-amerikanischen Beziehungen, wir wissen alle, weshalb, wegen der Abhöraffäre. Hätten Sie sich eine bessere politische Großwetterlage gewünscht für Ihre Lesereise?

Begley: Ich schäme mich zutiefst dafür, dass wir Frau Merkels Handygespräche abgehört haben. Ich finde es niederträchtig und ich wünschte, es wäre nicht geschehen. Ich habe selbst von diesen Maßnahmen nichts zu leiden gehabt, wünsche mir aber, sie wären nicht eingetreten.

Zugleich muss ich aber sagen, dass ich der Meinung bin, dass der internationale Terrorismus wohl die größte Gefahr für unsere Gesellschaften ist, und deswegen bin ich keineswegs gegen die elektronische Überwachung der Kommunikation. Sie dient ja dazu, Dinge zu entdecken, die höchst gefährlich sind und die auch unterbunden werden müssen, bevor sie Tod und Verderben sähen.

Meyer: "Erinnerungen an eine Ehe", so heißt der Roman von Louis Begley. Christa Krüger hat ihn übersetzt, er ist im Suhrkamp-Verlag erschienen, und Louis Begley stellt seinen neuen Roman heute Abend in Stuttgart vor, morgen ist er dann in Heidelberg. Louis Begley, thank you very much indeed for joining us!

Begley: Thank you very much, I've had a very good time!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"Links bei dradio.de:"

"Da ist nicht Schönes am Älterwerden"
Der Autor Louis Begley im Gespräch zu seinem 80. Geburtstag

Ein Ringen um Liebe im Alter
Louis Begley: "Schmidts Einsicht", Suhrkamp Verlag, Berlin 2011

Lehrbeispiel für rabiaten Antisemitismus
Louis Begley: "Der Fall Dreyfus", Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 251 Seiten

Unfreier Identitätswechsel
Louis Begley: "Ehrensachen". Suhrkamp Verlag 2007, 444 Seiten

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