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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.07.2013

Die Welt, wie sie sein könnte

Thomas Junker: "Die Evolution der Phantasie", S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2013, 235 Seiten

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Die Höhlenmalereien von Lascaux gehören zu den größten Kunstwerken der Urgeschichte. (Brown University)
Die Höhlenmalereien von Lascaux gehören zu den größten Kunstwerken der Urgeschichte. (Brown University)

Für den Evolutionsexperten und Kunstliebhaber Thomas Junker ist die Fantasie des Menschen ebenso das Produkt der Evolution wie der aufrechte Gang. In ihr sieht Junker den evolutionsbiologischen Nutzen der Kunst.

"Kunst ist eine der eindrucksvollsten Erfindungen der Evolution." Mit diesem eindeutigen Statement beendet der Professor für Geschichte der Biowissenschaften seine sehr dichte Sammlung von Fakten, Zitaten, Argumenten und Gedanken. Dem Buch "Die Evolution der Phantasie" merkt man an, dass es aus wissenschaftlichen Vorträgen hervorgegangen ist. Es steckt voller dicht gepackter Informationen und Fußnoten. Thomas Junker nähert sich dem Thema immer wieder von verschiedenen Seiten und eröffnet ständig neue Sichtweisen auf das kulturelle Schaffen der Menschheit.

Als Evolutionsexperte und Kunstliebhaber steht für ihn außer Frage, dass die Fantasie des Menschen ebenso das Produkt seiner biologischen Evolution ist wie der aufrechte Gang. Die Fantasie macht es möglich, dass sich Menschen etwas vorstellen können, was die Realität nicht oder noch nicht bietet. So konnte und kann sich die Menschheit an unwirtliche Lebensräume anpassen und mit vielen Herausforderungen oder Bedrohungen fertig werden. Durch künstlerische Darstellung teilen Künstler anderen Mitgliedern ihrer Gruppe ihre Gedanken, Wünsche und Gefühle mit. So entstehen gemeinsame Vorstellungen von der Welt. Außerdem braucht Kunst Rezipienten. Zumindest eine Gruppe von Menschen muss die Kunst entweder genießen oder sich von ihr aufrütteln lassen.

Kunst schafft gemeinsame Fantasien

Darin sieht Thomas Junker den wichtigsten evolutionsbiologischen "Nutzen" der Kunst. Die Vorstellung, dass ihre Kunst zu etwas nütze ist, ist vielen Künstlern und Kulturschaffenden fremd. Viele lehnen diesen Gedanken grundsätzlich ab. Macht doch gerade der fehlende direkte Nutzen den Unterschied aus zwischen wahrer Kunst auf der einen und Design, Unterhaltung, Information oder Werbung auf der anderen Seite. Diesen Unterschied bestreitet Thomas Junker nicht. Aber er fasst den Begriff "Nutzen" weiter, wie in der Biologie üblich. Alles, was die Fortpflanzungschancen eines Menschen verbessert, den Zusammenhalt einer Gruppe stärkt und ihr Überleben sichert, ist evolutionsbiologisch gesehen nützlich.

Tanz, Theater, Oper, Bildhauerei, Architektur und Literatur verbinden die Menschen und sind so gesehen nützliche Ergebnisse einer natürlichen Entwicklung. Sie basieren auf biologisch entstandenen Eigenschaften des Menschen, die im Wettstreit der Natur überlebt haben. Das galt vor 200.000 Jahren, als der Mensch zum Künstler wurde, und das gilt nach Ansicht von Thomas Junker auch noch heute. Genau wie die Fantasie des einzelnen Menschen heute besonders gebraucht wird, so hat auch die Kunst ihren "Nutzen" nicht verloren.

Leider ist das Buch von Thomas Junker keine leichte Lektüre. Man muss sich konzentrieren, um bei der Fülle von Argumenten und Gedanken den Überblick zu behalten. Immer wieder hinterfragt Thomas Junker seine Theorien. Er liefert Zitate, die seine Ideen unterstützen, aber auch solche, die ihnen widersprechen. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt.

Besprochen von Michael Lange

Thomas Junker: Die Evolution der Phantasie. Wie der Mensch zum Künstler wurde
S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2013
235 Seiten, 24,90 Euro


Literatur von Thomas Junker:
Der freie Wille als Fiktion<br />"Der Darwin-Code – Die Evolution erklärt unser Leben"
Bilder statt Worte - "Griechische Mythenbilder"

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