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Montag, 18.12.2017

Echtzeit | Beitrag vom 19.08.2017

Die Welt der ReiseutensilienIch packe meinen Koffer...

Von Mandy Schielke

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Koffer  (imago/Westend61)
Kofferpacken kann richtig Stress sein. (imago/Westend61)

Urlaubszeit heißt Kofferpacken. Alles muss gut verstaut werden. Am besten in ein Gepäckstück, das man am Flughafen schnell wiedererkennt oder einfach alles in einen Rucksack stopfen! Oder doch alles in große Plastiktaschen?

Der erste Koffer in heutiger Form wurde am französischen Königshof erfunden, von dem damals noch unbekannten Louis Vuitton. Heute sind diese klobigen Dinger für den eiligen Reisenden, der große Strecken am liebsten mit dem Flugzeug zurücklegt, natürlich ungeeignet. Wer heute mit viel Gepäck unterwegs ist, zieht es zumeist auf zwei Rädchen hinter sich her, oder führt es auf vier Rollen lässig neben sich spazieren.

Jasmin Fatschild: "An sich reise ich mit einem ganz normalen Hartschalenkoffer…"

Ganz ohne Schnickschnack, also ohne Smart Travelling Gadgets wie eingebaute USB Anschlüsse und so weiter. Sagt die Reise- und Modebloggerin Jasmin Fatschild, die seit Beginn des Jahres auf Weltreise ist, derzeit in Japan.

Fatschild: "Ich habe nur darauf geachtet, dass der Koffer wirklich groß und leicht ist, weil es auch Hartschalenkoffer gibt, die relativ schwer sind. Zudem kann ich nur dazu raten, dass der Koffer vier Rollen hat. Und am besten zwei Enden beim Reisverschluss."

Jasmin Fatschild ist 22 Jahre alt und allein unterwegs. Ein Solo Traveller, wie sie auf ihrem Blog My Berlin Fashion erklärt.

"Außerdem kann man auch gut auf Hartschalenkoffern sitzen, wenn man mal lange warten muss. Eine Situation, als ich meinen Hartschalenkoffer wirklich geschätzt hab, war hier in Japan, als ich hier in eine kleinere Provinz gefahren bin und der Bus einfach nicht kam und ich mich bequem auf meinen Koffer setzen konnte, weil es kleine Wartestübchen oder Bänke in der Nähe gab…"

Unterwegs mit dem Bus, da könnte natürlich auch der Rucksack ein praktisches Reiseutensil sein? Für schöne Fashionfrauen mit umfangreicher Garderobe wie Jasmin eher nicht. Sie ist ganz klar der Koffertyp.

Rucksackreisender vs. Plastiktaschen-Schlepper-Typ

Im Gegensatz zum Rucksackreisenden, der ein Entdecker ist. Mit seiner Gepäckaufbewahrung signalisiert er, dass er auch die ungepflasterten Orte diese Welt schätzt. Das Gestell aus Ästen, mit dem Ötzi vor 3000 Jahren auf dem Rücken unterwegs war, sollte sehr viel später, - in Form des Rucksacks, neben Interrail und Lonely Plant zum festen Dreiklang einer ganzen Generation werden. Das war allerdings vor der Zeit der Billigflieger. Heute ist der Rucksack weniger Lebenseinstellung, als eine sportlichere Variante des Unterwegsseins. Und in teure Hotels dürfen sich XXL-Rucksacktouristen heute auch wagen. Im Gegensatz zum Plastiktaschen-Schlepper-Typ.

Billig, widerstandsfähig - diese rot, schwarz und weiß karierte Tasche aus schlichtem PVC hat viele despektierliche Namen: Polentasche, Türkenkoffer, in New York nennt man sie China Bag. In Nigeria heißt sie "Ghana-must-go-Bag", weil Anfang der 1990er besonders viele Ghanaer wegen ungültiger Papiere das Land verlassen mussten. Sie taucht da auf, wo viel Kram transportiert werden muss. Der Inhalt entscheidet dann und nicht die Hülle. Kürzlich hat ein Berliner Grafik-Designer die Tasche für Andreas Murkudis neuerfunden. Aus Ziegenleder.

Kleine Gepäckstücke für den Wochenendtrip

Nicht unerwähnt bleiben sollte in dieser Typologie auch: Der Weekender-Typ.

Zu klein für die Woche, zu groß für die Nacht. Was wir einst schlicht Reisetasche nannten, ist heute ein Weekender. Diese kleinen Handgepäckstücke gibt es in den Varianten nostalgisch und futuristisch. Männer lieben sie - als Handtasche, die man ja nicht so nennen muss.

Was uns zurück zum Koffer bringt. Da dieser heute in den meisten Fällen eher schlicht ist, was am Gepäckband schon mal zu Verwechselungen führen kann, rät Reisebloggerin Jasmin Fatschild zu bunten Koffergürteln und Bändchen. Wem das zu albern ist, kann natürlich auch auf die auffällig farbigen Vintage-Reiseutensilien von Steamline Luggage zurückgreifen. Allerdings sind die leder- und bonbonfarbenen Equipagen fast zu schön für die Flugzeugladezone, findet Reisebloggerin Jasmin Fatschild.

Fatschild: "Und auch vom Platz innen ist es nicht so geeignet, ist eher was für einen Weekender-Trip."

Bleibt der Blick in das Gepäckstück. Nicht immer ein schöner Anblick.

Valerie Uhrlau: "Ich musste alles immer in irgendwelchen Plastiktüten verstauen, hatte einen Wäschebeutel, den ich mir mit meinem Mann teilen musste."

Verena v. Pufendorf: "Ich pack alles gern in Säckchen, Tüten, Beutel, um die Sachen zu schützen. Außerdem ist es schön eine Struktur im Koffer zu haben, so dass man auf alles schnell zurückgreifen kann."

Verena von Pufendorf und Valerie Uhrlau sind passionierte Kofferpackerinnen. Ordnung im Koffer schaffen Beutel, sagen sie. Wie Fächer in einer Kommode für Schuhe, Unterwäsche, Hemden und so haben die beiden Frauen "Kuvert Berlin" gegründet, ein Label, das schöne und zugleich praktische Beutel und Taschen fürs Innenleben eines Koffers herstellt.

Pudrige Farben: wie Pfirsich oder mint für sie. Für die Herren verschiedene Blautöne und als Kontrast - bordeauxrot - eine Kordel. Ösen und Knöpfe am Unterwäsche-Kuvert, das wie ein großer Briefumschlag aussieht, mal golden mal aus mattem Silber.

Verena Pufendorf: "Unsere Beutel bestehen größtenteils aus Baumwolle, hat einen schönen festen Griff, ist aber auch sehr leicht."

Im Sortiment ebenfalls: eine Herrenhemdentasche mit praktischer Faltschablone - "Kuvert Berlin" will das Chaos aus dem Koffer vertreiben und wertet dafür die Alltagstechnik im Koffer ästhetisch auf.

So schön, dass man jetzt am liebsten nur noch mit Beuteln verreisen und den ollen Koffer einfach zuhause lassen würde.


Die Echtzeit begibt sich heute - passend zur Saison - auf Reisen.

Wir begleiten Künstler auf eine Expedition an die Antarktis und stellen fest, dass auch Eiswürfelmaschinen hier leider kaum etwas ausrichten können gegen das große Schmelzen. Kunst und Politik haben die meisten Reiseblogs wenig im Fokus. Da geht es dafür um das Ich vor schöner Kulisse, gerne auch auf einer empfehlenswerten Yogamatte. Dass digitale Nomaden mitunter auch gute Geschichten erzählen können, beweisen die Reisedepeschen, die Johannes Klaus herausgibt. Weil man hier aus gutem Grund keine Packlisten findet, begibt sich die Echtzeit mal auf die Suche nach geeignetem Reisegepäck. Nur, um dann ohne Rollkoffer und Co in die schöne Welt der Festivals abzudriften.
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