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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 15.09.2006

Die Wahrheit liegt auf dem Ölberg

Joachim Fest: "Ich nicht!"

Rezensiert von Johann Michael Möller

Joachim Fest (AP)
Joachim Fest (AP)

Er hat große Biografien geschrieben - über Adolf Hitler, über Albert Speer. Nur über seine eigene Vergangenheit hat er geschwiegen. In "Ich nicht!" erzählt Joachim Fest von seiner Jugend in der Nazizeit - und liefert nebenbei eine unpathetische Anamnese einer langsamen Selbstvergiftung der bürgerlichen Welt. Joachim Fest starb am 11. September.

Erinnerungen - heißt es im allerersten Satz von Joachim Fests in diesen Tagen erscheinenden Kindheitsbuch - Erinnerungen beginne man erst zu schreiben, wenn "der größte Teil des Lebens gelebt" und "das Vorgehabte mehr oder minder gut zu Ende gebracht" sei. Es ist der Ton eines Mannes, der weiß, dass ihm nur noch die Zeit bleibt, die es braucht, um das letzte Notwendigste zu sagen.

Sein letztes Buch ist dennoch kein Vermächtnisbuch geworden - jedenfalls nicht in seinen weitesten Teilen - auch wenn die Versuchung groß scheint, es wieder in den Horizont der Zeit zu stellen - es abzugleichen mit jenen anderen Lebenserinnerungen, die in diesen Wochen für so viel Aufregung gesorgt haben: denen von Günter Grass, dem Antipoden im Geiste, im Charakter und im Stil.

Fest hat ein anderes Buch geschrieben - ein so privates, fast innigliches, wie man es nicht vermutet hätte, was wohl allen so ergeht, die ihn nur beinahe kannten. Ich kannte den beherrschten Fest, den eines zuweilen gnadenlos kühlen Urteils, der über Wasser gehen konnte, ohne dass es ihn zu berühren schien. Ich kannte auch den ungehaltenen Fest, dem Vieles unbegreiflich war, was Andere des Aufhebens für wert hielten. Und ich kannte den liberalen Fest, dem jede Regung fremd war, sich anderes Denken anverwandeln zu müssen. Er ließ zu, auch wenn es ihn manches Kopfschütteln kostete.

Von ihm hätte ich ein Buch erwartet, das die Lebenslinien noch einmal sortiert, das das Gewebe nach womöglich schadhaften Stellen durchsieht, da und dort ergänzt und schließlich ein Resümee zieht. Nicht erwartet habe ich ein Buch der Vaterliebe. Ein Buch, das Einblick gibt in eine Kinderseele, das das Heranreifen eines Mannes offen legt, den die meisten nur in seiner auffallend still gestellten Jugendlichkeit und Vollendung kannten.

"Ich nicht", heißt der Titel des Buches und die Lebensmaxime zugleich. Diese Maxime diktiert der Vater den Söhnen 1936 auf dem Höhepunkt der Naziherrschaft, als sich die Zweifel selbst ins bürgerlichste Milieu hineinzufressen begannen, ob man sich in der Ablehnung des Regimes nicht doch getäuscht habe. Nie - soll der Vater den Buben gesagt haben - nie dürfe man unter der Vereinzelung leiden, die mit dem Gegensatz zur Meinung der Straße einhergehe , und er wolle ihnen dafür einen lateinischen Satz aufgeben, den sie nicht vergessen sollten:

"Er legte jedem von uns einen Zettel hin und diktierte: 'Etiam si omnes - ego non!' Auch wenn alle mitmachen - ich nicht. 'Ist aus Matthäus', erläuterte er: 'Ölbergszene'."

Und ganz am Ende seines Lebens zieht der Sohn noch einmal Bilanz:

"Die Lehre der NS-Jahre lautete für mich, dem Meinungsstrom zu widerstehen und nicht einmal anfällig dafür zu sein."

Man hat Joachim Fest immer wieder nach diesem Lebensthema gefragt, nach der fast obsessiv anmutenden Beschäftigung mit der Nazi-Zeit. Für den Vater ein "Gossenthema" - viel zu widerlich, um auch nur einen guten Gedanken darauf zu verschwenden. Und doch kreist Fest fast sein Leben lang um die Frage:

Was "ein altes Kulturvolk wie die Deutschen um den politischen Verstand gebracht hatte, ja wie so viel Missachtung des Rechts in einer ordnungsliebenden Nation überhaupt möglich sein konnte."

Das Buch gibt lange keine explizite Antwort darauf, warum sich Fest diesem Gegenstand ein Leben lang so verschrieben hat - dass ihm das hässlich Attribut des Hitlerbiografen anhaften konnte - ja, dass man dahinter sogar eine heimliche Faszination zu verspüren glaubte, die Fest nur mit großer intellektueller Kraftanstrengung im Zaum zu halten vermochte.

Mancher seiner Lebensumstände gab diesen Mutmaßungen Nahrung: Die sonderbare Nähe zu Speer, das neuklassizistische Ambiente mit den Jünglingsfiguren Kolbes, die disziplinierte Diktion, die noch dem Ekel eine Form geben wollte. Doch das Buch erklärt, wie unsinnig solche Vermutungen waren: Nicht die stolze intellektuelle Abgrenzung ist sein Thema, sondern die Geschichte einer Prägung von Kindesbeinen an - in einer alten bildungsbürgerlichen Familie und durch einen gewissensfesten Vater, der sich nicht zu beugen bereit war - auch nicht als die Nazis ihm an die schiere Existenz zu rühren drohten. Die Entlassung aus dem Schuldienst, die Demütigungen und Ausgrenzungen, der Verlust von Ansehen und Wohlstand, das Überleben am Rande - mit dem dröhnenden Schulterklopfen der Einen und den Boshaftigkeiten der Anderen. Und dann immer wieder die eine bohrende Frage. Wofür das alles? Wofür riskiere ich das Glück meiner Familie?

Zu den eindringlichsten Passagen dieser Kindheitserinnerungen gehört der Verzweiflungsausbruch der Mutter, die - in dem allen Frauen eigenen Urinstinkt, ihr Nest bewahren zu müssen - den Mann beschwört, doch endlich nachzugeben. Ein Parteieintritt würde doch nichts ändern: Wir bleiben schließlich wer wir sind!

"Ohne langes Nachdenken erwiderte mein Vater: Das gerade nicht! Es würde alles ändern!"

Selten zuvor ist die Seelenqual dieses bürgerlichen, dieses heimlichen Deutschlands, das nie mitmachen konnte und sich doch nicht wehren wollte, so beklemmend genau geschildert worden, wie von Fest. Es ist die sorgfältige und unpathetische Anamnese einer langsamen, ansteigenden Selbstvergiftung der bürgerlichen Welt, deren Immunsystem schon lange nicht mehr intakt war und die unter dem Gegröle der neuen Barbaren lautlos in sich zusammengesackt war.

Man versteht an solchen Stellen des Buches sehr gut, warum sich der tot kranke Fest noch einmal aufgerafft hatte und dem Hohn eines Günter Grass widersprach, sich als junger Mann lieber mit der schmissigen SS eingelassen zu haben als mit diesem katholischen Mief. Das war für Fest doch genau jener Geist gegen den sein ganzes Leben gerichtet war. Als er sich freiwillig zur Luftwaffe melden will, um der SS zu entgehen, schreibt ihm der Vater in unfassbarer Offenheit:

"Zu dem Verbrecherkrieg Hitlers meldet man sich nicht freiwillig, auch nicht um den Preis, der SS zu entgehen."

Fests Erinnerung sind kein triumphierendes Buch, keines das Recht behalten will und Recht behalten hat. Es ist in seinen stärksten Passagen eine Inventur des Verlusts, der Opfer, die zu entrichten waren, der Schäden die blieben und nicht wieder heilen konnten. Sie habe nur die äußeren Lasten tragen müssen, sagt die Mutter bescheiden am Ende ihres Lebens - dem Vater aber sei das Leben zerstört worden. Und den Verlust des ältesten Sohnes verwindet sie nie.

Der Tod dieses Bruders an der Ostfront, des Vorbilds an Haltung, Stil und Niveau, wird zur Parabel auf den Tod einer glücklichen Welt.

Joachim Fest: "Ich nicht!" (Coverausschnitt) (Rowohlt Verlag)Joachim Fest: "Ich nicht!" (Coverausschnitt) (Rowohlt Verlag)"Am 19. Oktober war mein Vater nach Überwindung unendlicher Schwierigkeiten ans Krankenlager gekommen und hatte Wolfgang noch in zeitweilig lichten Augenblicken angetroffen. Zehn Stunden später hatte ein schwerer Schweißausbruch eingesetzt und das Gesicht mit glasigen Wasserperlen übersäht. Aus dem Koma hochfahrend bat er die Eltern: Bitte schreibt nicht: 'In tiefer Trauer'. Dann war er in seine Ohnmacht zurückgefallen und mit der letzten Handbewegung darauf gestorben.
Nach Auskunft meiner Mutter sagte er zu dem frommen Trost, den sie ihm zusprach: 'Keine Sorge! Das bisschen Leben, das ich hatte, ließ mir überhaupt keine Zeit, viel anzustellen'. Und nach einer Pause, in der er um Luft rang, die Worte: 'Ich habe es gern gehabt'."

"Ich habe es gern gehabt", dieses Leben! Wie oft mögen die sterbenden jungen Männer auf den Schlachtfeldern jenes furchtbaren Krieges diesen Satz wohl gesprochen haben. Und denen die Weiterleben durften, ging er zeitlebens nicht aus dem Sinn.

Joachim Fest, der selbst ein strahlendes Leben gelebt hat, kommt in seinen Kindheitserinnerungen darauf kaum noch zu sprechen. Sie enden mit dem Leben der Eltern, lange vor deren tatsächlichem Tod. Der Vater verstummt, ist gezeichnet vom Krieg, die Mutter von dem ihr wesensfremden Dasein verhärmt. Die wenigen Sätze, die Fest über seinen späteren Werdegang noch verliert, wirken hastig dem Buch am Ende nur angefügt. Die einmal errungene Distanz lässt sich nicht mehr verringern. Fast lakonisch das Fazit:

"Auf's Ganze war, was ich erlebt habe, der Einsturz der bürgerlichen Welt. Ihr Ende war schon absehbar, bevor Hitler die Szene betrat. Was die Jahre seiner Herrschaft integer bestand, waren lediglich einzelne Charaktere, keine Klassen, Gruppen oder Ideologien. Hitler hat im Grunde nur weggeräumt, was an Resten noch herumgestanden hatte. Er war ein Revolutionär. Aber indem er sich ein bürgerliches Aussehen zu geben verstand, hat er die hohlen Fassaden des Bürgertums mit Hilfe der Bürger selbst zugrunde gerichtet."

Er sieht das zertrümmerte Land, in das er 1947 aus der Gefangenschaft zurückkehrt, leidenschaftslos und ohne Verachtung. Es war nicht so sehr, wie man heute meint, eine Welt der Enge und Bewegungsnöte. Vielmehr boten sich auch Freiräume und bestimmungslose Leerflächen. Die restaurativen Mühen, die den gesellschaftlichen Wortführern bis hin zu den Regierenden noch heute angekreidet werden, waren ohnmächtige Versuche, zu gewissen Regeln zurückzufinden, die ein gesellschaftliches Zusammenleben erst ermöglichen. Auch da bleibt die Distanz - weiß sich Fest nach den "Grundsätzen einer abgelebten Ordnung erzogen" und registriert mit Spott:

"Im Unterschied zur überwiegenden Mehrheit hatten wir keine Konversion zu bieten. Wir hatten den fragwürdigen Vorzug zu bleiben, die wir waren, und wiederum außerhalb der Reihe zu stehen."

Und den Bruder Winfried zitiert er mit der Bemerkung, man habe ihnen eben in jungen Jahren "eine Art Stolz auf die Abweichung beigebracht."

Vielleicht ist diese selbst verliebte Gewissheit, immer auf der richtigen - zumindest aber auf der eigenen Seite gestanden zu haben, der einzig wirklich prätentiöse Zug seines Buches. Die Beschreibung der Welt drum herum bleibt auffällig kühl und unkoloriert. Selbst die zerstörte Vaterstadt Berlin erscheint ihm in der Erinnerung nur als eine endlose graubraune Masse.

Fests düstere "finis germaniae"-Stimmung hellt sich nur selten auf, bei der Begegnung mit der neuen amerikanischen Lebensart, "dem Anprall", wie er schreibt, "einer ungemein jungen, saloppen, liebenswürdigen Welt, einer Kultur der Milchgesichter und der glatt geschorenen Köpfe."

Oder ganz am Ende noch einmal, als ihn im fernen Palermo die Nachricht vom Fall der Mauer ereilt. Da, so heißt es am Ende "hatte sich die Vernunft ausnahmsweise gegen alle Verblendung durchgesetzt":

"Da war, einmal wenigstens und jeder Erfahrung zuwiderlaufend, die Trompete hörbar geworden. Sie hatte Mauern durchbrochen und die herrschenden Gewalthaber veranlasst, die Macht aus den Händen zu geben."

Aber nicht um das, was gewesen ist, geht es Joachim Fest, sondern darum, aufzuschreiben, "wie man wurde, wer man ist"."Und in der Überzeugung des Vaters schied vor Tagen wohl auch der Sohn:

""Ich habe", sagt er, ""im Leben viele Fehler gemacht. Aber nichts falsch"."

Joachim Fest hat ein großes Buch hinterlassen.

Joachim Fest: Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006

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Schirrmacher: Fest hat die Nationalsozialisten "geröntgt"

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