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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.12.2006

Die Tücke der vermeintlichen Verschwörung

Thomas Grüter: "Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer", Scherz 2006, 320 Seiten

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Um die Anschläge vom 11. September 2001 ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien.
Um die Anschläge vom 11. September 2001 ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien.

Eine Anleitung zur Entwicklung einer eigenen Verschwörungstheorie liefert Thomas Grüter. Er nimmt Verschwörungen und Verschwörungstheorien und will zeigen, wie sie funktionieren. Aber, und das macht das Buch angenehm zu lesen, er will das so spielerisch tun, wie es eben möglich ist,

"Wir dürfen annehmen, dass Menschen sich verschworen haben, seit sie das Mittel der Sprache hinreichend beherrschten, um gemeinsam Pläne zu schmieden", sagt Thomas Grüter. In seinem Buch "Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer" will er keine eigene Verschwörungstheorie belegen. Ihm geht es um das Verbindende zwischen den Theorien, die schon auf dem Markt sind. Und deswegen unternimmt er einen bunten Streifzug durch die Theorien, von den Freimaurern, die angeblich die Welt beherrschen oder zumindest doch gegen die katholische Kirche kämpfen, über Erich von Dänikens außerirdische Kulturbringer bis hin zum Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001.

Vor allem geht es ums Verstehen. Grüter nimmt Verschwörungen und Verschwörungstheorien ernst. Er will zeigen, wie Verschwörungstheorien funktionieren. Aber, und das macht das Buch angenehm zu lesen, er will das so spielerisch tun, wie es eben möglich ist, also weder alarmistisch noch gläubig in irgendeiner Form, sondern mit dem Versprechen, dass man nach der Lektüre genug versteht, um eine eigene plausible Verschwörungstheorie zu formulieren.

Das ist eine Gratwanderung. Denn diese Konstrukte werden von denen, die sie glauben, oft tödlich ernst genommen. Grüter verneint nicht, dass Verschwörungstheorien gefährlich sind - er zeigt das am Beispiel der Vorwürfe gegen Juden, die seit dem Mittelalter immer wieder aufkommen und schon dann Auslöser für Pogrome waren, er zeigt das auch am Beispiel Stalins, der sein gesamtes Handeln einer Verschwörungslogik unterwarf und dafür über Leichen ging. Verschwörungstheorien sind ja nicht nur Hirngespinste, es gab und gibt immer wieder reale Verschwörungen. Das analysiert der Autor vom Mord an Caesar, mit dem die Verschwörer die römische Republik wiederherstellen wollten, über die missglückte Pulververschwörung des Guy Fawkes im London des beginnenden 17. Jahrhunderts bis zu den realen Wurzeln des legendären Illuminaten-Ordens in der Aufklärung.

Aber, und das steht hinter Grüters gesamten Ausführungen: Verschwörungen und Verschwörungstheorien sind mehr als politische Ereignisse oder eben Fantasmen. Sie zeigen, von wem sich eine verunsicherte Gruppe abgrenzen will. Was sie wirksam macht, ist eine bestimmter Stil, der unabhängig ist vom Inhalt. Gute Verschwörungstheorien setzen sich durch, weil sie bestimmte literarische Kriterien erfüllen, weil sie spannend sind wie ein Kriminalroman. Es geht nicht nur um Vorurteile und politische Interessen, sondern auch darum, ob ein Gerücht unterhaltsam ist, ob es einen Schauer über den Rücken laufen lässt oder auch amüsiert. deswegen auch zum Beispiel die vielen Bücher über den CIA als wahren Drahtzieher hinter den Anschlägen vom 11. September 2001, die Grüters ganz parallel zu den Erfolgsthrillern von Dan Brown verstanden haben will.

Grüter unterscheidet strukturell: in Verschwörungsglauben, Verschwörungslegenden und eben Verschwörungstheorien. Alle drei hängen zusammen und bedingen einander, aber wirken auf unterschiedlichen Ebenen. Verschwörungsglauben ist eine Haltung von Misstrauen und Vorurteil, meist einer Gruppe gegen die Anderen, die als Bedrohung empfunden werden. Das ist der Nährboden für die Entstehung von Verschwörungslegenden: Ereignisse werden uminterpretiert und ausgeschmückt, so dass sie ein Potenzial an Unerklärtem haben und gleichzeitig als Beweise dienen können für ausgearbeitete Verschwörungstheorien, die Legenden auf der Basis eines Verschwörungsglaubens verknüpfen zu elaborierten Gedankengebäuden, die bei näherem Hinsehen aber auf einer völlig schiefen und kruden Logik basieren. An einem Beispiel: Verschwörungsglauben ist die Ablehnung der jüdischen Gemeinden, die sich im frühen Mittelalter in den europäischen Städten bildeten. Eine Verschwörungslegende war der ungeklärte Mord an dem Kürschnerlehrling Willelm 1144 bei Norwich, der angeblich seiner Mutter im Traum als Schuld "der Juden" gedeutet wurde. Zur Verschwörungstheorie wurde es, als ein Geschichtsschreiber als Motiv eine Tradition jüdischer Ritualmorde an Christen behauptete und zu beweisen suchte.

Man kann also die wirksamen Elemente einer Verschwörungstheorie besser unterscheiden. Leider kann man sie dadurch nicht besser widerlegen. Sie sind auf jeden Fall wirksam, egal, ob die Prämisse ein historischer Fakt ist wie der Terror vom 11. September oder die Ermordung Kennedys oder aber ein bloßes Hirngespinst wie die These von den außerirdischen Reptilienwesen, die die Welt beherrschen. Gegenbeweise können ja schon wieder als Beleg dafür interpretiert werden, dass doch etwas im Argen liegt und Dunkelmänner geschickt ihre Spuren verwischen.

Der Verschwörungstheoretiker beteuert zwar, es gehe ihm um die Wahrheit. Aber eine Wahrheit, die sein Suchen beenden würde, kann er nicht ertragen. Deswegen ist die einfache Weltdeutung, die Verschwörungstheorien versprechen, letztlich nur eine prekäre Balance. Besonders deutlich wird das im Kapitel über Verschwörungstheorien im Umfeld staatlicher Macht. Denn dort gibt es natürlich tatsächlich Verschwörungen, auch wenn man die heute auch netter als das Bilden strategischer Netzwerke benennen kann. "Der Verschwörungsglauben ist geradezu die Religion der Mächtigen", sagt Grüter, und die Waffe der Ohnmächtigen, die keinen offenen Krieg gegen den Staat führen können. Die bereits Mächtigen verschwören sich, um an der Macht zu bleiben, die anderen, um die Macht zu gelangen. Dazwischen arbeiten die Geheimdienste, die wissentlich Gesetze übertreten und qua Amt im Dunklen arbeiten. Und in diesem Konglomerat, das zeigt Grüter sehr gut, verschwimmen die Grenzen dessen, was Fakt ist und was bereits Verschwörungsglaube.

Verschwörungstheorien können nicht widerlegt oder bekämpft werden, und in Zeiten des Internets werden sie nicht einmal mehr vergessen. Und sie basieren auf der Abgrenzung einer Gruppe gegen andere, ihr Fremde, haben deswegen also ein gefährliches gesellschaftliches und politisches Potenzial. In der Realität also sind Verschwörungstheorien tückische Weltvereinfacher, aber wer strikt im Literarischen bleibt, kann mit ihnen viel Geld verdienen, so wie Dan Brown, oder zumindest Spaß haben mit Thomas Grüters Anleitung zur Entwicklung einer eigenen Verschwörungstheorie.

Rezensiert von Kirsten Dietrich

Thomas Grüter: Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer. Wie Verschwörungstheorien funktionieren
Scherz 2006
320 Seiten, 17,90 Euro

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