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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.09.2009

Die Stadt als feindliches Wesen

Michel Butor: "Der Zeitplan", Matthes und Seitz, Berlin 2009, 420 Seiten

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Taxis in New York (dradio.de)
Taxis in New York (dradio.de)

Der Franzose Michel Butor, am 14. September 83 Jahre alt geworden, gehört zu den führenden Dichtern des Nouveau Roman. Bei der Lektüre seines nun wieder aufgelegten Romans "Der Zeitplan", der in einer schaurigen englischen Stadt spielt, wird einem bewusst, welchen Einfluss diese literarische Richtung besonders auf die sogenannte postmoderne Literatur hat.

Der 1926 geborene Butor lebt in Savoyen und "trägt immer eine Latzhose", wie er in seiner "Lebensbeschreibung" sagt. Sie steht im Anhang dieses Romans, der nach fast 50 Jahren wieder aufgelegt wird – in der alten, bewährten Übersetzung des großen Helmut Scheffel, durchgesehen von dessen Sohn Tobias (selbst einem renommierten Übersetzer), mit einem schönen Nachwort von Jürgen Ritte und nicht zuletzt mit einer bei uns nie gezeigten Butor-Skizze des Handlungsortes Bleston (womit Manchester gemeint ist, wo Butor seinerzeit Lektor war).

Der Roman gilt als eines der konsequentesten Beispiele des Nouveau Roman. Butors Einfluss (und der des Romans) ist unübersehbar, Autoren wie Georges Perec, Paul Auster, Jean Echenoz, Jean-Philippe Toussaint bis hin zum jungen Tanguy Viel dürfen sich auf ihn berufen.

Im Zug kommt der Franzose Jacques Revel als Fremdsprachenkorrespondent nach Bleston. Durch die schwarze Scheibe sieht er fast nichts, alles löst sich in "Myriaden kleiner Spiegel" auf, "jeder reflektiert ein zitterndes Körnchen des spärlichen Lichts". Schon die Stichwörter "Spiegel" und "zittern", später dann das Labyrinthische, die unzähligen Wahrheiten zeigen, dass der Nouveau Roman eine Abart des Manierismus (als Gegensatz zur klassischen Harmonie) ist, die Kennzeichen dieses Romans sind u.a. die Aufsplitterung der Realität, die tragende Rolle des Zufalls, die Unwägbarkeit des Lebens, die Identität von Wirklichkeit und Erfindung.

Um seinen Zweifel an Realität und Zeit zu demonstrieren, spielt Butor mit dem Genre des Kriminalromans. Sein Held Revel entdeckt auf seinen Spaziergängen durch die Stadt ein Fenster in der alten Kathedrale, das den Brudermord Kains an Abel abbildet. Gleichzeitig wird in seiner Umgebung von einem mutmaßlichen Brudermord gesprochen, und der Krimi "Der Mord von Bleston", den er zufällig kauft, handelt von einem Brudermord. Revel versucht nun in einem Tagebuch mit großer Akribie – oder Pedanterie – der Sache auf den Grund zu kommen.

Sein eigentlicher Gegner aber ist von Anfang an diese schauderhafte, neblige Stadt mit ihren "heimtückischen Dünsten", deren Einwohner wie "fahle, bläulich schimmernde Gestalten" umherschweifen. Schon "hatte die Krankheit der Stadt mich erfasst" – das ist der Ton von Schauerromanen, und der Hass des Helden und Tagebuchautors Revel auf dieses Bleston trägt noch zur schaurig-schönen, beklemmenden Atmosphäre bei.

Einen Krimi ohne Mörder, ein Denkspiel ohne Ergebnis hat man diesen Meilenstein der Literatur genannt. Tatsächlich wird mit den Erinnerungen Revels (denen er selbst nicht mehr traut!) eine Realität konstruiert, die durch die allmähliche Überblendung von Gegenwart und Vergangenheit gleich wieder zusammenbricht. Die Stadt wird immer unwirklicher und labyrinthischer, was mit einem französischen Wandteppich im städtischen Museum korrespondiert, der Theseus im Labyrinth des Minotauros zeigt. So wird nicht nur die Zeit, sondern auch der Ort zum Irrgarten.

Besprochen von Peter Urban-Halle

Michel Butor: Der Zeitplan
Aus dem Französischen von Helmut Scheffel
Durchgesehen von Tobias Scheffel
Matthes & Seitz, Berlin 2009
420 Seiten, 26,90 Euro

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