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Im Gespräch | Beitrag vom 01.02.2017

Die Soziologin Dagmar SchultzPionierin der deutschen Frauenbewegung

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Dagmar Schultz in einem Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Matthias Horn)
Dagmar Schultz in einem Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Matthias Horn)

Empfängnisverhütung, die Möglichkeit der Abtreibung, die Behandlung durch eine Frauenärztin: In den 60er-Jahren war das in der Bundesrepublik noch undenkbar. Die Soziologin Dagmar Schultz gehörte zu den feministischen Aktivistinnen, die in den 70er-Jahren zahlreiche Rechte für Frauen mühsam erkämpften.

Geprägt durch die amerikanische Bürgerrechtsbewegung gründete sie zusammen mit anderen Frauen in Berlin das erste Frauengesundheitszentrum der Bundesrepublik.

"Ich war in der Zeit in der so genannten 218er-Gruppe eingestiegen; da ging es um Schwangerschaftsabbruch. Und zur gleichen Zeit waren zwei Frauen aus den USA gekommen, aus dem Feministischen Frauengesundheitszentrum in Los Angeles, und hatten die Selbstuntersuchung präsentiert. Selbstuntersuchung bedeutete eine Vaginaluntersuchung mit einem Plastik-Spekulum, einem Spiegel, und einer Taschenlampe. Die Frauen hatten das entwickelt in den USA aus dem Bewusstsein und der Erfahrung heraus, dass Frauen gewöhnlich diesen Teil ihres Körpers selbst nie zu sehen bekommen, dass jedoch viele Männer – und auch einige Frauen, soweit es Gynäkologinnen gibt und Studierende – hineingucken. (…) Da ging es darum, dass Frauen eine Selbstbestimmung über ihren Körper erlangen wollten, und das nicht Ärzten und der Schulmedizin zu überlassen."

Der Vater beging Selbstmord

Dagmar Schultz, geboren 1941, wuchs in einem reinen Frauenhaushalt auf; der Vater beging Selbstmord im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Abitur und ersten Studiensemestern in Berlin ging sie in die USA und studierte dort Rundfunk, Fernsehen und Film. Ihr Traum, dort als Dokumentarfilmerin im Fernsehen zu arbeiten, platzte jäh:

"Mein Bewerbungsgespräch bei CBS oder NBC lief dann so, dass mich die Herren fragten: ´Was meinen Sie denn, wofür wir hier Frauen einstellen?`. Das war eine rhetorische Frage – und die Antwort: ´Ja, als Reinemachefrauen und als Sekretärinnen.`"

Gründerin des Orlanda Frauenverlags

Dies war nur eines der Erlebnisse, die sie früh zur Feministin werden ließen. Neben ihrem Engagement im Frauengesundheitszentrum gründete Dagmar Schultz den ersten Verlag, in dem ausschließlich Frauen publizierten, den späteren Orlanda Frauenverlag, den sie über 20 Jahre lang leitete. Als Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik begleitete sie die Themen der Frauenbewegung auch wissenschaftlich. 2011 ehrte die Freie Universität Berlin ihr Lebenswerk mit dem Margherita-von-Brentano-Preis. Ein Jahr später verwirklichte sie einen Lebenstraum, indem sie einen Dokumentarfilm über die Berliner Jahre der amerikanischen Schriftstellerin Audre Lorde drehte, der 2012 auf der Berlinale lief: "Audre Lorde - The Berlin Years 1984 to 1992"

Seit kurzem gibt es für Interessierte auch eine "Audre Lorde City Tour". Mit der lesbischen Aktivistin verbindet sie nicht nur der Kampf gegen Rassismus.

"Das andere ist, dass wir alle ein wenig Macht haben, weil wir oft denken, wir sind hilflos, wir können uns gegen bestimmte Sachen nicht erwehren. Aber wir haben alle etwas Macht. Aber, wenn wir diese Macht nicht wahrnehmen und umsetzen, dann wird sie irgendwann auch gegen uns verwendet werden."

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