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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 29.06.2008

Die Problemlöser

Deutsche Wirtschaftsagenten im Einsatz

Von Axel Schröder und Jörg Heuer

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Im Visier der Spezialisten (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)
Im Visier der Spezialisten (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)

Der Telekom-Skandal und die Aufträge der Deutschen Bahn an dubiose Sicherheitsfirmen haben der Öffentlichkeit vor Augen geführt: Auch die deutsche Wirtschaft setzt zunehmend auf die Beratung und Analyse von Sicherheitsspezialisten, die im Dunkeln agieren und weit mehr anbieten als herkömmliche Detektivarbeit. Zwei dieser Spezialisten sind der Ex-Elitesoldat Frank Heyde und der ehemalige deutsche Geheimagent Klaus Leiner.

"So. jetzt müssen wir mal so tun, als ob wir Touristen sind. Und ein bisschen die Sehenswürdigkeiten fotografieren. Und denn werden wir mal ganz unauffällig ein paar Bilder von dem Gebäude machen. Das heißt, wir fotografieren in die gänzlich andere Richtung, tun ein bisschen so, als ob wir hier Sehenswürdigkeiten, alte Fachwerkhäuser fotografieren und dann werden wir die dementsprechenden Aufnahmen machen."

Nichts bewegt sich hinter den weißen Gardinen der kleinen Erfurter Stadtvilla. Es ist Mittwoch, elf Uhr morgens. Frank Heyde stützt mit der linken Hand sein Kameraobjektiv, drückt den Auslöser, schwenkt zum Zielobjekt, drückt wieder ab. Ganz in schwarz ist Heyde unterwegs, wie immer. Drei-Tage-Bart, sehr kurz rasierter Schädel, durchtrainiert. In der Auffahrt zur Villa parkt ein dunkelblauer Geländewagen, daneben ein roter Spider.

"Da stehen noch ein paar Pkws direkt am Gebäude, die vielleicht dazu gehören zum Gebäude. Die fotografieren wir gleich mit."

Eine dunkelgrüne Buchsbaumhecke säumt die weiß getünchte Villa. Die gehört angeblich Zielperson K. Frank Heyde und sein Mitarbeiter Hartmut Ballner sollen herausfinden, in welchen Verhältnissen K. lebt, sollen den Firmensitz auskundschaften, das persönliche Umfeld checken. Auftraggeber ist ein Frankfurter Unternehmensberater, bei ihm will K. demnächst als Teilhaber einsteigen.

"Hartmut! Geh du mal dahin. Guckst dir mal die Klingelschilder an. Und im Zweifelsfall, falls jemand vor der Tür steht, fragst du einfach nach dem Weg. Ich mach in der Zwischenzeit ein paar Fotos. Einfach ein bisschen ablenken. Zur 95, ja. Guck mal aufs Klingelschild."

Tatsächlich: auf dem Klingelschild steht K.’s Name. Niemand bemerkt Heyde und den etwas übergewichtigen Ballner, nur der Hund auf dem Nachbargrundstück schlägt Alarm. Fünf Minuten später schlendern sie die Straße hinunter, biegen um zwei Ecken, steigen in Heydes anthrazitgrauen BMW.

Immer dabei: Spurensicherungskoffer und Sturmgepäck: Waffe, Stahlhelm, Nachtsichtgerät, Handschellen, Pfefferspray und schusssichere Weste. Heyde leitet die Frankfurter Firma "Manager-SOS", und übernimmt Aufträge, in denen es vor allem um eins geht: Diskretion. Das ist diesmal nicht anders: Heydes Auftraggeber, der Frankfurter Unternehmensberater, hat Angst vor seinem neuen Teilhaber, vermutet Verbindungen des Neuen zu Scientology.

"Möglicherweise kommt in Frage tatsächlich eine Sektenverbindung. Und da müssen wir jetzt noch ein System finden wie wir die Risiken minimieren können und wie wir gewährleisten können, dass unser Auftraggeber diskret und still und heimlich aus dieser doch sehr angespannten Situation wieder heraus kommt."

Heyde lenkt seinen Wagen auf den Autobahnzubringer, den nächsten Termin hat er in Berlin: Ein deutscher Geschäftsmann aus der Hauptstadt ist in Hongkong verschwunden, Heyde soll ihn aufspüren. - Er und Ballner rauchen eine Zigarette nach der anderen, durch das Fahrerfenster zieht der Rauch nach draußen. Hartmut Ballner ist Ex-Zollfahnder und Ballner nicht sein richtiger Name.

"Ich denke, dass muss doch ein Leichtes sein, den neuen Mann zu durchleuchten. Gerade in der Branche. Das geht los mit dem Studium, da kann man anfangen. Irgendetwas ist da!"

Heyde wischt sich mit dem Handrücken hellgraue Asche vom Hosenbein, bei 150 Kilometern pro Stunde, Blick geradeaus. Fast zwanzig Jahre arbeitet er schon als Problemlöser in der Wirtschaft. Auf der ganzen Welt, 300 Tage pro Jahr, mit solider Ausbildung und viel Erfahrung: Anfang der Achtziger Jahre besucht er die Einzelkämpferschule des israelischen Militärs, arbeitet als "Spezialagent für besondere Aufgaben" im Nahen Osten und in der Deutschen Demokratischen Republik: 178 Menschen mit jüdischem Hintergrund schleust er aus der DDR. Als Mitglied eines Geheimkommandos, im Auftrag der israelischen Regierung. - Nach dem Mauerfall macht er sich selbständig. - Und kämpft heute unter anderem gegen den Sekteneinfluss auf Wirtschaftunternehmen.

"Das Sektenproblem ist im Moment nicht nur ein weltumspannendes Problem, sondern spezifisch auch ein deutsches Problem. Angriffspunkte dabei sind nicht nur große Firmen, sondern ein beliebtes Objekt sind kleine, mittelständische Unternehmen. Das heißt, die Firma wird durch eine Rufmordkampagne, durch verschiedene andere Geschichten in den Keller gefahren, Management zum Teil denunziert, zum Teil bedroht, die ganze Palette. – Sinn und Zweck ist hinterher ein billiger Aufkauf dieser Firma und natürlich auch, gemäß Hubbard zum Beispiel bei Scientology, seine Lehren dort weiter verbreiten zu können …"

… und den eigenen Machtbereich weiter auszubauen. Heydes Blick wechselt zwischen Innen- und Außenspiegel, er setzt den Blinker, tritt aufs Gas und überholt seinen Vordermann. Noch zwei Stunden Fahrzeit nach Berlin.

Ortswechsel: ein Hotelzimmer in Hamburg, 18. Stock, Blick über die Außenalster, kleine Segelboote in der Ferne. Klaus Leiner trägt wie sein Kollege Heyde schwarze Hose und schwarzes Sweatshirt. Ein sportlicher, unauffälliger Typ, weißgraue Haare, randlose Brille. Er öffnet seine kleine Nylontasche, greift sich ein handyähnliches Gerät und schraubt eine flache, dreieckige Antenne daran. Leiner ist auf Wanzenjagd:

"Dieses kleine Gerät hier kann ich in der Tasche tragen. Das zeigt nur an, ob ein sendendes Gerät in der Nähe ist. Der Summer ist dafür da, dass ich in der Tasche tragen kann und während einer Konferenz bemerke, dass ein Sender im Raum ist."

Wer das Hotelzimmer anmietet und wer ihn mit der Entwanzung beauftragt hat: Dazu macht der Sicherheitsexperte keine Angaben. Am Ende findet Leiner weder Kameras noch Wanzen im Hotelzimmer. Das zumindest ergibt der Erst-Check, dem eigentlich noch weitere folgen müssen:

"Also, wenn ich ein Büro saubermache zum Beispiel und sage: Ich möchte ein Büro wanzenfrei haben, dann dauert das mindestens einen Tag, ein Büro. Das Equipment, das man dafür braucht, das ist richtig teuer und ist sehr, sehr ausgefuchst, da könne auch nur wenige Leute mit umgehen …"

Aber erstens ist sein aktueller Auftraggeber nicht sehr abhör-gefährdet und zweitens ist ihm die Grundreinigung von Wanzen und Kameras mit rund 200 Euro pro Quadratmeter zu teuer. Der so genannte Pre-Check muss reichen. Der 59-jährige Leiner packt seine Geräte wieder ein, fährt mit dem Fahrstuhl nach unten, bestellt Cappuccino im kleinen Gartencafé. Sein Handwerk gelernt hat er beim BND oder beim Militärischen Abschirmdienst, MAD. Wo genau, will der braungebrannte Sicherheitsmann nicht sagen:

"Ich war 17 Jahre lang in einem westdeutschen geheimen Nachrichtendienst und bin dort extrem gut ausgebildet worden über viele Jahre hinweg. Und bin dann von aus in die private Wirtschaft gegangen, war zwei Jahre lang bei 'Control Risks' in London, Direktor für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Und hab mich dann selbständig gemacht und bin jetzt seit fast 18 Jahren selbständig."

Leiner lehnt sich im Korbstuhl zurück. Er berät Firmen bei Produkterpressungen, fahndet nach undichten Stellen in Management-Etagen, wehrt Sabotage und Industriespionage ab und hilft in Kidnapping-Fällen: Ein Krisenmanager. Klaus Leiner wirkt fast zufrieden, dass er mit "Control Risks" schon lange nichts mehr zu tun hat. Die Londoner Firma und die Berliner "Network" werden immer wieder im Zusammenhang mit dem Telekom-Skandal genannt. Sie sollen die Spähattacken auf Bank- und Telefondaten und die Bewegungsprofile erdacht und durchgeführt haben. Und in Leiners Augen ist diese Art, nach indiskreten Quellen zu suchen, stümperhaft:

"Ich bin schon der Meinung, dass es elegante und intelligentere Methoden gibt, um das abzustellen, schwerer zu machen und auch am Ende des Tages die Schuldigen zu überführen. Man muss da nicht mit so irrsinnigen Methoden rangehen."

Leiner schaut nach unten, schüttelt den Kopf. Telefonverbindungsdaten und Bewegungsprofile belegen nur, dass es Kontakte gibt. Aber es bleibt im Dunkeln, worum es geht. Und genauso nutzlos, so Leiner, ist das Ausspähen von Kontobewegungen der Verdächtigten:

"Wir wissen doch aus den zahlreichen Ermittlungen im Bereich der Korruption, dass da keine Gelder 1:1 von einem Konto auf ein anderes geschoben werden. Das ist dummes Zeug! Wer damit hausieren geht, dass er so was kann, das nachvollziehen kann, gehört in meinen Augen ganz unten in die Rangfolge derjenigen, die so etwas aufklären sollen."

Der Sicherheitsexperte winkt der Bedienung, bestellt einen neuen Cappuccino, zieht an seiner Filterzigarette. - Im Fall Telekom hätte Leiner gezielte Falschinformationen eingesetzt. Sie an Einzelpersonen aus Vorstand und Aufsichtsrat gestreut und dann darauf gewartet, welche Zeitung, welche Redaktion sie druckt oder sendet. Das ist ganz legal, betont Klaus Leiner.

"Ganz dezidiert: jedes Unternehmen, jede Aktiengesellschaft hat die Verpflichtung, aus dem Vorstand heraus, aus den Aufsichtsräten heraus, das Unternehmen von Schaden frei zu halten. Und zum Schaden gehört auch, wenn Indiskretionen begangen werden."

Leiner zuckt mit den Schultern, tippt mit dem Zeigefinger auf seine Armbanduhr, hat es eilig: in zwanzig Minuten trifft er sich mit einem Informanten, irgendwo in Hamburg unter vier Augen.

Auf dem Weg zur Tiefgarage nennt er Zahlen zum deutschen Sicherheits-Business: 2000 Detekteien gibt es bundesweit, aber die meisten Kollegen träumen von unseren Tagessätzen, sagt Klaus Leiner. Von immerhin 2500,- Euro pro Tag, die vielleicht ein gutes Dutzend Ermittler aus der ersten Liga verdient. Unten in der Garage verabschiedet sich Klaus Leiner, entriegelt per Funk seinen Wagen.

Wirtschaftsagenten wie Leiner und Heyde greifen bei ihren Einsätze auf weit verzweigte Netzwerke zurück: auf ehemalige Geheimdienstler, ausgeschiedene BKA- und LKA-Beamte, auf Juristen und Forensiker, IT-Spezialisten und Hacker. Und auf Techniker, die maßgeschneiderte Wanzen, Mini-Kameras und Einbruchwerkzeuge verkaufen.

Zum Beispiel fünf Autominuten entfernt. In Hamburg, Hoheluftchaussee. Auf der Glasfront des kleinen Ladens kleben dicke weiße Plastikbuchstaben: "Aufsperrwerkzeuge", "Audio- und Videoüberwachung", "Spezialanfertigungen" und "Spionageabwehr". Der "Spy-Shop" von Mahmod Abu-Shanab:

"Koordinator. Ich würde mich als Koordinator auch bezeichnen. In einem Netzwerk von Spezialisten. Im Bereich der Überwachungstechnik, Sicherheitstechnik. Experte für Aufsperrtechnik, das ist so im Grunde genommen mein Job. Alter: 40 Jahre. Herkunft: Ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern sind Palästinenser und jordanische Staatsbürger."

Mahmod Abu-Shanab besitzt zwei Pässe. Breite Schultern, schmale Hüften, wache, dunkle Augen. Vorn im schmucklosen Laden stehen Glasvitrinen mit der Produktpalette: Wanzen, Sender, Stethoskop-Kameras und Dietriche:

"Wir haben hier auch noch verschiedene andere Spielsachen drinne. Unter anderem ist hier unten unser Elektro-Pick 'New Generation': Das beste beschädigungsfreie Öffnungswerkzeug im Bereich der Elektro-Picks. Kuschelige 400 Euro."

Gegen Vorlage von Gewerbeschein und Personalausweis kann jeder das handliche, batteriebetriebene Werkzeug kaufen, erklärt Abu-Shanab. Um Missbrauch vorzubeugen, registriert Abu-Shanab alle Geräte, aber ausschließen kann er die ungesetzliche Benutzung natürlich nicht. Der Händler winkt, und bittet in den hinteren Ladenteil, in die Werkstatt. Offene Kartons stehen herum, randvoll mit Kabelsalat, Platinen und Lötkolben. Eingespannt in den Schraubstock ist ein Sicherheitsschloss, Abu-Shanab hält den Elektro-Pick in der einen, einen dünnen Stahlhaken in der anderen Hand.

"Ich führ das hier noch mal ein das Werkzeug, halt das hier hinten fest. So. Und jetzt ist das geöffnet."

Was Türöffnungs-Profi Abu-Shanab alles kann, hat sich herumgesprochen. BKA, LKA und Geheimdienste nehmen seine Dienste in Anspruch. Rund 200 Mal pro Jahr rückt er aus und knackt Schlösser im Staatsauftrag, entweder um deren Sicherheit zu testen oder aber im Einsatz gegen Verdächtige.

"Ich sag jetzt mal: wir sind nicht das Bauernopfer, aber wir die ersten, die an der Tür sind und die stehen hinten tatsächlich ab und zu mal mit gezogener Pistole und ja… Aber deswegen öffne ich auch nicht die Tür: ich entriegele den Zylinder, aber öffne nicht die Tür. Weil es mal so einen unangenehmen Zwischenfall in Holland gab, wo man hinter der Tür Handgranaten an die Türklinke gepackt hat. Und die haben dann geöffnet …"

Mahmod Abu-Shanab presst die Lippen zusammen, nickt kurz. Abu-Shanab führt winzige Kameras mit Quadratmillimeter-Linsen vor, zeigt streichholzgroße Wanzen. Und zum Schluss erklärt er das Handy-Satisfaction-Paket, das vor allem misstrauische Ehegatten bei ihm ordern:

"In der Regel kommen die Leute zu uns und wollen sozusagen das Satisfaction-Paket. Sagen: meine Frau hätte gerne dieses neue Handy und ich hätte gerne das neue Spielzeug dort integriert. Ich sehe dann, mit wem du telefonierst, ich sehe, wer dich anruft, ich kann dich lokalisieren. Und wir arbeiten daran, dass wir im Nahbereich wie schon erwähnt eine Silent-SMS schicken kann und dann kann ich das Mikrofon freischalten und in den Raum reinhören. Unter 500 Euro und dann wird das ausgeliefert."

Der Spezialhändler grinst, schaut ein wenig mitleidig. Denn verstehen, beteuert Abu-Shanab, kann er solche Kunden nicht. – Umprogrammieren kann er jedes Handy, nur zwei, drei Minuten braucht er, um die Schnüfffel-Software zu installieren, dann ist kein Telefonat mehr sicher. – An Privatleute und Hausverwaltungen verkauft er nur wenig. Gut verdient er an Geschäften mit Geheimdiensten und Detekteien rund um den Globus. Und mit eigenen Ermittlungen:

"Wir haben jetzt einen Fall, da geht es um Mobbing und da sollen Fotos von einer Privatperson gemacht werden. Die können natürlich gemacht werden, um sie zu identifizieren. Aber man muss eben auch aufpassen, dass man mit diesen Gesetzen harmoniert! Was interessiert mich irgendein Auftrag, wenn ich strafrechtliche Probleme dann bekomme. Man muss sich zwar aus dem Fenster hängen – das ist richtig -, aber man darf nicht fallen. Ich nenne das immer Gummi-Paragrafen!"

Und mehr möchte Mahmod Abu-Shanab nicht erzählen über die Grauzonen, in denen er und seine Kollegen sich oft bewegen. 18 Uhr ist es, Abu-Shanab schließt seinen Laden, dreht den Schlüssel im Spezialschloss.

Abends in Berlin. Frank Heyde und Mitarbeiter Ballner parken im Stadtteil Wedding vor einem Eck-Restaurant, dem "Balkan-Grill". Hier will er Neues über den nächsten Auftrag erfahren: Angeheuert hat ihn eine ältere Dame. Sie vermisst ihren Sohn, seit Tagen gibt es kein Lebenszeichen des Geschäftsführers. Von Hongkong aus handelt der 38-Jährige mit Elektronik.

"Hat er sich irgendwie dazu geäußert, dass er bedroht wird oder so?"
"Ja, auf jeden Fall in diese Richtung. Er konnte nicht darüber reden. Ich weiß nicht, ob er nicht alleine war … Denn auch als er mit meiner Schwiegertochter sprach, konnte er nicht frei reden."

Katharina Paulsen will ihren wahren Namen nicht verraten, sie ist 61, hat graues kurzes Haar. Zusammen mit Ballner und Heyde sitzt sie etwas abseits, gepunktetes Kleid, goldene, mit Brillianten besetzte Ringe. Sie ist aufgeregt, trinkt Alsterwasser und wischt sich eine Träne von der Wange. Heyde macht sich Notizen in ein kleines, schwarzes Büchlein.

"Es muss irgendetwas Ernsteres sein."
"Er hat ja schon einmal eine Bedrohung gehabt und vielleicht hat er wieder dasselbe Problem. Dass er sich mit irgendwelchen Mächten angelegt hat."
"Es war so undurchsichtig …"

Katharina Paulsen faltet die Hände auf der weißen Tischdecke, schaut ratsuchend rüber, erst zu Ballner, der nur still zuhört, dann zu Heyde. Der schaut auf die Uhr und macht sein Angebot:

"Ich habe mir das jetzt so vorgestellt: Ich hab erstmal ein Fünfer-Team losgeschickt. Dieses Fünfer-Team wird ganz einfach momentan das Vorfeld-Checking machen, wird observieren, wird eventuell auch eine Handy-Ortung durchführen. Dass wir einfach mal einen Überblick haben, ob das Handy überhaupt noch läuft, wenn ja, wo? Und was mich anbetrifft: Ich werde innerhalb der nächsten 48 Stunden den nächsten Flieger nach Hongkong nehmen."
"Ja bitte, das sie es dringend machen. Damit wir wissen, was da los ist!"
"Zehn vor halb acht. Das heißt: mit ihrem Einverständnis gehe ich gleich raus und telefoniere mit meinen Leuten. Und gebe ab sofort den Einsatzbefehl."
"Ja, wäre mir wirklich lieb."

Die Auftraggeberin nickt, der Fahnder steht auf, greift schon im Hinausgehen sein Handy, tippt die Nummer ein. Draußen vor dem Balkan-Grill fließt der Abendverkehr, es dämmert.

"Yeah, Frank here. How are you? OK. Look in the office, there you got the papers. And we will start now. Excactely. Five persons now and handy-ort. I’m coming in 48 hours, I book the next flight. Ok, bye."

Zurück im "Balkan-Grill”: Katharina Paulsen steht am Tisch, Hartmut Ballner hilft ihr in den Mantel. Zum Abschied reicht sie Heyde beide Hände und bedankt sich, wünscht viel Erfolg in Hongkong und der routinierte Macher Heyde wirkt plötzlich fast schüchtern.

Fünf Minuten später sitzt er wieder hinterm Steuer, unterwegs zum letzten Termin des Tages, ins Berliner Umland. Besuch bei einem Kollegen von Mahmod Abu-Shanab. Wie er heißt, verrät er nicht. Wer möchte, sagt er und lacht, darf ihn "Mr. Q" nennen:

"Ich verhalte mich streng konspirativ. Ich bin nicht so leicht zu finden, meine Daten sind nicht im Netz zu finden und der Kreis der Leute, die ich beliefere, ist ziemlich klein!"

Die Spezialwerkstatt des geheimnisvollen Tüftlers liegt im Keller seines Hauses. Sehr aufgeräumt hängt Feinmechaniker-Werkzeug an den Wänden, lagert in Schubladen. Mr. Q präsentiert seine kleinsten Wanzen, Ballner reckt den Hals, Frank Heyde kreuzt die Hände hinterm Rücken.

"Das hier sind Bauteile, die ich verwende. Das ist die kleinste Bauform. Die kann man kaum sehen, kleiner als Mohnkörner. Und wenn ich die verarbeite, dann darf ich morgens auch keinen Kaffee trinken, jedenfalls nicht zu viel! Man darf nicht aufgeregt sein, sonst kann ich die nicht platzieren. Ich arbeite hier unter diesem Stereomikroskop und anders wäre das auch kaum möglich."

Seine Besucher nicken anerkennend, Heyde zeigt auf eine kleines Kabelknäuel in der Ecke, will wissen, was er vor sich hat.

"Das ist eine Kamera, die hauptsächlich von Behörden eingesetzt wird. Die kann in eine Zigarettenschachtel gesteckt werden und man kann dann bei einem Straftäter die Örtlichkeit aufnehmen. Und die Kollegen draußen sehen, wie die Situation ist, ob sie eingreifen müssen. – So groß wie eine Zigarettenschachtel … Schön."

Frank Heyde lächelt beim Anblick der Geräte, ist begeistert.

"Da brauchen wir eine Lösung dafür. Ein qualitativ gutes Bild, das wir auch hinterher als Beweissicherung nehmen können. Um meinetwegen darlegen zu können, warum wir jetzt den Zugriff gemacht haben."

Der Erfinder nickt, die beiden fachsimpeln über Reichweiten, Sendeleistung und darüber, wie dick die Wände sein dürfen, durch die Abhören möglich ist. Einen halben Meter, behauptet Mr. Q und breitet die Arme aus. Frank Heyde staunt. Zwar baut und verkauft der Tüftler Wanzen und winzige Kameras, aber, so betont er, nur an Behörden und hauptberufliche Detektive. Und trotzdem gruselt es ihn vor der heutigen Überwachungstechnik.

"Die meisten Menschen sind sich nicht bewusst, wie einfach ihre Türen zu öffnen sind, wie leicht man in ihre Privatsphäre eindringen kann. Ich finde das so furchtbar! Als ich in der Schule '1984' von George Orwell gelesen habe, dachte ich: 'Oh Gott! Aber 1984 ist ja noch weit hin.' Und jetzt sind wir schon so viel weiter, wir haben hier den kompletten Überwachungsstaat. Aber wie gesagt: Wenn jemand Schutz haben möchte, arbeite ich auch für den."

Frank Heyde zieht ganz kurz eine Braue hoch, die Augen wirken müde, sind gerändert. Um zehn Uhr verabschiedet Mr. Q seine Besucher, Telefonnummern werden ausgetauscht, ein erstes Geschäft ist angebahnt.

Heyde und Ballner sinken in die Autositze, machen sich auf die Suche nach einem Hotel.

Zur gleichen Zeit ist auch Ex-Agent Klaus Leiner wieder unterwegs, das Treffen mit dem Hamburger Informanten hat sich gelohnt. Leiner ist auf dem Heimweg, auf der fast leeren A 7 zurück nach Frankfurt. Die Raststätte Göttingen liegt hinter ihm, die Lichter von Kassel tauchen auf. Zeit für ein Resümee der deutschen Sicherheitsdebatte um private Ermittler und ihre Verfehlungen:

"Grundsätzlich gibt es Mittel und Wege für alles, um es rauszufinden. Wenn sie ein Geheimnis für sich behalten wollen mit drei Leuten – dann müssen sie zwei erschießen. Das ist einfach so."

Leiner wechselt auf die mittlere Spur, zieht vorbei an der Lkw-Kolonne, wie aufgefädelt schieben sich die Laster über die Berge. - Mindestens schief findet Leiner die Diskussion über den Telekom-Skandal, über Spionage und die Grauzonen des Wirtschaftskrieges. China und Russland gehen damit ganz anders um, betont Leiner.

"Das steht in den Gesetzen der jeweiligen Länder drin: dass Spionage eine Staatsangelegenheit ist und dass das Auswerten von Unterlagen der feindlichen Mächte und auch der Industrie nicht nur eine lässliche Sünde ist, sondern auch gezielt gemacht wird!"

Und im Vergleich zu dem, was die asiatische oder russische Konkurrenz auf die Beine stellt, nimmt sich das deutsche Engagement recht harmlos aus:

"Ich würde mal sagen: Wir sind in einem Braunkohletagebau mit einer Handschaufel unterwegs. Und die anderen fahren mit dem Bagger. Mit Panzerketten!"

Und deshalb laufen seine Geschäfte genauso gut wie die von Frank Heyde. Beide bieten Schutz vor Spionage und beide scheuen auch die Grauzonen nicht, in denen der Wirtschaftskrieg oft abläuft.

"Wir sind keine Moralapostel. Wir müssen uns nicht nach außen hin outen. Dementsprechend werden die Aufträge verdeckt erledigt. Nach dem System: Wir tauchen auf. Erledigen die Aufträge. Und tauchen genauso lautlos wieder ab."

Wie oft die beiden schon am Rande der Grauzone operiert haben oder darüber hinausgegangen sind, darüber schweigen sich die Wirtschaftsagenten eisern aus. Bisher zumindest haben sie keine Spuren hinterlassen.

Die Reportage

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