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Montag, 20.11.2017

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.11.2016

Die "Polenaktion" von 1938Was geschah mit Familie Langdorf?

Von Alisa Warnecke

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SA-Männer  (picture alliance / dpa )
Die sogenannte "Polenaktion" fand kurz vor dem Novemberprogrom 1938 statt. Das Bild zeigt SA-Männer in dieser Zeit, die ein Hetz-Plakat an ein jüdisches Geschäft kleben (picture alliance / dpa )

Ende Oktober 1938 wurden bis zu 17.000 jüdischen Polen aus dem Deutschen Reich abgeschoben. Die Ausgewiesenen wurden von der sogenannten "Polenaktion" völlig überrascht. Unsere Autorin schildert die Geschichte einer betroffenen Familie.

Haus Nummer 39. Fehrbelliner Straße. Ein sanierter Altbau im Zentrum Berlins, in einer heute heiß begehrten Wohnlage im Prenzlauer Berg.

Mein Fahrrad will ich in der Nähe, in der Brunnenstraße, abstellen, doch ein Polizist bittet mich freundlich, es woanders zu parken. Er hat Wachdienst vor dem Gebäude der ehemaligen Beth-Zion-Synagoge und das Parkverbot gilt auch für Fahrräder.

Fehrbelliner Straße Nummer 39, ein hell gestrichenes Wohnhaus in einer Reihe von schlichten Altbauten. Fünf Etagen hoch, im Erdgeschoss ist ein Fahrradraum eingerichtet. Ein Klingelschild aus Messing: Ich kenne keinen der Namen. Im Archiv bin ich auf diese Adresse gestoßen: Ich bin auf der Suche nach Spuren der Geschichte von Familie Langdorf.

"Ich, Frau Auguste Meder, erkläre hiermit an Eides statt: Die Wohnungseinrichtung meiner Eltern in der Wohnung in Berlin, Fehrbelliner Straße 39, bestand aus: 1 moderne Schleiflack-Reformküche mit allem Zubehör; 1 modernes, komplett eingerichtetes Schlafzimmer; 1 modernes Speisezimmer, bestehend aus Büfett, Standuhr und dem sonstigen Zubehör sowie 1 kombiniertes Wohn- und Kinderzimmer."

"Ich erkläre hiermit, dass mir die Eheleute Simon und Cilla Langdorf sehr gut bekannt waren und dieselben in Berlin, Fehrbelliner Straße 39, ein Lebensmittelgeschäft betrieben haben. Ferner erkläre ich, dass die Eheleute bis zum Jahre 1935 in guten wirtschaftlichen Verhältnissen gelebt haben, welche sich durch die damalige Boykottierung aller in Berlin befindlichen jüdischen Geschäfte nach 1936 erheblich verschlechtert hat. Es ist mir auch bekannt, dass Familie Langdorf eine gut eingerichtete Drei-Zimmerwohnung anschließend am Geschäft gehabt hat."

Amtlich dokumentierte Aussage eines Bekannten der Familie Langdorf.

Ein Blick durch eine Fensterscheibe im Erdgeschoss: Man sieht in einen Abstellraum voller Fahrräder. Hier könnte damals der Eierhandel der Langdorfs untergebracht gewesen sein.

Simon und Cilla kamen aus Galizien nach Berlin

Familie Langdorf lebte bis 1938 in dem Haus in der Fehrbelliner Straße. Die Eltern Simon und Cilla kamen Anfang des 20. Jahrhunderts als Einwanderer aus dem Osten der Habsburger Monarchie, aus Galizien, nach Berlin. Die drei Kinder Auguste, Hermann und Max wurden in Berlin geboren. Die Familie besuchte die orthodoxe Beth-Zion-Synagoge in der Brunnenstraße. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde das Innere dieser Synagoge zerstört.

Die Synagoge, die heute von Polizisten bewacht wird. Die Geschichte der Familie Langdorf handelt von Migration, von jüdischem Leben im Berlin der Zwischenkriegszeit und von bescheidenem wirtschaftlichen Fortkommen. Es gibt viele ähnliche Lebensläufe aus dieser Zeit. Aber die Geschichte der Langdorfs ist noch etwas anders als die anderer jüdischer Familien, und das hat mit ihrer Nationalität zu tun.

Am Morgen des 28. Oktober 1938, ein knappes Jahr vor Kriegsausbruch, werden die Langdorfs durch die sogenannte "Polenaktion" auseinandergerissen.

Vater Simon und sein älterer Sohn Hermann werden in aller Frühe von der Polizei aus dem Bett geholt und abtransportiert. Die Langdorfs besitzen nur polnische Pässe. Wie ihnen wird auch tausenden anderer Juden polnischer Staatsangehörigkeit ein Ausweisungsbefehl ausgehändigt:

"Berlin, den 28. Oktober 1938: Auf Grund des § 5 Absatz 1 der Ausländerpolizeiverordnung vom 22.8.1938 wird gegen Sie ein Aufenthaltsverbot für das Reichsgebiet erlassen. Sie werden deshalb aufgefordert, das Reichsgebiet binnen 24 Stunden nach Empfang dieser Verfügung zu verlassen. Falls Sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, wird durch Anwendung unmittelbaren Zwanges Ihre Abschiebung aus dem Reichsgebiet erfolgen."

Der Polizeipräsident in Berlin / Abteilung II.

Ende Oktober 1938 werden innerhalb von zwei Tagen mindestens 16.000 polnische Juden aus dem Deutschen Reich ausgewiesen. Sonderzüge transportieren die Betroffenen an die polnische Grenze. Von der sogenannten "Polenaktion" sind auch der 18jährige Marcel Reich-Ranicki und die Familie von Herschel Grynszpan betroffen – jenes Mannes, dessen Attentat wenige Tage später den Nationalsozialisten als Vorwand für den Pogrom des 9. November 1938 dient.

Etwas zu essen, und maximal zehn Reichsmark

Wer heute vor dem Haus in der Fehrbelliner Straße in Berlin Mitte steht, ahnt nichts von dem Drama, das sich einst dort abspielte. Für die heutigen Bewohner ist es ferne Vergangenheit. Aber auch die war einmal Gegenwart. Wer rekonstruieren will, was damals geschah, ist auf professionelle Unterstützung angewiesen.

"Um den Ablauf grob zu skizzieren, sind die Menschen am 27. Oktober im Westen des Reichsgebiets und am 28. Oktober im Osten des Reichsgebiets am frühen Morgen in ihren Wohnungen aufgesucht worden. Man hat ihnen kurz Zeit gelassen, sich anzukleiden, wenige Dinge des täglichen Bedarfs einzupacken und maximal zehn Reichsmark und hat sie dann mitgenommen, sie verhaftet und nach einigen Stunden in Sammelstellen zur polnischen Grenze gebracht."

An der Freien Universität Berlin treffe ich Alina Bothe. Die Historikerin beschäftigt sich mit der Ausweisung polnischer Juden im Oktober 1938.

Die Ausweisung von etwa 16.000 polnischen Juden ist eine Folge der Staatsbürgerschaftspolitik sowohl im Deutschen Reich als auch in Polen. Im März 1938 wird Österreich von Deutschland annektiert. Die polnische Regierung fürchtet die Rückwanderung verarmter polnischer Juden, die in Österreich lebten. Diese Sorge ist einerseits auf wachsenden Antisemitismus zurückzuführen, andererseits auf wirtschaftliche Probleme Polens.

"Das Parlament hat dann binnen einer Woche im März 1938 ein Gesetz beschlossen, das es ermöglichte, die Staatsbürgerschaft abzuerkennen für Personen, die sich länger als fünf Jahre am Stück außerhalb des polnischen Reichsgebiets aufgehalten haben. Das Gesetz ist nicht sofort in Kraft getreten, sondern erst mit einem Erlass des polnischen Innenministeriums im Oktober 1938, auf den hin dann deutscherseit der Ausweisungsbefehl, der direkt von Himmler kam, erfolgte."

Die Deportierten sind eine marginalisierte Gruppe. Sie gehören nicht zur Gruppe der deutschen Juden, aber auch nicht mehr zur Gruppe der polnischen Juden. Sie sind, wie es die Historikerin Sybil Milton formuliert, "Menschen zwischen Grenzen".

Die Geschichte von Simon Langdorf aus der Fehrbelliner Straße in Berlin, geboren in Tarnów, zeigt, wie willkürlich Staatsangehörigkeit sein kann. Im Berliner Landesarchiv lässt sich sein Bemühen nachvollziehen, einen deutschen Pass zu erhalten. Zu den Unterlagen gehört auch sein Passfoto: Es zeigt einen Herrn Mitte 50 im Anzug und mit sorgfältig gekämmtem Haar – Simon hat früher als Friseur gearbeitet. Er schreibt:

Er zahlte Steuern - und wollte Deutscher sein

"Meine Kinder gehen hier zur Schule, ich zahle meine Steuern, führe einen geordneten Haushalt und achte die deutschen Gesetze in jeder Weise, sodass, wenn ich 26 Jahre in Deutschland bin und lebe, ich mich als Deutscher fühle und mich nicht mehr als Ausländer betrachte."

Der Einbürgerungsantrag wird Anfang der 1930er-Jahre abgelehnt. Als Langdorf 1906 nach Berlin kommt, gehört sein Geburtsort Tarnów zum österreichischen Teil des Habsburger-Reiches – Langdorf ist somit österreicherischer Staatsangehöriger. Polnisch wird er mit der Unabhängigkeit Polens nach dem Ersten Weltkrieg, obwohl er bereits in Berlin lebt. Vergeblich versucht er, deutscher Staatsbürger zu werden. Und so wird Langdorf im Oktober 1938 im Alter von 63 Jahren als polnischer Staatsangehöriger aus dem Deutschen Reich ausgewiesen.

"Die Polenaktion zeigt, dass eine Massendeportation möglich ist. Dass es möglich ist, ohne großen Widerstand des Auslands – bei gleichzeitiger Realisierung im Ausland, was passiert ist mit großen Presseberichten – zu handeln, ohne dass es auf Widerstand trifft. Die Polenaktion öffnet einen enormen Möglichkeitsraum der - in Anführungszeichen formuliert - Bevölkerungsverschiebung."

Was im Oktober 1938 geschah, die massenhafte Ausweisung polnischer Juden aus dem Deutschen Reich, ist bislang wenig erforscht worden. Die Ereignisse werden überschattet von den wenige Tage später stattfindenden Novemberpogromen. Die Aktenlage ist schwierig: Täterdokumente sind kaum überliefert. Aber – es gibt zahlreiche Spuren von Betroffenen.

Auch von Simon Langdorf. Sein Name taucht in der sogenannten Zbąszyń-Liste auf. Auf dieser Liste wurden Opfer der "Polenaktion" registriert, die sich nach der Ausweisung hinter der deutsch-polnischen Grenze im Ort Zbąszyń – auf Deutsch Bentschen – aufhielten. Unter der Nummer 2222 steht Simons Name.

"Wenn sowohl Aktenmaterial im großen Umfang als auch vielleicht noch'n Interview überliefert sind, lassen sich weitaus mehr Fragen klären als bei denjenigen, wo wir wirklich nur wissen: Die sind abgeholt worden, die sind deportiert worden."

Im Bestand der Berliner Entschädigungsbehörde lagern eine Menge Dokumente über das Schicksal von NS-Verfolgten. Alina Bothe hat stapelweise Akten bestellt, die von der sogenannten "Polenaktion" zeugen. Wir blättern.

Was hat die Ausweisung für die Betroffenen bedeutet? In der bürokratischen Sprache von Entschädigungsakten finden sich Spuren von Lebensgeschichten. Vergilbte Dokumente im Archiv werden zu Puzzleteilen. Dort liegen handschriftlich verfasste Zeugnisse, kaum lesbar. Dort liegen Namenslisten der Deportierten: Wiesenfeld, Wasserman, Wolkenfeld.

Die Adresse der Familie Langdorf in der Fehrbelliner Straße ist ein solches Puzzleteil. Zwischen den brüchigen Seiten alter Akten liegen auch Fotografien, Ausweise, Judensterne – und Briefe. So wie der Brief von einem Mann mit Vornamen Josef, der schildert, wie er die "Polenaktion" erlebt hat. Er wurde gleichzeitig mit den Langdorfs deportiert. Ob er sie kannte? Das lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.

"Lieber Max, am Freitag, dem 28.10. diesen Jahres, sind wir um halb sechs aus dem Bett geholt worden durch einen Polizeibeamten. Er kommentierte, dass ich mich ganz schnell anziehen soll, Lebensmittel auf zwei Tage mitnehmen soll und nur zehn Reichsmark. Das ganze Vermögen, überhaupt alles, was ich besaß, musste ich also zurücklassen."

Darf man das, Briefe von Fremden lesen?

Ich lese gemeinsam mit der Historikerin in diesem Brief und denke: Darf man das überhaupt, Briefe von Fremden lesen? Auch wenn sie öffentlich zugänglich sind – sie waren nie für unsere Augen bestimmt.

Oder muss man die Briefe sogar lesen, um eine Ahnung davon zu bekommen, dass diese Ereignisse tatsächlich passiert sind und dass Menschen dies erlebt haben?

"Später sind wir auf Lastwagen unter höchster Bewachung nach dem Schlesischen Bahnhof befördert worden. Ein alter leidender Mann, der zusammenbrach, wurde von den Offizieren viehisch behandelt. Die Offiziere riefen: Der verstellt sich bloß. Zu uns riefen sie: Los los, nehmt die Plattfüße in die Hand und macht, dass ihr weiterkommt."

Das, was Josef, der Verfasser des Briefes, erlebt hat, haben auch Simon Langdorf und sein Sohn Hermann erlebt. Sie werden mit dem Zug nach Zbąszyń deportiert. Das Städtchen liegt auf der Bahnstrecke zwischen Berlin und Posen an der damaligen deutsch-polnischen Grenze. In dem Brief von Josef lesen wir:

"Im Schlesischen Bahnhof sind wir in einen Zug verladen worden. Zu acht Mann in einem Coupé und zwei Polizisten mit aufgepflanztem Bajonett pro Wagen, so fuhren wir bis Bentschen. In Bentschen mussten wir aussteigen und da hieß es, wer mehr als zehn Reichsmark bei sich hat und gefasst wird, wird erschossen. Dann sind wir in einen anderen Zug umgestiegen, das war schon am Freitag abends und dann ist der Zug mit uns bis Zbąszyń gefahren, das ist schon polnisches Gebiet. Da haben wir gestanden von Freitag bis Sonnabend abends. Die Türen waren verschlossen, es konnte keiner raus oder rein. Am Sonnabend spät am Abend hat man uns aus dem Zug befreit."

Im Niemandsland abgeladen

Tausende werden im Niemandsland zwischen Deutschem Reich und Polen abgeladen. Am Grenzbahnhof angekommen, verweigern die polnischen Beamten die Aufnahme der Ausgewiesenen. Sie warten auf Direktive aus Warschau. Die Deportierten warten - stundenlang. Die meisten Ausgewiesenen werden hinter der Grenze in Zbąszyń festgesetzt. Sie müssen dort den Winter verbringen.

"Zbąszyń ist ein kleiner Ort mit 4-5.000 Einwohnern zu diesem Zeitpunkt, mit einem sehr großen, hochherrschaftlichen Grenzbahnhof – und plötzlich stehen da 9.000 Menschen, die unversorgt sind, die versorgt werden müssen, für die sich der polnische Staat nicht verantwortlich fühlt."

Der Wert von Staatsbürgerschaft, die Durchlässigkeit von Grenzen, die Verantwortung für Geflüchtete – mit einem Mal berührt die Recherche einer alten Geschichte ganz aktuelle Themen.

"Binnen weniger Wochen wird eine behelfsmäßige Struktur in Zbąszyń entwickelt. Viele Einwohner Zbąszyńs nehmen einige Flüchtlinge bei sich zuhause auf. Bis heute ist ganz eindeutig in den Erinnerungsberichten, dass in Zbąszyń die Bevölkerung mit einer Welle der Hilfsbereitschaft und der Solidarität reagiert hat. Das hat natürlich nicht über die Not geholfen, aber es hat zumindest gelindert."

Unter denen, die in Zbąszyń abgeladen wurden, waren auch Simon und sein Sohn Hermann Langdorf aus der Fehrbelliner Straße in Berlin. Was haben sie erlebt? Von Auguste, der Tochter von Simon und Schwester von Hermann Langdorf, gibt es Aussagen aus der Nachkriegszeit, aus einem Entschädigungsantrag:

"Meinem Bruder gelang es, mit einem Permit von Polen über Berlin nach England auszuwandern. Während seines Aufenthaltes in Berlin habe ich mit ihm gesprochen und er erzählte uns, dass unser Vater in einem polnischen Lager in Bentschen untergebracht war."

Nach Simon Langdorfs Deportation versuchten seine Frau Cilla und der elfjährige Sohn Max, das Lebensmittelgeschäft in der Fehrbelliner Straße weiterzuführen. In der Reichspogromnacht 1938 wurde auch dieser Laden geplündert. Kaum jemand traute sich noch, dort einzukaufen.

"Ich selbst habe die Zerstörung der Fensterscheiben nicht gesehen; ich bin vielmehr am nächsten Tag in der Wohnung meiner Mutter gewesen und habe gesehen, dass das Ladengeschäft vollkommen verwüstet war."

... berichtet Auguste Langdorf nach 1945. Durch die Heirat mit einem deutschen Juden erhielt sie die deutsche Staatsbürgerschaft und schaffte es als einziges Familienmitglied, während des Krieges in Berlin zu überleben.

"Anfang 1939 erhielt mein Vater von den polnischen Behörden die Erlaubnis, nach Deutschland zu reisen, um dort meine Mutter und meinen jüngeren Bruder Max abzuholen. Ihm war auferlegt worden, von Deutschland mit seinen Angehörigen nach Tarnów in Polen umgehend zurückzukehren."

Sie mussten alles stehen und liegen lassen

Meinen Eltern ist es in dieser kurzen Zeit nicht gelungen, die Wohnungseinrichtung aufzulösen, weil seinerzeit wegen des gewaltigen Angebotes keinerlei Käufer zu finden waren. Meine Eltern mussten also, als sie im März 1939 nach Polen gingen, alles stehen und liegen lassen und konnten nur das nötigste Handgepäck mitnehmen.

"Jetzt sind wir in Lodz, wo wir zu bleiben gedenken. Wir haben natürlich noch nichts unternehmen können, denn wir beherrschen die Sprache nicht und außerdem ist in Lodz eine sehr schlechte Zeit. Was in Zukunft werden soll, weiß ich noch nicht. Diesen Brief habe ich in der Gemeinde geschrieben und hatte eine sehr schlechte Feder, entschuldige daher die Kleckse. Dein Josef."

Das lesen wir in dem mehrfach zitierten Bericht von Josef, der – wie Vater und Sohn Langdorf - von der Polenaktion 1938 betroffen war.

"Das Lager ist im August 1939 aufgelöst worden. Einige sind nach Polen zu Verwandten gegangen, oder in ihre Geburtsorte. Andere haben versucht, die Emigration zu beschleunigen und nach Westen zu fliehen und einge sind zurückgekehrt – legal oder illegal – ins Deutsche Reich und sind dann im September 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen in der sogenannten zweiten Polenaktion nach Erlass Heydrichs festgenommen worden und größtenteils nach Sachsenhausen verbracht worden."

Die aus Deutschland Ausgewiesenen, die in Polen blieben, saßen nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 in der Falle. Und die beiden Langdorfs?

Der 19-jährige Hermann Langdorf erhielt eine Einreiseerlaubnis nach England. Wann er sie beantragt hat, warum sie ihm bewilligt wurde und ob er die Erlaubnis bereits während der "Polenaktion" bei sich hatte, bleibt offen. Hermann reiste im Dezember 1938 nach London aus. Für ihn bedeutete die "Polenaktion" vom Oktober 1938 den endgültigen Bruch mit seinem Leben in Deutschland. Im Krieg trat er der Royal Army bei und kämpfte für Großbritannien. Er änderte seinen Namen, heiratete und wurde Vater. Nur ein einziges Mal erwähnte er seine Erlebnisse aus dem Jahr 1938 vor seinen Kindern.

"Meine Eltern haben mir aus Tarnów einige Monate lang Post geschickt. Diese Briefe sind mir während meiner Illegalität verloren gegangen."

... berichtet die Langdorf-Tochter Auguste nach dem Krieg. Ihr Kontakt zu ihrer Familie im inzwischen besetzten Polen riss Ende 1940 ab. Als sie später in Berlin untertauchte, musste sie die Briefe ihrer Eltern vernichten. In ihren Entschädigungsanträgen wird immer wieder auf diese nicht mehr vorhandenen Briefe hingewiesen. Ein Westberliner Beamter vermerkt:

"Sie kann mit Gewißheit bekunden, daß sich ihre Eltern bis Ende des Jahres 1940 in Tarnów aufgehalten haben. Sie hatte brieflichen Kontakt mit ihnen. Ihr Vater hat als Friseur in einem Lager der Wehrmacht gearbeitet. Sie hat bis 1940 ihren Eltern laufend Lebensmittelpakete geschickt. Briefe kann sie nicht mehr vorlegen, weil diese aus Verfolgungsgründen (Auguste Meder lebte in der Illegalität) verloren gegangen sind."

"Es ist mir leider nicht möglich, eine Bescheinigung über den Verbleib meiner Eltern zu beschaffen."

... steht in einer der Aussagen von Auguste. Die Spur von Familie Langdorf – den beiden Eltern und ihrem jüngsten Sohn - verliert sich in Tarnów. Wie es Simon, Cilla und Max ergangen ist, lässt sich nur spekulieren. Es ist wahrscheinlich, dass sie das Schicksal des größten Teils der jüdischen Bevölkerung in Tarnów teilen. 1942 wurde dort von den Deutschen ein Ghetto errichtet. Es erfolgten Massendeportationen nach Auschwitz und in andere Todeslager. Fast die Hälfte der Tarnówer Juden starb bei Massenerschießungen.

Wo Josef blieb? Wir wissen es nicht

Auch der Briefverfasser Josef ist seit Anfang der 1940er Jahre verschollen. Es kursieren mehrere Versionen seines Todes in den Akten: An einer Stelle wir vermutet, er sei in die Sowjetunion ausgewandert. Dann heißt es, er sei kurz nach seiner Ankunft in Lodz gestorben. Schließlich findet sich sein Name auf einer Deportationsliste nach Auschwitz wieder.

Aus dem Niemandsland an der Grenze führen die Spuren der Deportierten in alle Himmelsrichtungen – und verlieren sich in den Kriegsjahren nur allzu oft an namenlosen Orten und in Todeslagern.

Auguste wurde ab 1939 als Zwangsarbeiterin bei Siemens in Berlin eingesetzt. Aus Angst vor Deportation ging sie 1943 in den Untergrund, ihr Mann wurde kurz darauf verhaftet. Nach dem ersten Versteck in einer Gartenlaube folgten weitere in den Wohnungen verschiedener Bekannter. So überlebte Auguste die nationalsozialistische Verfolgung. Zusammen mit ihrem Bruder in London kämpfte sie um Entschädigung für die Verluste der Familie Langdorf.

Nach Kriegsende entwickelten die Westmächte ein sogenanntes "Wiedergutmachungsrecht". Die "Wiedergutmachung" der Bundesrepublik Deutschland umfasste die Versorgung überlebender Verfolgter, ihre juristische Rehabilitierung und vor allem finanzielle Entschädigung für Opfer des Regimes und deren Hinterbliebene.

Wiedergutmachung, ein seltsames Wort. Bis Ende der 1960er-Jahre zogen sich die Rückerstattungsverfahren der Langdorfs für Schaden an Freiheit, Schaden an Eigentum und Schaden im beruflichen Fortkommen hin – mit unterschiedlichem Erfolg.

Goldener Trauring, goldene Taschenuhr

"1 goldene Krawattennadel mit Perle; 1 goldener Trauring; 1 goldener Siegelring; 1 goldene Taschenuhr mit Sprungdeckel und doppelter Kapsel; 1 goldene Uhrenkette ca. 26 gr.; 1 goldenes Zigarettenetui eingraviert Simon Langdorf; 1 Paar goldene Manschettenknöpfe."

"Diese Schmuckstücke habe ich bei meinem Vater vor dessen Ausweisung gesehen. Er hat sie alle mitgenommen. Mein Vater trug diese Sachen immer bei sich und hatte sie daher auch am Körper, als er Anfang 1939 meine Mutter und meine jüngeren Bruder nach Polen abholte. Wie sich aus dem Schriftwechsel mit meinen Eltern ergibt, der sich bis 1940 aufrecht erhalten ließ, sind meinem Vater die genannten Sachen an der Grenze von den Deutschen abgenommen worden. Wie er mir weiter schrieb, hat er von diesen Sache nie wieder etwas gehört oder gesehen."

Die Akten der Familie Langdorf zeugen von zahlreichen Besitztümern, die verschwunden sind. Was ist mit dem Zigarettenetui mit der Namensgravur passiert? Vielleicht existiert es irgendwo und trägt noch immer den Namen von Simon Langdorf.

"Die Entziehung der Wertgegenstände ist von den Antragstellern behauptet worden und zwar, als der Geschädigte, wie ich annehme, nach seiner Ausweisung nach Deutschland zurückgekehrt, mit seiner Ehefrau und seinen Sohn endgültig nach Polen auswanderte. Nicht ersichtlich ist, an welchem Ort die Beschlagnahmung erfolgt sein soll. Auf Grund meiner vorstehenden Ausführungen könnte es sich bei der behaupteten Beschlagnahme nicht um eine angeordnete Maßnahme gehandelt haben. Die Geschädigten unterlagen als Ausländer auch nicht der später angeordneten Ablieferungspflicht von Wertgegenständen."

"Bescheid über den Entschädigungsantrag vom 3. März 1958 und 27. August 1958 wegen Schadens an Freiheit ..."

"Unaufgefordert erscheint am 28. Juni 1960 Frau Auguste Meder als Antragstellerin und erkundigt sich nach dem Stand der Akten. Die Akten wurden durchgesprochen und die Auflage erteilt, den C-Schaden zu untermauern. Sie wurde mehrere Male darauf hingewiesen, künftig nur im Beisein ihres Bevollmächtigten oder dessen Vertreter vor dem Amt zu erscheinen."

"In der obigen Entschädigungssache teile ich mit, dass die Antragstellerin die Annahme des von dort unterbreiteten Vergleichsvorschlages in Höhe von 2.740 DM verweigert hat, weil dies ihrer Auffassung nach keine angemessene Entschädigung bedeutet."

Langdorf und Meder gegen das Land Berlin

"Berlin, den 10. April 1969, Landgericht Berlin in dem Rechtsstreit Langdorf und Meder gegen das Land Berlin. Die Parteien schließen folgenden Vergleich: Der Beklagte zahlt an die Kläger in ungeteilter Erbengemeinschaft zur Abgeltung der Klageforderung weitere 4.900 DM. Damit sind alle Ansprüche der Kläger wegen Schadens an Eigentum und Vermögen einschließlich der Wohnungseinrichtung der Eheleute Langdorf abgegolten."

Die sogenannte "Polenaktion" 1938, sagen einige Historiker, war der Auftakt zur späteren Vernichtung. Weil zwei Kinder der Langdorfs überlebt haben, kann man über das Schicksal dieser einen Familie zumindest noch etwas herausfinden.

Fehrbelliner Straße 39. Ich stehe vor dem unscheinbaren Haus, in dem Familie Langdorf in Berlin lebte, bevor sie durch die "Polenaktion" auseinandergerissen wurde. "Misstraut den Grünanlagen", schrieb der Berliner Schriftsteller Heinz Knobloch einmal, in Anspielung darauf, wie dort Gras über die Schrecken der Vergangenheit gewachsen ist. Man könnte hinzufügen: "Misstraut auch den Häuserfassaden!"

Ich versuche, mir im heutigen Fahrradraum im Erdgeschoss das Lebensmittelgeschäft von Familie Langdorf vorzustellen. Fahrradhelme und Kartons stapeln sich am Fenster. Der Raum ist saniert, er hat nichts mehr von einem Laden. Da fällt mir ein: Ich habe nicht geprüft, ob sich die Hausnummern der Straße seit 1938 geändert haben. Ich muss wohl noch einmal ins Archiv.

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(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 02.11.2012)

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