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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.08.2010

Die Philosophie der Anerkennung

Axel Honneth: "Das Ich im Wir", Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 308 Seiten

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Für Honneth ist klar: Menschen brauchen Anerkennung.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Für Honneth ist klar: Menschen brauchen Anerkennung. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Der Name des Frankfurter Philosophen Axel Honneth ist untrennbar verbunden mit der "Theorie der Anerkennung", die er seit den 90er-Jahren ausgearbeitet hat. Für Honneth sind soziale Konflikte grundsätzlich als Anerkennungskonflikte zu verstehen, das heißt, selbst wenn vordergründig um materielle Dinge gestritten wird, steht doch dahinter immer auch das menschliche Bedürfnis nach Bestätigung, Liebe, Wertschätzung, Respekt.

Der jetzt neu erschienene Band besteht aus Aufsätzen, die in den vergangenen Jahren erstmals in Zeitschriften oder Sammelbänden publiziert wurden. Darin erläutert, verteidigt oder erweitert Honneth seine Theorie darin an einzelnen Themen.

Der vielleicht interessanteste Text steht im Zentrum des Bandes. Er ist der Frage gewidmet, ob die Philosophie der Anerkennung nicht einen blinden Fleck hat, und zwar im Hinblick auf ideologische Missbräuche. Denn die für Honneth so zentrale und moralisch positive Tatsache, dass Menschen Anerkennung brauchen, kann ja auch dazu benutzt werden, ungerechtfertigte Machtverhältnisse aufrecht zu erhalten.

Generationen von Frauen konnten durch das hohe Maß an Anerkennung, die man ihnen als Hausfrauen und Müttern zollte, von der politischen Emanzipation fern gehalten werden. Ebenso ließen sich Generationen von jungen Männern willig in den Tod schicken, aufgrund der hohen Wertschätzung eines heroischen Männer- und Soldatenideals. Oder aktueller: Auch schlechte Arbeit kann durch bloß symbolische Erhöhung der Anerkennung – etwa indem Arbeitnehmer als kreative "Arbeitskraftunternehmer" betitelt werden – "aufgewertet" werden.

Wie lässt sich also positive Anerkennung von missbräuchlicher unterscheiden? Für Honneth heißt das entscheidende Kriterium "materielle Erfüllung": Bloß ideologische Anerkennung kann dem Autor zufolge leicht erkannt werden – wenn nämlich die materielle Unfreiheit, die sie verdecken soll, faktisch weiter besteht.

Ein weiterer schöner Text am Ende des Bandes diskutiert, warum wir, ungeachtet unseres stark naturwissenschaftlich geprägten Weltbildes, im Angesicht von Todesfällen oft in spiritistische Praktiken zurückfallen – etwa wenn wir am Grab einer jüngst verstorbenen Person mit dieser sprechen zu können meinen. Für den Philosophen stellt ein solches Verhalten eine Herausforderung dar: Schließlich fällt es hinter unsere normalen rationalen Fähigkeiten zurückt. Honneth entwickelt dafür, im Rückgriff auf den Psychoanalytiker Donald Winnicott, die Idee einer sinnvollen "kognitiven Regression" in Kindheitsmuster, die im Dienst der Bewältigung des Lebens steht.

Der Band versammelt außerdem Texte zu Hegel, zur Psychoanalyse und zu vielen theoretischen Anwendungsfeldern, etwa der Theorie der Arbeit oder der internationalen Politik. Axel Honneth verliert bei all dem konkrete gesellschaftliche Fragen nie aus den Augen – nichtsdestotrotz bleiben seine Werkzeuge abstrakt: Begriffe und Kategorie der akademischen Philosophie. Wer das in Kauf nimmt, findet in "Das Ich im Wir" viel Nachdenkenswertes.

Besprochen von Catherine Newmark

Axel Honneth: Das Ich im Wir. Studien zur Anerkennungstheorie
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
308 Seiten, 12 Euro

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