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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.06.2007

Die kongeniale Partnerin Karl Valentins

Gunna Wendt: "Liesl Karlstadt - Münchner Kindl und Travestie-Star", Verlag edition ebersbach, Berlin 2007, 128 Seiten

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Rosemarie Scheitler, Urenkelin des Komikers Karl Valentin, drückt dem Standbild ihres Urgroßvaters auf dem Viktualienmarkt in München einen Kuss auf. (AP)
Rosemarie Scheitler, Urenkelin des Komikers Karl Valentin, drückt dem Standbild ihres Urgroßvaters auf dem Viktualienmarkt in München einen Kuss auf. (AP)

Liesl Karlstadt hieß die Frau neben Karl Valentin. Sie stand als Kapellmeister, Firmling, Vorstadtstritzi oder Trommlerbub auf der Bühne. Unter dem Titel "Liesl Karlstadt - Münchner Kindl und Travestie-Star" ist jetzt eine knapp gefasste Biografie einer der eigenwilligsten Performerinnen der Theatergeschichte erschienen.

Der Dürre und der Dicke, das ist das klassische komische Paar auf Bühne und Leinwand: Pat und Patachon, Laurel und Hardy, Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Beim Auftritt im ersten gemeinsamen Programm war Liesl Karlstadt der Herr Tschthinzscht, chinesischer Salonkomiker:

"Mantsche Pantsche Hon kon Tsching Tschang / Kaifu schin sie Peking gigi wai hai wai / Tschitschi tatschi mokka zippi zippi zappi / Guggi dutti suppi Mongolai."

Nächster Auftritt, nächster Typ:

"Servus miteinander. Mein Name ist Luki, Pflasterervolontär beim Republikanischen Stadt-Magistrat München, nebenbei Coupletsänger."

Ein frecher Bursche mit Schlag bei den Weibern. Liesl Karlstadt war schließlich auch der Herr Arzt:

"Außer einer kleinen Diarrhöe wüsst’ ich eigentlich nix, was Ihnen fehlt. Sie sind vollständig gesund! / Was, gesund bin i? Na, mir wär’s ja genug! Für was bin ich dann bei der Ortskrankenkasse?"

Karl Valentin hatte seine Partnerin gesucht und gefunden. Karlstadt-Biografin Gunna Wendt meint:

"Für Valentin war’s sicherlich günstig, weil das, was er auf der Bühne aufführte, dafür brauchte er eigentlich einen Gefährten, ... und das war Liesl Karlstadt."

Als Liesl Karlstadt 1916 chinesisch sang, war sie 24 Jahre alt. Die Brotbäckertochter war das fünfte von neun Kindern und trug den Namen Elisabeth Wellano. Elisabeth war – wohl auch wegen der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie aufwuchs – eine zielstrebige junge Frau.

"Sie wollte eigentlich Lehrerin werden, war sehr gut in der Schule, aber das war damals völlig unmöglich. Ein Mädchen aus ihrer Schicht, für die war diese Ausbildung überhaupt nicht vorgesehen, und so machte sie das, was eben vorgesehen war, nämlich eine Lehre als Textilverkäuferin, aber es zog sie schon immer auf die Brettlbühnen, und das machte sie dann am Abend."

Gejodelt hat sie und die lustige Sopranistin gegeben, die im "ambulanten" Gewerbe der Wirtshaussänger zu Schweinsbraten und einer Maß Bier die Kameliendame mimte. Und dann kam Karl Valentin.

"Er war damals schon ein Star, er war berühmt und sagte ihr, ... sie sei für eine Soubrette überhaupt nicht sexy genug, und sie schreibt irgendwo darüber, ihre Verehrung in diesen Meister schlug daraufhin in Hass um. Das sollte sich aber auch bald ändern, denn er sagte ihr etwas anderes: Sie sei unheimlich komisch, und das faszinierte ihn."

Es begann eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit Erfolgen auch außerhalb von München. Der Berliner Kritiker Max Hermann-Neiße jubelte anlässlich eines Auftritts in der Hauptstadt: "Nun braucht man die Münchner um nichts mehr zu beneiden." Karl Valentin ging ungern auf Tour und liebte eher die doppelte Sicherheit. Privat blieb er Gatte und Vater, auf der Bühne und dahinter Partner der wandelbaren Liesl. Die hatte mehr Anteil an den gemeinsamen Texten, als allgemein gedacht wird. Gunna Wendt hebt in ihrer gründlich recherchierten Biografie Karlstadts Rolle im Duett hervor. Dadurch ergibt sich auch eine völlig neue Bewertung Valentins. Während er stets der Mann mit festgelegter Schrulligkeit blieb, sprang Liesl Karlstadt von Rolle zu Rolle und gab dem verbalen Schlagabtausch mit ihrem widerständigen Witz Farbe.

Liesl Karlstadt geriet – auch durch Valentins Egozentrik in eine schwere Krise. Im April 1935 versuchte sie, sich umzubringen. Sie kam in die Psychiatrie und wurde einigermaßen stabilisiert. Und dann war Krieg. Liesl Karlstadt fuhr in die von ihr geliebten Berge und entdeckte eine Hütte, in der Gebirgsjäger und ihre Mulis hausten. Denen schloss sie sich an. Als "Gefreiter Gustav" lebte sie dort, als Stabsgefreiter beendete sie ihre offizielle Laufbahn. Gunna Wendt:

"Ich habe in verschiedenen Militärarchiven recherchiert. Immer, wenn ich die Geschichte erzählt habe, merkte ich schon am Telefon, dass die da gedacht haben 'Oh, mein Gott, was erzählt die da von einer Frau unter Gebirgsjägern?' Man fand keine Unterlagen. Man fand aber immer wieder die Briefe von den Kameraden an sie."

Dass Gunna Wendt diesen Spuren beharrlich nachging und diese weithin unbekannte Episode im Leben der Liesl Karlstadt sogar mit Fotos dokumentieren kann, gehört zu den Qualitäten der Biografie. Gunna Wendt verschafft uns Einblick in eine bisher vom übergroßen Valentin verschattete Künstlerinnen-Karriere und bietet zugleich den zeitgeschichtlichen Hintergrund. Außerdem verblüfft sie mit überraschenden Details: Begraben ist Liesl Karlstadt seit 1960 auf dem Alten Bogenhausener Friedhof in München. Gunna Wendt hat das Grabkreuz näher betrachtet, ein rotes Herz mit dem an Lebkuchenherzen erinnernden Schriftzug "Liesl Karlstadt" als Blickfang:

"Es ist wie ein großes Medaillon. Wenn man den Riegel öffnet, und das schöne rote Herz eben aufklappt, findet man ... auf weißem schimmernden Hintergrund den Namen Elisabeth Wellano."

Rezensiert von Jens Brüning

Gunna Wendt: Liesl Karlstadt – Münchner Kindl und Travestie-Star
Verlag edition ebersbach, Berlin 2007
128 Seiten, 14 Euro

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