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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 23.10.2013

Die katholische Kirche muss reformiert werden

Was die geistlichen Würdenträger aus dem Skandal in Limburg lernen sollten

Von Marianne Heimbach-Steins

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Die katholischen Bischöfe bei einer Vollversammlung in Fulda (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Die katholischen Bischöfe bei einer Vollversammlung in Fulda (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Eine Kirche, die sich erneuern will, braucht Machtkontrolle und demokratische Strukturen. Denn wenn ein Bischof "wie ein absolutistischer Fürst" regieren könne, zeige sich ein Systemproblem, meint Marianne Heimbach-Steins.

Über mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit kann die katholische Kirche in Deutschland zurzeit nicht klagen – wohl aber über den Anlass, der ihr einmal mehr so große Beachtung beschert. Daran sind nicht "die Medien" schuld. Zwar ist der Vorwurf einer "Hetzkampagne" gegen den in die Schlagzeilen geratenen Bischof von Limburg nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Nun hat aber der Bischof selbst Information verweigert, die öffentliche Diskussion verhindert, Kritik unterdrückt, die Unwahrheit gesagt. Die Medien sind nicht zuletzt für die gebeutelten Diözesanen, die Gemeindemitglieder als Forum der Aufklärung, der freien Rede und der notwendigen politischen Auseinandersetzung unerlässlich. Damit sind wir mitten im Thema.

Wer kontrolliert die Mächtigen in der katholischen Kirche?

Die nach und nach bekannt gewordenen Informationen – nicht nur über das maßlose Bauen des Bischofs, sondern vor allem über die Entmachtung der Gremien und das Versagen der Aufsichtsorgane im Bistum – zeigen, dass die Limburger Missstände mit Verfehlungen eines oder mehrerer Einzelner nicht zureichend zu erklären sind.

Die Erfahrung, dass Menschen – seien sie Bischöfe, Politiker oder Manager – an ihrer Verantwortung scheitern, provoziert die Frage nach institutionellen Rahmenbedingungen ihres Handelns: Setzen sie der Selbstherrlichkeit, der Verführbarkeit oder der Unfähigkeit Einzelner Grenzen? Wird die Macht, ohne die keine Institution funktioniert, wirksam begrenzt und kontrolliert, wird Machtmissbrauch aufgedeckt und geahndet?

In Limburg wurden vorhandene Instrumente der Kontrolle ausgehebelt. Der Bischof agierte wie ein absolutistischer Fürst. Darin zeigt sich ein Systemproblem. Das monarchische Prinzip, die Zentrierung von Macht und Verantwortung auf den einzelnen Amtsinhaber, macht das Amt sehr anfällig, wenn ein Amtsträger dieser Verantwortung nicht gewachsen ist.

Mit guten Gründen wird politische Macht im demokratischen Rechtsstaat durch Gewaltenteilung kontrolliert und ihre Ausübung zeitlich begrenzt. Das Volk als Souverän wählt die Amtsträger und nimmt an der Machtausübung teil.

Nun wird manch einer einwenden: Ja, aber die katholische Kirche ist eben keine Demokratie. Wohl wahr. Aber zum Selbstverständnis der Kirche gehört die Einsicht, stets erneuerungsbedürftig zu sein – ecclesia semper reformanda. Sie kann ihre Botschaft nur dann glaubwürdig verkünden, wenn sie selbst glaubwürdig ist.

Auch die Kirche braucht Beratung, Transparenz, Kontrolle

Sie wird nicht verhindern können, dass Amtsträger Fehler machen. Aber sie kann und muss die Verantwortungsträger – unter Beteiligung der Gläubigen – klug auswählen. Und das Bischofsamt und alle anderen kirchlichen Leitungsaufgaben müssen in Strukturen eingebettet sein, die Beratung, Beteiligung der Betroffenen, Transparenz und Kontrolle sichern.

Die Limburger Wirren zeigen: Die katholische Kirche kommt nicht daran vorbei, Standards einer gerechten Gesellschaftsordnung, die sie seit langem in ihrer Soziallehre vertritt, auch auf sich selbst anzuwenden. Das gilt auch für die erfreulichen Entwicklungen unter dem neuen Papst: Franziskus gewinnt das Vertrauen der Menschen durch sein persönliches Zeugnis, durch glaubwürdiges Auftreten.

Aber auch er wird als Papst daran gemessen werden, ob es ihm gelingt, den römischen Apparat, die Kurie, zu reformieren, ob er das vormoderne höfische, undurchschaubare Gehabe überwindet und eine professionelle "Regierung" der Gesamtkirche errichtet und gleichzeitig die lokalen Kirchen als eigene Verantwortungsbereiche stärkt.

Marianne Heimbach-Steins (Brigitte Heeke)Marianne Heimbach-Steins (Brigitte Heeke)Marianne Heimbach-Steins ist Professorin für Christliche Sozialethik und Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Im Exzellenzcluster "Religion und Politik" leitet sie das Projekt "Kritik von innen" zu Reformansätzen in der katholischen Kirche.

Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören u.a. Fragen der Religionspolitik und Religionsfreiheit, der Menschenrechtsethik und der Geschlechtergerechtigkeit. 2012 veröffentlichte sie im Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) ein Buch zum Thema "Religionsfreiheit. Ein Menschenrecht unter Druck".

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