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Lesart | Beitrag vom 06.10.2017

Die kanadische Autorin Margaret AtwoodEine hellsichtige Mahnerin

Von Tobias Wenzel

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Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood (2014) (imago stock&people)
Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood (2014) (imago stock&people)

Am 15. Oktober wird Margaret Atwood mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Es ist ein Preis, der zu ihr passt: In ihren Texten prangert Margaret Atwood immer wieder auch soziale Ungerechtigkeit an. Unser Autor Tobias Wenzel hat diese außergewöhnliche Frau in Toronto getroffen.

Margaret Atwood, eine zierliche Frau mit wachen, hellgrauen Augen, sitzt in einem Café in Toronto, trinkt mit einem Strohhalm frisch gepressten Organgensaft und äußert sich zur Frage, ob es ungerecht wäre, wenn sich jemand, der warme Füße hat, weigert, die kalten Zehen des Partners zu wärmen.

"Es könnte nicht gerade auf Begeisterung stoßen. Es ist das gute Recht des Kapitalgebers, das Kapital der Wärme nicht abzugeben. Er kann nein sagen. Oder aber: 'Ich werde deine Zehen wärmen. Aber dafür musst du ...' Und dann kommt die Bedingung."

Um verständlich zu machen, was im Kern finanzielle Schulden sind, hat die kanadische Autorin in ihrem Sachbuch "Payback" augenzwinkernde wie anschauliche Beispiele aus dem Alltag und der Literaturgeschichte angeführt. Margaret Atwood ist – das wird oft vergessen – eben nicht nur eine weltweit gelesene Autorin von Romanen wie "Der blinde Mörder", für den sie 2001 den Booker Prize erhielt, sondern auch eine brillante Essayistin, die mit ihrem messerscharfen Verstand ungewöhnliche Analogien ausmacht und überraschende Schlussfolgerungen zieht. Zum Beispiel, dass Jesus Vegetarier gewesen sein muss, weil sich in der Bibel keine Stelle findet, die beschreibt, wie er Fleisch isst. 1939 wurde Atwood im kanadischen Ottawa geboren, als Tochter eines Insektenforschers.

"Er war ein Forst-Entomologe. Das heißt, er beschäftigte sich mit Insekten, die im Wald zu finden sind. Ich bin also praktisch im Wald aufgewachsen. Mein erster Roman, den ich mit sieben Jahren schrieb, handelt vom frühen Leben einer Ameise. Das war allerdings frei von Konflikten und Spannung. In einem Ameisenei oder einer Ameisenpuppe passiert nämlich nicht viel. Deshalb lasse ich heute meine Romane nicht mehr so beginnen wie meinen ersten. Ich brauche Handlung, keine Eier."

"Ich beschreibe nur, was wir schon tun"

Und was für eine Handlung! In ihrer Science-Fiction-Trilogie "MaddAddam", bestehend aus den Romanen "Oryx und Crake", "Das Jahr der Flut" und "Die Geschichte von Zeb", entwirft Atwood ein dystopisches Szenario. Die Welt ist aufgeteilt in das Land der Privilegierten einerseits, der Großkonzerne, die mit privaten Sicherheitsleuten die Macht übernommen haben, und in ein sogenanntes Plebsland andererseits, wo Arme in Slums dahinvegetieren. Bis eine Pandemie fast alle Menschen umbringt. Die letzten Überlebenden treffen aufeinander, und selbst Mitglieder einer vegetarischen Umweltsekte erliegen der Versuchung, transgene Schweine zu jagen.  

"Ich beschreibe nur, was wir entweder schon tun oder tun könnten. Das gilt schon für 'Oryx und Crake', den ersten Teil der Trilogie. Da arbeiten Forscher bereits an Dingen, die mittlerweile realisiert sind. Vielleicht denken Sie, ich hätte die Cyber-Insekten frei erfunden, denen ein Nanochip, eine Spionagevorrichtung, implantiert wurde. Das habe ich nicht erfunden. Zurzeit wird daran geforscht. Wenn Sie schon bald an der Wand eine Fliege bemerken, könnte die Fliege Sie ansehen und aufzeichnen. Und Sie könnten sie gar nicht von einer richtigen Fliege unterscheiden."

Margaret Atwood ist eine hellsichtige Mahnerin. Im Roman "Der Report der Magd" von 1985, mit dem sie international bekannt wurde und der nun als Fernsehserie umgesetzt ist, entwirft sie das Zukunftsszenario eines von Männern dominierten totalitären Systems, in dem die Frauen nur zum Kinderkriegen da sind. In einer Zeit, in der US-Präsident Donald Trump auch noch auf seinen Sexismus stolz ist, wirkt das aktueller denn je. Genauso wie die in einigen ihrer Texte geschilderte Umweltzerstörung. Margaret Atwood ärgerte sich, dass sie zu Signierstunden mit dem umweltschädlichen Flugzeug reisen musste. Also erfand sie den so genannten "long pen", den "langen Stift", und gründete eine Firma, um ihn zu entwickeln.

"Man kann mit dem 'long pen' Signierstunden aus der Ferne machen. Aber wichtiger ist er für Regierungen, die dringend eine Unterschrift auf einem Dokument benötigen, aus der Ferne. Mit dem 'long pen' würden viele Flüge überflüssig. Er ist eine umweltfreundliche Erfindung."

Vorfreude auf das Leben nach dem Tod

Margaret Atwood hat kein Auto. In Toronto, wo die studierte Literaturwissenschaftlerin seit Jahren lebt, nutzt sie konsequent öffentliche Verkehrsmittel oder geht zu Fuß. Zum Erstaunen vieler, die das keiner derart erfolgreichen Autorin zutrauen. Einer Frau, die sich sogar schon auf das Leben nach ihrem Tod freut:

"Das Erstaunliche am Schreiben ist, dass es Stimmen aufzeichnet. Eine bedruckte Seite ist wie eine Partitur. Wenn man sie liest, ist es, als erklänge wieder diese Stimme. Auch die Stimme von Menschen, die schon einige hundert Jahre tot sind. Es ist, als wären sie mit uns im selben Raum. Insofern sind die Autoren, die auf diesem Weg mit ihren Lesern sprechen, nicht tot. Sie leben, weil wir sie lesen."

Insofern wird Margaret Atwood wohl quicklebendig sein, wenn sie einmal tot ist. Den Tod selbst fürchtet sie nicht. Und das Sterben bekomme sie schon hin, sagt sie.

"Für mein Ende will ich eine hohe Dosis Schmerzmittel! Jede Menge Schmerztabletten! Wozu leiden?! Manchmal werde ich gefragt: 'Wie ist das, älter zu werden?' Meine Antwort: 'Jedenfalls besser als die Alternative.'"

97 Jahre alt wurde ihre Mutter. Mit vergleichsweise jungen 77 Jahren nimmt Margaret Atwood in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Der Preis passt zu ihr. Denn in ihren Romanen und Sachtexten prangert Margaret Atwood direkt oder indirekt soziale Ungerechtigkeit an, die Benachteiligung der Frauen, die Hybris des Menschen und die Umweltzerstörung, in der Hoffnung, dass die Zukunft eine friedlichere und intaktere Welt bringt als die in den von der Autorin entworfenen Endzeitfantasien.

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