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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.08.2016

Die "Identitäre Bewegung"Gegen alles, was anders ist

Von Thomas Klug

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Die "Identitäre Bewegung" ist eine rechtsextreme Strömung mit Wurzeln in Frankreich. (Imago)
Die "Identitäre Bewegung" ist eine rechtsextreme Strömung mit Wurzeln in Frankreich. (Imago)

"Wir stehen bereit für die Rückeroberung!", heißt es im Werbefilm der rechtsextremen "Identitären Bewegung". Sie will keine Diskussion, sondern einen Ausstieg aus der Konsenskultur. Der Tenor: Wir gegen die Anderen.

"Jugend leistet Widerstand. Unsere Fahne, unser Land."

"Langfristig ist natürlich unser Ziel, als patriotische NGO, das Greenpeace von patriotischer Seite, etabliert sind, dass wir eine legitimierte Meinung im öffentlichen Diskurs darbieten können und das unsere Ansichten nicht mehr als diskreditierend dargestellt werden können, sondern Patriotismus tatsächlich ein gesellschaftlicher Wert wird."

Greenpeace, die NGO, die Nichtregierungsorganisation mit dem guten Namen. Ein gutes Vorbild. Daniel Fiß schwärmt von den Aktionen von Greenpeace. Von den Zielen schwärmt er nicht. Er ist 23 Jahre alt und studiert Politik und Philosophie an der Universität Rostock. Daniel Fiß ist stellvertretender Pressesprecher einer Gruppe, die sich "Identitäre Bewegung" nennt.

"Das Gegenangebot besteht darin, dass wir eben die Welt der Völker und der Kulturen predigen, der so genannte Ethnopluralismus und dass wir halt glauben, dass jedes Volk, jede Nation sich auch zur eigenen Identität schamlos und komplexbefreit bekennen kann."

"Reconquista, Reconquista"

Reconquista. Der Begriff steht für die christliche "Rückeroberung" muslimischer Territorien.

"Die Reconquista das bezieht sich eben auf die kulturelle Hegemonie. Die kulturelle Hegemonie die liegt derzeit in den eher linksliberalen Spektrum, was halt die Universitäten, was den Kulturbetrieb, was den Theaterbetrieb schon in gewisser Weise dominiert. Da wollen wir eben eine Gegenkultur schaffen."

"Heimat, Freiheit, Tradition. Multikulti Endstation."

Ableger des rechtsextremen Blocs identitaire in Frankreich

"Die 'Identitäre Bewegung' ist ein Ableger des rechtsextremen Blocs identitaire in Frankreich. Tritt in Deutschland und Österreich seit ungefähr 2012 auf und versucht, durch schrille Aktionen auf sich aufmerksam zu machen und sie hat ein Leitmotiv, das ist der Kampf gegen den großen Austausch, so nennen die das."

Die Publizistin Liane Bednarz, Autorin des Buches "Gefährliche Bürger"

"Der große Austausch ist die herbeifantasierte, groteske Idee, dass das deutsche Volk ausgetauscht werden solle durch Ausländer und Migranten und dann irgendwann ausstirbt. Die 'Identitäre Bewegung' macht jetzt Kampagnen. Sie arbeitet sehr eng zusammen mit Götz Kubitschek und wird auch immer hemmungsloser."

Götz Kubitschek gilt als Vordenker der "Neuen Rechten" und ist federführend beim Export der "Identitären Bewegung" von Frankreich nach Deutschland.

"Klar, wir haben zu Herrn Kubitschek Kontakte und gibt da auch eine gemeinsame Zusammenarbeitsbasis. Aber ich glaube auch trotzdem, dass die Neue Rechte oder das patriotische Milieu ja auch plural organisiert ist. Bei uns gibt es ja auch verschiedene Ansichten, verschiedene Auffassungen, ob es in Wirtschaftsfragen ist, in Drogenpolitik o.ä. Da lassen wir ja auch einen Binnenpluarlismus bei uns zu."

Die "Identiären" sagen, dass sie sich von den Rechtsextremen abgrenzen.

"Selbst Leute, die in diesem Lager früher gewesen sind, haben wir nicht irgendwie aufgenommen, bevor eine ideologische Reflexion stattgefunden hat, haben wir die nie aufgenommen und werden wir auch in Zukunft nicht aufnehmen. Die Abgrenzung zur alten Rechten und zu Leuten, die sich offen oder konkludent zur nationalsozialistischen Ideologie bekennen – das lehnen wir ganz klar ab."

Das sagt Daniel Fiß. Vor wenigen Jahren war er selbst noch Mitglied der Jugendorganisation der NPD.

Werbefilm-Ausschnitt: "Unser Europa liegt im Sterben. Unsere Zukunft ist bedroht. Was in anderen Ländern normal ist, wird von unseren Regierenden gefährdet."

Ein Werbefilm für die "Identitären": Junge Menschen in Nahaufnahme sagen Parolen auf:

Werbefilm-Ausschnitt: "Ihr liebt und fördert das Fremde. Und hasst und bekämpft das Eigene."

Gegen Linke, Liberale - und alle etablierten Parteien

Es soll um die eigene Identität gehen, die geschützt werden soll. Es ist ein einfältiges Weltbild mit dem Tenor: Wir gegen die Anderen. Gegen Linke. Gegen Liberale. Überhaupt gegen etablierte Parteien. Und gegen etwas, was sie "Vermischung der Kulturen" nennen.

"Dann sehen wir, dass die aktuelle Masseneinwanderung und auch die Islamisierung, die daraus resultiert, ganz klar, dazu führt, dass unsere Recht auf das Eigene, unsere Identität schrittweise verdrängt wird. Was auch aus dem Kontext zusammenhängt, dass es nicht der Islam ist, der unsere Identität direkt bedroht, sondern dass die Deutschen, die Europäer nicht mehr in der Lage sind, eine eigene Identität, einen eigenen kulturellen Begriff von sich selbst zu definieren. Das ist die Schwäche, die ein Vakuum hinterlässt, was jetzt von einer stärkeren Identität, in dem Fall des Islams, ausgefüllt wird."

Daniel Fiß redet von Kulturen, von Patriotismus und von Sprechverboten, die es gäbe. Hannes, der Regionalleiter der "Identitären" aus Mecklenburg-Vorpommern, sieht diese Sprechverbote auch. Seinen Nachnamen will er nicht nennen:

"Es öffnen sich immer mal Fenster, das war nach der Silvesternacht in Köln so, wo man mal Sachen sagen kann, die man vorher nicht hätte sagen können, so ohne weiteres."

Thesen über Ursachen und Problemen von Zuwanderung werden und wurden allerdings schon oft diskutiert, zum Beispiel als das Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" erschien. Dutzende Talk-Shows und Leitartikel befassten sich damit. Doch die "Identitäre Bewegung" glaubt an ein Sprechverbot. Die "Identitäre Bewegung" will jedoch gar nicht sprechen: In ihrem Werbefilm heißt es:

"Unser Ziel ist keine Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform. Wir wollen nicht mitreden, sondern eine andere Sprache."

Das heißt auch, dass, was die "Identitären" den "großen Austausch" nennen soll beendet werden. Wer ihrer Meinung nach nicht nach Europa gehört, soll verschwinden. Ist das die neue Sprache, die sie wollen? Oder ist das eher Gewalt?

Werbefilm-Ausschnitt: "Wir lassen uns nicht von den multikulturellen Dogmen disziplinieren. Wir stehen bereit für die Rückeroberung!"

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