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Lesart | Beitrag vom 17.05.2018

Die BuchberaterEin Roman für Sie persönlich

Von Julia Riedhammer und Kolja Mensing

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In einem stillen kleinen See spiegelt sich die grüne Landschaft wider. (imago stock&people)
Leben auf dem Land: Die Sehnsucht unserer Hörerin Yvonne H. spiegelt sich auch auf dem Buchmarkt wider. (imago stock&people)

Unsere Buchberater haben maßgeschneiderte Leseempfehlungen für Sie: Für die naturverbundene Yvonne H. aus Dresden haben sich Julia Riedhammer und Kolja Mensing bei der Suche nach dem passenden Roman so richtig ins Zeug gelegt.

"Ich bin eine richtige Kräuterhexe"
Name: Yvonne H.
Alter: 39 Jahre
Wohnort: Dresden
Beruf: Körpertherapeutin
Interessen: Frauenthemen, Natur, Leben auf dem Land, Garten
Gute Texte: Charlotte Roche "Verlasst die Städte" (Magazin der Süddeutsche Zeitung 9.5.2016), Zsuzsa Bánk "Die hellen Tage", S. Fischer, 544 Seiten, Taschenbuchpreis 11 Euro; Tom Robbins "Pan Aroma", Rowohlt, 560 Seiten, Taschenbuchpreis 12 Euro

Empfehlung von Julia Riedhammer:

Bei meiner Empfehlung bin ich zwei Spuren gefolgt: Yvonnes Faible für Naturthemen und ihrem "absoluten Lieblingsbuch" von Zsuzsa Bánk "Die hellen Tage". Darin erzählt sie von drei Kindern, später jungen Erwachsenen, die alle einen Verlust erlebt haben und deshalb auf der Suche sind. Eindrücklich sind die Szenen und Bilder, die Zsuzsa Bank entwirft: Von der Natur, roten Zehennägeln auf grüner Wiese, dazu ein paar blaue Flecken auf Schienbeinen. Nahaufnahmen, die sich einbrennen.

Ganz ähnlich erzählt die tschechische Schriftstellerin Bianca Bellová. "Am See" heißt ihr Roman, in dem es um Nami geht, einen Jungen, der bei seinen Großeltern aufwächst. Als früheste Kindheitserinnerung hat er ein Bild vor Augen. Seine Mutter, die einen Bikini trägt: drei Dreiecke, dazu der Geruch von Haut im Sommer. Doch die Mutter verschwindet, zurück bleibt eine Leerstelle. Der Junge wächst in einem Anti-Idyll auf.

Der Großvater ist ein alter Haudegen, die Großmutter trinkt und der See, an dem sein Dorf liegt, bringt statt Leben und Frische Übelkeit und Ekzeme auf der Haut. Das Wasser ist, wie auch die Atmosphäre an diesem Ort, vergiftet. In einer schlichten, aber ungeheuer bildreichen Sprache erzählt Bianca Bellová, wie Nami sich auf Suche nach seiner Mutter macht und nebenbei erwachsen wird. Ein unglaublich starker Roman und meine Empfehlung!

Bianca Bellová: Am See
Aus dem Tschechischen übersetzt von Mirko Kraetsch, Verlag Kein & Aber, Zürich 2018
240 Seiten, 20 Euro

Empfehlung von Kolja Mensing:

Ich bin auf das Stichwort "Leben auf dem Lande" angesprungen. Den Artikel von Charlotte Roche im SZ-Magazin – "Verlasst die Städte" – habe ich auch gelesen, und, klar, stimmt ja auch: Im Moment wollen wieder einmal alle hinaus ins Grüne.

Diese Sehnsucht schlägt sich auch auf dem Buchmarkt nieder. Ich selbst bin allerdings kein ganz so großer Freund des neuen deutschen Dorf-und-Provinz-Romans: Dörte Hansens "Altes Land" oder Juli Zehs "Unterleuten", das ist mir alles viel zu überladen mit historischen oder gesellschaftlichen Diskursen.

Ich bin darum ganz froh, dass Yvonne Haase mit dem Stichwort "Tom Robbins" die Tür in Richtung Amerika öffnet. Die schönsten Geschichten über das Leben jenseits der großen Städte hat meiner Meinung nach nämlich Kent Haruf erzählt, ein bereits verstorbener amerikanischer Schriftsteller.

Haruf hat eine ganze Reihe von Romanen über eine fiktive, im Mittleren Westen gelegene Kleinstadt namens Holt geschrieben. Auf Deutsch ist zuletzt "Lied der Weite" erschienen, ein rührender Roman über eine Teenagerin, die ein Kind erwartet, zwei wortkarge Brüder, die ihr Leben lang gemeinsam eine Farm bewirtschaftet haben, und eine Mutter, die unter Depressionen leidet und ihre Familie verlässt.

Die Schicksale dieser Figuren sind alle eng miteinander verbunden – so eng, wie das eben nur auf dem Land oder in einer Kleinstadt geht. Kleine Verhältnisse, große Gefühle. Meine Empfehlung!

Kent Haruf: Lied der Weite
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Rudolf Hermstein.
Diogenes Verlag , Zürich 2018
384 Seiten, 24 Euro

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