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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.12.2014

"Die Bienen" von Laline PaullAus dem Inneren des Bienenstocks

Vor Johannes Kaiser

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Eine Honigwabe mit Arbeitsbienen (picture-alliance/ ZB)
Eine Honigwabe mit Arbeitsbienen (picture-alliance/ ZB)

Eine Biene als Hauptprotagonistin eines Romans? - Seit den Kinderbuchabenteuern der Biene Maja hat das kein Schriftsteller mehr gewagt. Jetzt ist es erneut geschehen und überzeugt auf ganzer Linie – diesmal allerdings als Buch für Erwachsene.

Die englische Schriftstellerin Laline Paull hat sich als ihre Romanheldin die Bienen-Arbeiterin Flora 717 gewählt. Allerdings wird schon auf den ersten Seiten klar, dass dies keine gewöhnliche Biene ist. Obwohl sie zur untersten Kaste der Bienen gehört, kann sie sprechen. Für eine Hygienearbeiterin ist das außergewöhnlich. Die sind dafür zuständig, Schmutz und tote Bienen zu beseitigen.

Es gibt ganz klare Hierarchien in dieser Bienengesellschaft, an deren oberster Stelle die Königin steht. Sie verströmt eine Duftwolke, die sämtliche Bienen glücklich und zufrieden macht. Es ist die königliche Liebe. Sie ist das Lebenselixier aller Bienen. Ohne diese Duftmoleküle bricht Chaos im Stock aus.

Düfte jeglicher Art spielen in der Kommunikation der Bienen untereinander überhaupt die entscheidende Rolle. Jede Sippe hat ihre eigene Duftmarke entsprechend ihrer Funktion. Sie wissen genau, wem sie Gehorsam schulden. Zuwiderhandlungen werden hart bestraft. Widerspruch ist nicht erlaubt. Die Rangunterschiede sind eindeutig festgelegt. An der Spitze die Königin und ihre Priesterinnen, ganz unten die Hygienearbeiterinnen. Kann eine Biene ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen, weil sie zu alt geworden ist, bittet sie um den Tod.

Metapher über eine autoritäre Gesellschaft

Laline Paulls Beschreibung eines Bienenstocks beruht auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Aufgabenteilung der Bienen, ihre Hierarchien, ihr Brut- sowie ihr Schwarmverhalten. Doch das Denken, Fühlen, Handeln, das ganze Ambiente wie Kantine, Kinderstube, Schlafsäle, Bibliothek - das alles ist ihrer blühenden Fantasie entsprungen. So bestimmten Duftmarkierungen die Gedanken der Bienen. Sie kommunizieren zum Beispiel über ihre Antennen miteinander, tauschen so Befehle und Gefühle aus, geben Erfahrungen und Wissen weiter.

Flora 717 passt in keine der vorgegebenen Rollen, denn sie sieht nicht nur größer, stärker, intelligenter als ihre Schwestern aus, sondern sie übernimmt auch Aufgaben, die sie eigentlich gar nicht ausüben darf: Sie wird Sammlerin und fliegt los, neue Nahrungsquellen zu erschließen. Dabei erlebt sie aufregende Abenteuer und entgeht immer wieder knapp Todesgefahren, ob das Wespen oder Spinnen sind, fleischfressende Pflanzen oder pestizidverseuchter Raps. Die größte Gefahr droht ihr allerdings von ihren Schwestern, denn Flora 717 kann Eier legen und das ist ein Irrtum der Natur, absolut verboten. Flora 717 gerät in immer größere Schwierigkeiten.

Man kann den Roman als Metapher über Außenseiter in einer autoritären Gesellschaft verstehen, über die Folgen intellektueller Rebellion gegen blinden Gehorsam. Laline Paull zeigt die Ambivalenz zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit in einer Gemeinschaft, selbst wenn sie totalitäre Züge trägt und dem Drang nach Freiheit, nach Selbstverwirklichung. Man kann das Buch aber auch einfach als aufregende Abenteuergeschichte genießen. Sie ist auf alle Fälle ein Lesevergnügen.

Laline Paull: Die BienenAus dem Englischen von Hannes Riffel
Klett-Cotta Verlags-Anstalt, Stuttgart 2014
346 Seiten, 19,95 Euro

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