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Sonntag, 20.05.2018
 
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Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 16.05.2008

Die Arschkarte ziehen …

Diesmal geht es um die Redensarten: Die Arschkarte ziehen, Jemanden ins Abseits stellen, Jemandem eine Steilvorlage geben, Butter bei die Fische geben, Aus die Maus, Nichts für ungut u.a.

Die Arschkarte ziehen

Heutzutage bleibt der Arsch auf hochsprachlicher Ebene eher in der Hose, doch in diesem Fall hier zieht man schon mal selbst dort die unverblümte Redeweise vor.
Ein Zusammenhang mit dem Fußballspiel lässt sich leicht herstellen, und tatsächlich befindet sich die schlimmere der beiden Karten, die ein Unparteiischer ziehen kann, um tadelnswertes Verhalten auf dem Platz zu bestrafen, in seiner Gesäßtasche. Warum? Manche meinen, es liege am Schwarzweiß-Fernsehen, das die Farben zu wenig deutlich habe darstellen können, doch es hat pragmatische Gründe. Der Schiedsrichter sollte erstens nicht aus Versehen die falsche Karte ziehen, weswegen sie in je eigene Taschen verstaut wurden. Die einfache Verwarnung in Gelb kam in die leicht zu erreichende Hemdtasche, die rote, viel schwererwiegende kam in die hintere Hosentasche. Beim Greifen nach der entfernteren Karte konnte sich der Schiedsrichter auch noch überlegen, ob er wirklich so drastisch werden wollte.
Jetzt bleibt das Problem bestehen, dass in der Redewendung ein Schiedsrichter gar nicht vorkommt, sondern jemand, der einen Griff ins Klo getan hat, selbst die Arschkarte zieht. Um das zu verstehen, muss man an die vielfältigen Losverfahren denken, ob es sich dabei um kürzere oder längere Hölzchen, Hälmchen oder eben bessere oder schlechtere Karten handelt. Jemand, der den kürzeren gezogen hatte, war am Arsch bzw. auch der Arsch, der Bedauernswerte also, der das Unangenehme zu tun hatte.
Die Verbindung von "ein übles Los / eine schlechte Karte ziehen" mit der roten Karte, die einen vom Platz stellte, lag dann nahe.

Jemanden ins Abseits stellen / ins Abseits geraten

Eigentlich handelt es sich um ein unschuldiges Wörtlein, das nur bedeutet, dass sich etwas entfernt von einem Bezugspunkt befindet. Allerdings möchte man natürlich lieber im Mittelpunkt stehen als abseits. Schon Goethe dichtete: "Aber abseits wer ist’s? / Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad." Das klingt nicht lustig. Wer also "ins Abseits gestellt" wurde oder "ins Abseits geriet", der war gleichsam raus aus dem Spiel oder zumindest weit davon entfernt, in es einbezogen zu werden.
Ins Abseits konnte man also schon lange vor den Fußballregelerneuerern geraten, aber seit die Regel eingeführt wurde und nimmermüde Debatten im Allgemeinen und im Einzelfall auslöst, verbindet man neue Gedanken mit dem alten Ausdruck, schließlich ist es dem Spieler, der in die Abseitsfalle läuft, sehr peinlich, wenn er so den Angriff seiner Mannschaft zum jähen Ende verdammt.

Jemandem eine Steilvorlage geben

Glücklich der Stürmer, in dessen Lauf hinein sein Mitspieler auf kürzestem Weg den Ball direkt oder eben anders gesagt steil spielt, also nicht zur Seite oder schräg, so dass er den solchermaßen perfekt Vorgelegten nur noch mit geschickten Fuß weiterbefördern muss, dorthin, wo er es am liebsten sieht: das Runde im Eckigen.

Butter bei die Fische geben

So sagt man zu jemandem, der zum Punkt kommen, vor allem aber wesentlich werden oder sich endlich nach Kräften engagieren soll. Ursprünglich hieß der Ausdruck "Butter bei de Fische haben" und kam aus norddeutschen Landen, wo nur die Artikel "de" und "dat" gebräuchlich waren. Das "die Fische" – grammatikalisch schlicht falsch – ergab sich also wohl aus der Unsicherheit der Norddeutschen in Fragen des persönlichen Artikels. Wer sich Butter zum Fischgericht leisten konnte, der war wohlhabend, denn dieses Fett war teuer. Weil die Butter dem Fischessen aber zur Vollendung verhalf, konnte sich der Ausdruck wandeln. Ohne Butter fehlte dem Ganzen nun etwas. Deshalb konnte man jemanden auffordern: "Nun gib mal Butter bei die Fische!" Dass umgangssprachliche oder dem Dialekt geschuldete Eigenheiten auch in anderen Regionen fortbestehen, ist kein seltener Fall, wie man bei "Nachtigall, ik hör dir trapsen" sehen kann.

Aus die Maus

Selbst eine so beliebte Sendung wie die mit der Maus muss einmal enden, doch der Spruch ist wesentlich älter und das Tier war früher ganz und gar unbeliebt, geradezu gefürchtet. Die Maus gehörte zu den schlimmsten Nahrungsschädlingen überhaupt, war nicht so leicht zu fangen und wurde auch deshalb – wie die Ratten – mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Der Hang des Volksmunds für den Reim kam dazu. Man denke nur an Ausdrücke wie "Borgen bringt Sorgen", "wie der Herr, so das Gescherr", "Lass das, ich hass das!". Wenn man nun also eine Maus trotz ihrer Klugheit zur Strecke gebracht hatte, lag das triumphierend lakonische "aus die Maus" auf der Hand. Von hier entwickelte es sich als mehr oder weniger ironischer Ausdruck für ein Ende ohne Wenn und Aber.

Nichts für ungut

Höflichkeit ist eine Zier, doch besser geht es ohne ihr, heißt es. Meistens behelfen wir uns im Alltag mit einer Mischung aus beidem. Um unverblümtes Klartextreden doch etwas abzuschwächen, ist die indirekte Formulierung und die Verneinung ein probates Mittel. Hat man also jemandem die Meinung gegeigt, will aber nicht alle Brücken abbrechen, dann setzt man hinzu: "nichts für ungut". Das heißt natürlich: "Nehmen Sie es mir bitte nicht übel!" "Ungut" bedeutet "schlecht", klingt aber netter. Der Satz ließe sich so formulieren: "Nehmen Sie nichts davon für etwas Ungutes" oder: "Ich meine es grundsätzlich gut, musste in diesem Punkt aber deutlich werden."

Mir ist so blümerant / plümerant

Da schwinden jemandem fast die Sinne, ihm wird schwindlig, doch was blüht ihm? Nichts! Der hugenottische Einfluss in preußischen, besonders in Berliner Landen macht sich in dem Ausdruck bemerkbar. Das Ausgangswort hieß "bleu mourant" und bezeichnete unser Wort "blassblau". Die Farbe wurde im 17. Jahrhundert derartig beliebt, das sie schon nervte, das Wort traf man dementsprechend auf Schritt und Tritt. Im Berlinischen, das zu Scherz und Spott aufgelegt ist, konnte sich die französische Wendung – durch den Wolf der Umgangssprache gedreht – zu einer Körpergefühlsäußerung entwickeln, da man die Blässe dessen, der sich schlecht fühlt mit dem Modewort noch blässer machte. Das lag doppelt nahe, müsste man "bleu mourant" ja mit "sterbensblau" übersetzen, was unserem "sterbenselend" wiederum sehr nahe ist.

Des Pudels Kern

Wenn man mit Geflügelten Worten zu tun hat, kann man ohne Bedenken behaupten: Das ist aus Goethes "Faust", aus Schillers Balladen oder aus Shakespeares "Hamlet". Daher hat man 67 % der geläufigsten von ihnen. In diesem Fall sind wir bei "Faust". Der unternimmt mit seinem Famulus Wagner den berühmten Osterspaziergang. Um sie her läuft in einiger Entfernung ein Pudel, der eine Art feurige Aura um sich her verbreitet. Der Hund folgt Faust sogar in seine Studierstube. Dem Gelehrten kommt das Tier nicht ganz koscher vor, weshalb er – mit allen magischen Wassern gewaschen – Zaubersprüche murmelt, die tatsächlich zu einer Entpuppung führen. Der Pudel wird zu dem Teufel Mephisto, der sich in studentischer Kleidung präsentiert. Faust kommentiert das mit: "Dies also war des Pudels Kern, / ein fahrender Scholar. / Der Kasus macht mich lachen." Und von hier aus übertrug sich das Zitat auf jede Erkenntnis über den wahren Hintergrund einer Sache. Man weiß, was dahintersteckt oder – wie in diesem Fall – darin.

Iss auf, sonst kriegt’s der Schaffner!

So schnell kann man selbst Sprichwörter in Umlauf bringen, jedenfalls in kleinen Kreisen. Man fährt als Kind mit den Eltern im Zug. Andere Eltern im Abteil haben ihre liebe Müh mit ihrer Brut und deren Ess-Unlust, weshalb die Mutter droht: "Iss auf, sonst kriegt’s deer Schaffner!" Wahrscheinlich hat sie den Satz nur grad so vor sich hingesagt, aber die unbeteiligte Familie nimmt ihn als Sprichwort auf und verwendet ihn fortan als privates Geflügeltes Wort. Die Bildung entspricht natürlich den vielfältigen Aufess-Drohungen, die teils schon sehr alt sind: "Iss auf, sonst kommt der Schwed’ / frisst dich der Riese."

Du hast doch nicht mehr alle Latten am Zaun!

"Du hast doch nicht mehr alle Nadeln an der Tanne!": Vollständigkeit ist eine schöne Sache. Wenn etwas fehlt, spürt man den Mangel sofort. Zum Beispiel den beim Denken. Deshalb gibt es eine Unmenge Sprüche, die unsinniges Reden oder Tun mit der Unvollständigkeit der fünf Sinne in Verbindung brachten. Da gab es: "Du hast ja nicht mehr alle Sinne beisammen." Und: "Du hast nicht mehr alle Tassen im Schrank." Oder eben die obigen zwei. Immer ist klar, der Angesprochene ist unvollständig klug, ja sogar vollständig dumm.

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