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Sein und Streit | Beitrag vom 07.01.2018

Die antiautoritäre RevolteWie autoritär waren die 68er?

Philipp Felsch im Gespräch mit Christian Möller

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Studentenführer Rudi Dutschke  (picture alliance/dpa/Foto: Rapp)
Der deutsche Studentenführer Rudi Dutschke (M) und seine Ehefrau Gretchen (l) bei einer Demonstration. (picture alliance/dpa/Foto: Rapp)

Sie wollten die Welt verändern und autoritäre Strukturen abschaffen. Doch innerhalb der Bewegung gab es durchaus autoritäre Strömungen, die für Konflikte sorgten, erklärt Kulturwissenschaftler Philipp Felsch.

Die umfassende Liberalisierung der Gesellschaft ist für den Kulturwissenschaftler Philipp Felsch der größte und andauernde Verdienst von 1968 gewesen. Allerdings sei diese Folge von 1968 nicht unbedingt von den Akteuren damals so intendiert gewesen, denn "mit dem Liberalismus hatten sie durchaus ihre Probleme".

Die Rechten verdammten heute 1968 als Ursprung dieser Liberalisierung und als "Anfang vom Ende Deutschlands". Zugleich seien aus der 68er-Protestbewegung Formen der Systemkritik hervorgegangen, an die die Rechten heute bewusst anschließen.

Kritik am Bürgertum

Für die philosophische Legitimation der Studentenbewegung habe das Genre der "Theorie" eine zentrale Rolle gespielt. Dabei habe sich ihr zukunftsgewandter, revolutionärer Impetus allerdings eher an der Vergangenheit orientiert, an Denkern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.  Innerhalb dieses theoriebasierten, antibürgerlichen Protests seien zwei Strömungen zu unterscheiden, die je auf ein anderes Verständnis des "Bürgers" abzielten: Einerseits eine ökonomiekritische Strömung, in der Tradition von Karl Marx, die den Bürger als "Bourgeois", als herrschende Klasse, kritisierte. Andererseits eine "Künstlerkritik", zurückgehend bis zu Friedrich Nietzsche, die den Bürger als "Philister" verachtete, erklärt Philipp Felsch:

"Da ging es um Formen des Protests, wo das Bürgertum ohne diesen ganzen marxistischen, geschichtsphilosophischen Überbau kritisiert worden ist und für die Protestformen von '68 ist diese Tradition fast noch wichtiger."

Theoriebesessenheit

Gerade im Falle der ersten Strömung lasse sich regelrecht von einer "Theoriebesessenheit" sprechen. Dieser unbedingte Glaube erkläre sich aus der geschichtsphilosophischen Grundierung vieler der rezipierten Theorien, die sich über Marx bis zu Hegel zurückverfolgen lasse und den Anhängern dieser Theorien eine besondere Legitimation verschaffte, "indem sie sich im Einklang mit der Geschichte wähnten. Das ist ja letztendlich der Trick dieser Theorien, dass sie eine bestimmte historische Tendenz voraussagen."

Marx habe seine Theorie regelrecht als Naturgesetz formuliert: "Deshalb steckt im Marxismus natürlich auch ein ganz extremer Vernunft- und Wissenschaftsglaube." Die Kritik am Bürger als "Philister", hingegen, habe überhaupt nicht auf Vernunft und Wissenschaft gesetzt, sondern auf "befreiende, künstlerische, subversive Aktionen". Im Großteil der von den 68ern rezipierten Theorien "vermischen sich genau diese beiden Traditionslinien auf eine teilweise sehr schwer auseinanderzuhaltende Art und Weise."

Die Selbstgewissheit, mit der nicht nur Rudi Dutschke auftrat, erkläre sich unter anderem aus dieser Vermischung, so Philipp Felsch:

"Auf der einen Seite dieser Aufruf zur direkten Aktion, das Antibürgerlich-Berserkerhafte, auf der anderen Seite aber eben auch immer wieder die Möglichkeit, sich auf diese rationalistische, wissenschaftliche, durch Vernunft und eherne historische Gesetze verbürgte Theorietradition zurückzugreifen."

Das "Berserkerhafte", "Bürgerschreckhafte" Dutschkes äußere sich auch darin, wie seit 1966 ausführlich über sein Äußeres – Lederjacke, lange Haare – und seine Sprechweise berichtet worden sei.

Wie autoritär war die Studentenbewegung selbst?

Ein wichtiges Werk der "Theorie" sei eine sozialpsychologische Studie Theodor W. Adornos über den "autoritären Charakter" gewesen, die 1950 in den USA erschien. Aufgrund von Umfragen unter Amerikanern wurde damals anhand verschiedener Kriterien ein Profil dieser "autoritären Persönlichkeit" und ihrer "Faschismusanfälligkeit" erstellt.

Nicht zufällig sei nach der Wahl Donald Trumps dieses Buch Adornos ausgiebig zitiert worden, denn dort finde man Einstellungen, Verhaltensweisen, Charakterzüge, die sehr gut zu den mutmaßlichen Wählern Trumps passten – unter anderem: "Xenophobie, einen stark ausgeprägten Antiintellektualismus, der fast zynisch vermeintlich objektiven Wahrheiten gegenübersteht" und "eine große Autoritätshörigkeit". Für die antiautoritäre Bewegung sei diese Studie "Stichwortgeber" gewesen.

Andererseits sei Adorno selbst, gerade auch für die 68er, eine "Autoritätsperson" gewesen, der man enorm weitreichende Kompetenzen zugeschrieben habe – ein Spiegel der damaligen Gesellschaft, in der Autorität insgesamt noch eine andere Bedeutung gehabt habe. Aber auch jenseits dieser theoretischen Autorität habe es innerhalb der Studentenbewegung autoritäre Strömungen gegeben, etwa in den berüchtigten "K-Gruppen", die stramm leninistisch ausgerichtet und hierarchisch organisiert gewesen seien, oder auch im Falle der "Studentenführer".

Der sich herausbildende antiautoritäre Flügel habe sich gerade auch gegen diese autoritären Tendenzen mit der Theorie-Lektüre wappnen wollen. Allerdings habe auch die Theorie selbst Züge von Autoritarismus ausgebildet, wie die Frauenbewegung schon in den 70er Jahren beobachtet habe – "etwa in Gruppendiskussionen, wo immer nur die selben fünf, sechs Leute – meistens Männer – stundenlag das Mikrofon monopolisiert haben".

Die 68er-Bewegung und die Neue Rechte

Mit dem Politikwissenschaftler Thomas Wagner stimmt Philipp Felsch darin überein, "dass man die Entstehung der Neuen Rechten, zumindest in einigen ihrer Facetten und Elemente zurückdatieren kann auf 68" – was man schon daran ablesen könne, dass einige ihrer Organisationen, vor allem in Frankreich, sich in diesem Jahr gegründet haben. Erkennbar sei das aber auch an inhaltlichen Verschiebungen: Etwa, dass die Institutionenkritik, Kern der 68er-Bewegung, heute nicht mehr von Links, sondern vor allem von Rechts komme.

Das liege auch daran, dass sich unser Verhältnis zu den Institutionen gewandelt habe: Statt sie zu fürchten, sorgten wir uns seit einigen Jahren vielmehr darum, dass sie den neuen Herausforderungen, etwa durch die Digitalisierung und ihre Folgen nicht standhalten könnten – "insofern ist uns die Institutionenkritik der Achtundsechziger relativ fremd." Damit sei auch zu erklären, dass zum diesjährigen Jubiläum erstaunlich wenig Publikationen zu 1968 erscheinen würden. Während es von linker Seite heute viel schwieriger sei, eine glaubwürdige Kritik am Establishment zu äußern, habe sich die Neue Rechte hingegen umso vehementer die Institutionenkritik zur Aufgabe gemacht – ein Beispiel dafür: Trumps Ex-Chefberater Steven Bannon, der sich selbst als Leninisten bezeichne und dazu stehe, den Staat zerstören zu wollen.

Vereint im Anti-Establishment?

Dieses – alles andere als klassisch reaktionäre – "Anti-Establishment-Element" sei paradoxerweise charakteristisch für weite Teile der Neuen Rechten. Auch in der Rhetorik sei der Anschluss die linke "Systemkritik" spürbar, etwa in den Angriffen gegen eine vermeintliche "Lügenpresse", "Blockparteien" oder gegen den öffentlichen Rundfunk, so Philipp Felsch:

"Da haben Sie Formen von Antiinstitutionalismus und Anti-Elitismus, die sehr stark an Achtundsechzig erinnern, die aber von Rechts kommen."

Den gemeinsamen Kern zwischen den linken Bewegungen von 1968 und der Neuen Rechten sieht Felsch im "antibürgerlichen Habitus", wie er sich in unter anderem in der "Systemkritik" äußere. Wenn man heute etwa Götz Kubitschek verächtlich über seine oberschwäbische Heimat sprechen höre – etwa die "saturierten CDU-Bonzen, die da irgendwie ihre dicken Daimler fahren, et cetera", wie Felsch die Tonlage illustriert – , dann äußere sich darin ein "Ressentiment gegen das bürgerliche Subjekt der Überflussgesellschaft", wie es unter den 68ern verbreitet gewesen sei.

Für einen Verteidigung des "Achtundsechziger" Erbes vor der Neuen Rechten empfiehlt Felsch auf die "Möglichkeiten dieser inzwischen doch so liberalen, parlamentarischen Demokratie" zu setzen – "denn das haben wir ja eingangs festgestellt: Dass sich solche liberalen Einstellungen in weiten gesellschaftlichen Kreisen als Mainstream durchsetzen konnten, das ist auch ein Erbe von Achtundsechzig, an dem es festzuhalten gilt."

(mw)

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