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Montag, 20.11.2017

Buchkritik | Beitrag vom 13.11.2017

Didier Fassin: "Das Leben - Eine kritische Gebrauchsanweisung"Eine Weltkarte des gefährdeten Lebens

Von Catherine Newmark

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(Cover: Suhrkamp / Foto: EPA/ZOLTAN BALOGH / Collage: Deutschlandradio)
Flüchtlinge beim Versuch, einen Fluss zu überqueren - Didier Fassins perspektiviert das "entrechtete Leben der Gegenwart" (Cover: Suhrkamp / Foto: EPA/ZOLTAN BALOGH / Collage: Deutschlandradio)

Die Frage nach dem guten Leben ist ein Klassiker der Philosophie. Allerdings beschränkt sich der Blick dabei meist auf die eigenen Umstände. Diesen blinden Fleck kenntlich zu machen, ist das große Verdienst des neuen Buchs des Soziologen Didier Fassin.

Was das Leben sei, ist eine der ältesten Fragen der Philosophie, aber auch der Biologie und Medizin. Die unterschiedlichen Disziplinen geben schon die Grundspannung in der Fragestellung wieder: Leben ist einerseits eine biologische Tatsache, andererseits im Menschen als Individuum immer auch die je eigene Biografie. Der Franzose Didier Fassin, Arzt und Soziologe und seit 2009 Leiter der renommierten School of Social Sciences an der Princeton University, verknüpft in seinem eindrücklichen neuen Buch die beiden Perspektiven mit noch viel konkreteren Fragestellungen.

Entrechtetes Leben

Er fragt nach den Formen der Ethik und der Politik des Lebens im Ausgang von zahlreichen philosophischen Vorläufern, von Aristoteles über Ludwig Wittgenstein, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin und Hannah Arendt bis zu Michel Foucault und Judith Butler, vor allem aber mit Blick auf die politische Weltlage und mit Fokus auf die vielen Formen gefährdeten, marginalisierten, entrechteten Lebens der Gegenwart.

Von syrischen Flüchtlingen zu Asylsuchenden in Südafrika, von palästinensischen Jugendlichen zu arbeitslosen Migranten in Frankreich, von diskriminierten Schwarzen in den USA bis zu aus humanitären Gründen im Westen geduldeten Hilfesuchenden zeichnet er in sehr konkreten Erzählungen ein Panorama gebrochener Biographien und real, physisch bedrohter Leben der Jetztzeit.

Die Frage nach dem guten Leben ist mithin bei Fassin keinesfalls eine solche der Selbstsorge, wie sie in europäischen Wellness-Seminaren gesucht wird, sondern eine globale Problemlage, die für westliche Gesellschaften mit ihren aufgeklärten Idealen und ihren Überzeugungen von der Universalität der Menschenrechte sehr unbequeme Fragen nach sich zieht: Wie kann es sein, dass wir mit solcher Leichtigkeit zulassen und akzeptieren, dass so viele Leben ganz offensichtlich behandelt werden, als seien sie weniger wert als andere?

Kein moralischer Zeigefinger

Fassin beantwortet diese Frage nicht, wie sein Buch überhaupt weniger am Erheben des moralischen Zeigefingers interessiert ist als an einer dichten Beschreibung der Bedingungen gefährdeter Leben und Lebensformen. Um sie zu verstehen braucht es eine Analyse von politischen Situationen, aber auch der juristischen Rahmenbedingungen, vom internationalen Recht über jeweils nationales Asylrecht bis zu humanitären Regelungen und zu deren jeweiliger Umsetzung durch Behörden, Beamte, Polizei.

Die Weltkarte der Gefährdung von Leben, die Fassin entwirft, die Abermillionen von prekären Leben, die er in Erinnerung ruft, führt darum, trotz aller theoretisch versierten Anschlüsse an die philosophischen Vorläufer-Debatten, vor allem eines vor Augen: dass wir nicht, oder nur um den Preis größtmöglichen Zynismus, in einem allgemeinen und abstrakten philosophischen und anthropologischen (oder gar wohlfühl-moralischen) Sinn von "menschlichem Leben" oder "gutem Leben" sprechen können.

Didier Fassin: Das Leben - Eine kritische Gebrauchsanweisung. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2016
Übersetzt von Christine Pries
Suhrkamp, Berlin 2017
191 Seiten, 25 Euro

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