Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Mahlzeit | Beitrag vom 03.03.2017

Diät-TippsDie Schlank-mach-Märchen

Von Udo Pollmer

Beitrag hören Podcast abonnieren
Personenwaage (dpa / lby / Armin Weigel )
Tausende Diäten gemacht und trotzdem nicht abgenommen? Kein Wunder, meint unser Autor Udo Pollmer. (dpa / lby / Armin Weigel )

Das Frühjahr naht und damit auch die Frühjahrsdiäten: Zitronenwasser, pinke Zimmerwände oder Kälteschocks sollen helfen, einige Kilos zu verlieren. Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer erklärt, warum Diät-Tipps meistens Blödsinn sind.

Die Abnehmdiäten stoßen das Tor ins finstere Mittelalter immer weiter auf: Unwissenheit, Magie und Wahn fahren gemeinsam Karussell und drehen sich brav im Kreis: Kalorienzählen, fettarm braten und viel Wasser trinken, auch wenn Letzteres nur die Blase füllt.

Zitrone als "Turbo"

Nimmermüde Fachredaktionen spinnen die Diätmärchen Jahr für Jahr konsequent weiter. Besonders hübsch ist die Idee "in das Wasser zusätzlich Zitrone" zu gegeben. Die Zitrone schaltet nämlich den "Turbo" an, die Kalorienverbrennung kommt auf Hochtouren.

Gewöhnlich sorgen Turbolader nur dafür, dass der Motor bei gleicher Leistung weniger Benzin braucht. Gäbe es im menschlichen Körper tatsächlich einen wasserbetriebenen Zitronenturbo, wie die "Rheinische Post" fabuliert, würden die eingesparten Kalorien allenfalls das Hüftgold mehren.

Hellrosa Wände und Kleidung sollen helfen

Auch die Online-Redaktion der "Welt" hat einen superben Abnehmtipp aufgetan. Da rät ein Model von Victorias Secret, die Wände hellrosa zu streichen und ebensolche Klamotten zu kaufen. Das unterdrücke den Hunger. Damit schwänden nicht nur die Pfunde, sondern auch die Aggressionen.

"Welt Online" verweist auf einschlägige Forschung: Ein Psychoprofessor habe vor Jahrzehnten in einem US-Knast eine Zelle hellrosa streichen lassen. Prompt seien die schweren Jungs brav wie Lämmer geworden. Dennoch haben die Knäste dieser Welt dankend auf eine Umsetzung der psychologischen Farb- und Stilberatung verzichtet.

Auch die Redaktion von "FAZ  Online" hat nachgedacht und fragt interessiert: "Kann man sich schlank schlottern?" Ein Kölner Sportprofessor versichert, bereits eine Zimmertemperatur so zwischen 15 und 17 Grad genüge, um erfolgreich abzunehmen.

Oh Gott! Erstens ziehen sich Menschen, wenn sie frieren, dicker an und zweitens bekommen sie Kohldampf, bis die Energiebilanz wieder stimmt. Sonst gibt es eine böse Erkältung. Drittens verstärkt Kälte bei Menschen, die zur Korpulenz neigen, das Unterhautfettgewebe – die werden vom Zittern nicht schlanker, sondern nur besser isoliert, und damit dicker. Sieht man auch bei den Völkern, die im ewigen Eis leben, die sind nicht ohne Grund pummeliger als die Bewohner der Tropen.

Kälteschocks sollen Fettpolster reduzieren  

Doch die Idee, dass Eiseskälte einfach schlank machen muss, weil dabei Energie verbraucht wird, hat US-Mediziner so fasziniert, dass sie daraus eine neue Geschäftsidee entwickelten: Bei der Ganzkörper-Kryotherapie wird der Kunde nackt mit flüssigem Stickstoff bedampft, und so drei Minuten lang minus 150 Grad Celsius ausgesetzt.

Stars wie Jennifer Aniston oder Demi Moore beteuern, dank flüssigem Stickstoff seien sie jung, knackig und schlank geblieben. Andere sind bei der Verschlankung durch Kryotherapie schon erfroren. Übrigens: Die Füße befinden sich während der Behandlung in Fellschühchen – sonst gibt’s Gefrierbrand an den Hinterpfoten  – wie man es auch bei unsachgemäß gelagerten Tiefkühlhähnchen beobachten kann.

Jeder Mensch reagiert anders

Bevor uns noch ganz schwindelig wird, verlassen wir flugs das Abnehm-Karussell. Suchen wir lieber dort nach Erkenntnisgewinn, wo Gewichtszunahmen akribisch erforscht werden: im Schweinestall. Bekanntlich ist der Verdauungstrakt von Schweinen und Menschen sehr ähnlich.

Im Stall bekommen genetisch identische Ferkel allesamt das gleiche Futter und sie leben während der ganzen Mast gemeinsam in der gleichen Umwelt. Und doch sind die Gewichtszunahmen von Tier zu Tier sehr unterschiedlich. Selbst in standardisierten Mastleistungsprüfungen erreichen die ersten Schweine drei Wochen vor den letzten das Schlachtgewicht. Die Speckdicke am Rücken schwankt um den Faktor drei!

Im Gegensatz zu den Schweinen speist jeder Mensch etwas anderes, lebt in einer anderen Umwelt, er arbeitet etwas anderes und nutzt seine Freizeit nach Gusto. Wir sind nicht geklont, wir sind wilde Promenadenmischungen – und da wollen Ernährungsexperten vorhersagen, welches Essen wie auf "den" Menschen wirkt? Und wie man durch "Diättipps" gezielt Fettpölsterchen zum "Abschmelzen" bringt? Nun, wer's glaubt?! Mahlzeit!

Literatur

Fersch D: Wie Kendall Jenner die Schlankmacher-Farbe entdeckte. Welt-Online 2016

Anon: Wer schlank sein will, muss frieren! Women-Online 24. Juli 2015

Frey A: Kann man sich schlank schlottern? FAZ Wissen v. 21. Januar 2017

Anon: Schnell abnehmen: Die 20 besten Fettkiller ganz ohne Diät. Rheinische Post Mediengruppe

Bildungs- und Wissenszentrum Boxberg, Schweinehaltung, Schweinezucht: Züchtertag 2016 - Züchterinformation; Stationsprüfung auf Mastleistung, Schlachtkörperwert und Fleischbeschaffenheit beim Schwein 2015.

Mehr zum Thema:

Ernährung - Der Wahn um die Kalorien
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 2.3.2017)

Ernährung - Bloß keine Diät
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 3.9.2014)

Höhenflug für alte Diät
(Deutschlandradio Kultur, Mahlzeit, 28.5.2005)

Mahlzeit

Bakterien im SalatWaschen hilft nicht immer gegen Keime
Eine Frau wäscht einen Salatkopf. (imago/Westend61)

Krankheitserreger in Blattsalaten und anderem Grünzeug - diesem Thema hat sich das Bundesinstitut für Risikobewertung kürzlich gewidmet. Udo Pollmer erklärt, wieso die Keime auftreten können. Und warum das BfR dagegen auch Chemie empfiehlt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur