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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.04.2011

Deutung eines Traumas

Franz Kadell: "Katyn - Das zweifache Trauma der Polen", Herbig Verlag, München 2011, 254 Seiten

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Polens Premierminister Donald Tusk und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin in Katyn (AP)
Polens Premierminister Donald Tusk und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin in Katyn (AP)

Die Ermordung vieler Tausend Polen durch den sowjetischen Geheimdienst im Jahr 1940 und der Absturz der polnischen Regierungsmaschine 2010 - beides verbindet sich mit dem Namen "Katyn". Kadell untersucht, welchen Manipulationen das historische Geschehen seit 1940 unterworfen war.

Ende September 1939: Nur wenige Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen wird der Osten des Landes von der Roten Armee besetzt – entsprechend dem geheimen Zusatzabkommen zum Hitler-Stalin-Pakt. Kurz darauf verhaften die Sowjets über 23.000 Polen, vor allem Offiziere, aber auch Polizeibeamte, Priester, Professoren und Gutsbesitzer.

Am 5. März 1940 tagt das Politbüro der KPdSU, um reinen Tisch zu machen mit den Gefangenen, laut Dienstmitteilung 794/B "allesamt eingefleischte, unverbesserliche Feinde der Sowjetmacht". Der Beschluss lautet: Alle bis auf wenige Ausnahmen werden erschossen, ohne Gerichtsurteil. Die Ausführung übernimmt der Geheimdienst NKWD. Diese Massenhinrichtung nennt Franz Kadell, Historiker und ehemaliger Chefredakteur der Magdeburger Volksstimme, eine Enthauptung der polnischen Gesellschaft.

Kadells Buch ist unter dem Titel "Katyn – das zweifache Trauma der Polen" im Herwig Verlag erschienen. In sechs chronologisch geordneten Kapiteln schildert der Autor, was 1940 geschah und wie sich unterschiedliche politische Mächte des Geschehens, das unter dem Namen "Katyn" in die Geschichte eingegangen ist, bedient haben und bis heute bedienen.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 entdeckten Angehörige der deutschen Wehrmacht in einem Wald bei Katyn unweit des westrussischen Smolensk eines der vom NKWD hinterlassenen Massengräber mit den Überresten von über 4.000 Polen. Die Deutungsmaschinerie kam in Gang. Während Goebbels´ Propaganda-Ministerium der Welt die Gräueltaten der Sowjets als "Werk jüdischer Schlächter" präsentierte, machte Stalin die Deutschen für Katyn verantwortlich.

Die polnische Exilregierung schenkte den Behauptungen der Sowjets keinen Glauben, doch die Westalliierten, Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill, brauchten Stalin als Verbündeten und stellten seine Version nicht in Frage. Das Ergebnis: Stalins Behauptung, die Deutschen hätten nach dem Überfall auf die Sowjetunion in Katyn gemordet, galt bis 1989 – jedenfalls offiziell – in Polen und im gesamten Ostblock. Auch im Westen wurde dieser Behauptung nicht immer laut genug widersprochen.

Erst 1990 gestand Michail Gorbatschow die sowjetische Alleinverantwortung für Katyn offen ein. Boris Jelzin übersandte den Polen 1992 die bis dahin geheimen Politbüroakten. Das russische Parlament gab im November 2010 eine Erklärung zur sowjetischen Verantwortung für das Massaker von Katyn ab. Doch bis heute weigert sich Russland, die Opfer zu entschädigen. Das Trauma, das Katyn in der polnischen Gesellschaft hinterlassen hat, ist somit immer noch nicht überwunden.

Auch deshalb bietet der Flugzeugabsturz bei Smolensk, wo aus Anlass einer Katyn-Gedenkfeier am 10. April vergangenen Jahres 96 hochrangige Polen, darunter der damalige Staatspräsident Lech Kaczyński, ihr Leben ließen, immer wieder Anlass zu antirussischen Verschwörungstheorien.

Die behandelt Franz Kadell im letzten Kapitel seines Buches. Auch wenn der Autor kaum auf polnische und russische Quellen im Original zurückgreift, bietet er doch eine breite Materialbasis und versteht es, sein Thema für ein breites Publikum spannend zu präsentieren. Wer also eine übersichtliche, gut lesbare Darstellung der nunmehr sieben Jahrzehnte umfassenden Manipulationen um das Massaker von Katyn sucht, wird sie bei Kadell finden.

Besprochen von Martin Sander

Franz Kadell: Katyn – Das zweifache Trauma der Polen
Herbig Verlag, München 2011
254 Seiten, 19,99 Euro

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