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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 19.11.2005

Deutschland zwischen Multikulti und Parallelgesellschaft

Gespräch mit dem Migrationsforscher Klaus J. Bade und der Rechtsanwältin Seyran Ates

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Französische Feuerwehrleute bekämpfen einen Brand in Gentilly, südlich von Paris (AP)
Französische Feuerwehrleute bekämpfen einen Brand in Gentilly, südlich von Paris (AP)

Über 9000 zerstörte Autos, Brandanschläge auf öffentliche Gebäude, die Verlängerung des Ausnahmezustandes – nach drei Wochen nächtlicher Jugendkrawalle in Frankreich ist die Bilanz bitter: Von 25 Jahren Integrations- und Sozialpolitik bleibt ein Scherbenhaufen. Der Schock sitzt tief, der französische Präsident sah die "Grande Nation" gar in einer Identitätskrise. Die reine Symptombekämpfung der gesellschaftlichen Probleme – das ist allen Verantwortlichen klar geworden – reicht längst nicht mehr.

Und wie sieht es hier in Deutschland aus?

Der Migrationsforscher Klaus J. Bade von der Universität Osnabrück sieht zwar keine französischen Verhältnisse auf uns zukommen, er mahnt dennoch seit Jahren, die Integrationsbemühungen zu verstärken:

"Es sind auch bei uns Brennpunkte dort entstanden, wo ethnische und soziale Probleme aufeinander treffen. Es gibt keinen Anlass, sich in Deutschland in Sachen Integration auf den mit dem Zuwanderungsgesetz – ein Vierteljahrhundert zu spät – erreichten Lorbeeren auszuruhen."

Der Direktor des interdisziplinären "Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien" (IMIS) sieht in den Themen Integration und Zuwanderung die großen Herausforderungen für Deutschland und Europa. Deutschland sei längst ein Einwanderungsland, "dessen Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft seit Jahren und auch in Zukunft von Migranten mitgeprägt werden."

Seine Forderung angesichts von über 25 Prozent Arbeitslosigkeit allein unter den türkischen Migranten: "Wir brauchen drei Formen der Integration: Die präventive, die begleitende, aber auch die nachholende, für die Migranten, die schon länger bei uns leben. Wenn wir das machen, sind wir für die Zukunft gut aufgestellt."

Die Berliner Rechtsanwältin Seyran Ates kennt die Probleme der Integration nur allzu gut. Im Alter von sechs Jahren kam sie 1969 mit ihren Eltern und zwei Geschwistern aus der Türkei nach Deutschland. Sie emanzipierte sich von ihrer traditionellen Erziehung und Rolle als Frau, lief mit 17 Jahren von Zuhause weg, versteckte sich und studierte schließlich Jura und betreibt heute eine eigene Kanzlei. Sie hat darüber ihre Autobiographie "Große Reise ins Feuer" (Rowohlt Berlin 2003) geschrieben.

Seit über 20 Jahren engagiert sich die Expertin für Menschenrechtsfragen und Migrationspolitik für Mädchen und Frauen aus muslimischen Ländern, die eingesperrt, misshandelt oder zwangsverheiratet werden. Für ihr Engagement wurde die bekannte Frauenrechtlerin mehrfach ausgezeichnet Sie wurde und wird aber auch – gerade aus traditionellen Kreisen – kritisiert und bedroht. 1984 wurde sie bei einem Attentat auf einen türkischen Frauenladen schwer verletzt.

Seyran Ates gilt als eine scharfe Analytikerin der deutschen Ausländerpolitik und der viel beschworenen Multikulti-Gesellschaft: "Ein falscher Toleranzbegriff und eine gewisse Angst, als fremdenfeindlich abgestempelt zu werden, hält sehr viele Menschen davon ab, frauenverachtende Traditionen, die Menschenrechtsverletzungen darstellen, zu kritisieren und sich für deren Abschaffung einzusetzen. Dies geschieht bei dem Thema Zwangsverheiratung und dies geschieht beim Thema Kopftuch."

"Deutschland zwischen Multikulti und Parallelgesellschaft – Wie kann ein gutes Zusammenleben gelingen? Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 07 bis 11 Uhr gemeinsam mit dem Migrationsforscher Klaus J. Bade und der Rechtsanwältin Seyran Ates, in der Sendung "Radiofeuilleton – Im Gespräch". Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 / 2254-2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.


Literaturhinweis: Seyran Ates "Große Reise ins Feuer", Rowohlt Berlin 2003.
Informationen über Prof. Klaus J. Bade unter: www.kjbade.de

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