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Sonntag, 19.11.2017

Interview / Archiv | Beitrag vom 16.10.2014

Deutschland-Ausstellung in London"Neu, lebendig, cool"

Direktor des British Museum will seinen Landsleuten die Verschiedenheit Deutschlands zeigen

Moderation: Anke Schaefer

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Ein Mitarbeiter des British Museum in London installiert am 13. Oktober 2014 ein Stück der Berliner Mauer als Teil der Ausstellung "Germany: memories of a nation". (dpa / picture alliance / Andy Rain)
Auch ein Stück der Berliner Mauer ist in der Ausstellung im British Museum zu sehen (dpa / picture alliance / Andy Rain)

Der Direktor des British Museum, Neil MacGregor, glaubt, dass die Londoner Ausstellung "Germany: Memories of a Nation" zur Völkerverständigung beiträgt. Vor allem junge Briten wüssten aber bereits jetzt, dass es "ein neues, lebendiges Deutschland gibt". Er selbst schätzt an Deutschland "die unerschöpfliche Verschiedenheit".

Korbinian Frenzel: Was, bitte schön, macht Deutschland aus? Diese Frage ist von innen wahrscheinlich nie seriös zu beantworten, deshalb ist es schön, wenn es jemand von außen tut. So wie das British Museum und mit ihm die BBC und viele andere. Die Luther-Bibel haben sie ausgesucht, den VW-Käfer, Meissener Porzellan, drei von rund 200 Exponaten, die das British Museum in London in der Ausstellung "Germany: memories of a nation" zeigt. Die BBC sendet parallel dazu eine 30-teilige Serie. Eine Aktion mit Ziel, das oft einseitige Deutschland-Bild der Briten zu korrigieren. Heute startet dieser Blitz über uns Krauts, meine Kollegin Anke Schaefer hat aus diesem Grund mit dem Direktor des British Museum gesprochen, mit Neil MacGregor.

Anke Schaefer: Anlass für diese Ausstellung ist der 25. Jahrestag des Mauerfalls. Ist es Zeit, dass die Briten einen frischen, einen neuen Blick auf Deutschland werfen?

Neil MacGregor: Eben, genau das war der Zweck der Ausstellung. Wir wollten mit der Tatsache anfangen, dass vor 25 Jahren ein neues Deutschland zur Welt gekommen ist. Und ein Deutschland, das die Briten wenig kennen und jetzt besser kennenlernen möchten.

Schaefer: Und wie genau können Sie einem Publikum jetzt in einem Museum wie dem British Museum dieses neue Deutschland vorstellen oder nahebringen?

MacGregor: Schwierig..., mit großen Schwierigkeiten! Wir hatten die Idee, dass, wenn man eine andere Kultur, ein anderes Land verstehen will oder es zu verstehen versucht, dann fängt man immer am besten mit der Geschichte an und vor allem mit ihrer Idee, ihrer eigenen Geschichte. Das war der Ausgangspunkt. Und wir wollten die Geschichte Deutschlands - die in so vielen Hinsichten ganz verschieden von der Geschichte Großbritanniens ist -, mit der Idee anfangen, dass es keine einzige Geschichte von Deutschland gibt. Es gibt viele Geschichten. Die Geschichte Sachsens ist ganz anders als die Geschichte Hamburgs und so weiter. Bei uns ist es ganz anders, wir können von einer Geschichte unseres Landes sprechen. Daher kam der Titel der Ausstellung: "Memories of a nation". Wir wollten also fragen: Vor 25 Jahren, welche waren die Erinnerungen, die fast alle Deutschen zu diesem neuen Staat brachten?

Schaefer: Es sind 600 Jahre deutsche Geschichte, die Sie anschaulich machen möchten. Und da gibt es den ersten Teil der Ausstellung unter der Überschrift: "German no more". Und der ist gewidmet den Städten, die mal deutsch waren, es aber nicht mehr sind wie zum Beispiel Straßburg, Prag oder Königsberg. Warum legen Sie Wert darauf, auch diesen Teil der Geschichte zu erzählen?

MacGregor: Der Titel ist nicht nur "German no more", sondern wir fangen mit dem Zitat aus den Xenien an, "Deutschland? Wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden", Goethes Frage, wo liegt es? Der allergrößte Unterschied zwischen der Geschichte Deutschlands und Großbritanniens ist, dass wir eine Insel sind, wir haben immer feste Grenzen gehabt. Das ist für Deutschland nie der Fall gewesen, die Grenzen Deutschlands sind immer flott gewesen und es gibt Städte, die ein integraler Teil der deutschen Kulturgeschichte sind, die nicht mehr deutsch sind. Das ist für uns fast unbegreiflich.

Der Holocaust als "zentrales Paradox"

Schaefer: Und wie viel Raum geben Sie in der Ausstellung auch dem Thema Holocaust?

MacGregor: Sehr viel. Wir wollten den Holocaust als zentrales Paradox ... Natürlich ist das die Tatsache, das ist die Erinnerung, die nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt die Idee von Deutschland bestimmt, das ist klar. Aber wir wollten die zentrale Frage der deutschen Geschichte stellen. Wir haben also eine Abteilung Goethe mit dem wunderbaren Bildnis von Tischbein vom Städel - eine großherzige Leihgabe -, also Goethe und Bauhaus, also eine Weimar-Abteilung sozusagen. Diese Höhepunkte deutscher Kultur. Und da ganz in der Nähe: Buchenwald - und das Gitter von Buchenwald. Und die große Frage für uns alle, aber vor allem für die Deutschen ist natürlich: Wie war es möglich, wie ist es möglich, dass in dieser Stadt Weimar diese Höhepunkte der Weltkultur gediehen sind - und man dort auch ein KZ findet? Das ist die Hauptsache. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber meines Erachtens gibt es keine Antwort. Das ist aber die Frage, die ständige Frage. Und das ist der Kernpunkt der Ausstellung.

Schaefer: Die Ausstellung ist ja eigentlich nur ein Teil eines größeren Projektes und Sie haben unter dem Titel "Germany: Memories of a nation" auch eine 30-teilige Radioserie bei der BBC kreiert. Und da gehen Sie immer von einem Objekt aus und erzählen dann die Geschichte. Zum Beispiel weiß ich, haben Sie da über ein weißes Rhinozeros erzählt, in Meißen gefertigt, aus Porzellan. Was kann man denn anhand dieses Rhinozerosses zum Beispiel über Deutschland sagen?

Eine Wiege im Bauhaus-Stil. (British Museum)Auch in der Londoner Ausstellung: Wiege im Bauhaus-Stil. (British Museum)

MacGregor: Ja, sehr viel. Denn Europa hat das Geheimnis des Porzellans neu erfunden, und zwar in Dresden neu erfunden, das war die große Erfindung von Böttger und August dem Starken, eine technische Leistung Deutschlands, das war ein Triumph der deutschen Chemie. Aber für die Chinesen war das Porzellan immer für Teller und Tassen. In Dresden wollte man was anderes, was viel Schwierigeres machen, man wollte daraus Skulpturen machen. Und die Idee, ein Rhinozeros aus Porzellan zu machen, ist schon prima, ganz toll, absurd, aber toll, hinreißend. Und das ist also schon sehr wichtig, das ist eine große deutsche technische Leistung.

Interessant ist, dass sie nicht ein echtes Rhinozeros ausgesucht haben, sie sind von einem Holzschnitt von Alfred Dürer ausgegangen und haben dieses Dürer-Rhinozeros, diesen Holzschnitt in eine Skulptur verwandelt. Dürer, der erste Künstler, der weltweit in Europa seine Werke verkauft hat. Und der erste europäische Künstler - durch die Grafik, durch die Technik. Das ist auch eine große technische Leistung. Also, Dürer, Porzellan, die europäische Ausbreitung, dieser Aspekt deutscher Kultur, das kann man anhand dieses Porzellan-Rhinozeros zeigen.

"Unerschöpfliche Vielfalt Deutschlands"

Schaefer: Wenn jetzt das Publikum ins British Museum kommt und das Rhinozeros sieht und vielleicht im Radio Ihre 15-minütige Geschichte darüber auch hört, glauben Sie, dass da auch zum Beispiel, sage ich jetzt mal ganz pathetisch, die deutsch-britische oder die britisch-deutsche Freundschaft gefördert werden kann? Kann man durch solche kulturelle Erfahrung auch tatsächlich Völkerverständigung fördern?

MacGregor: Ja, glaube ich, davon bin ich überzeugt. Da ändert sich schon sehr viel, wie Sie schon gesagt haben. Aber Ausgangspunkt ist natürlich, dass die meisten Briten ... Was sie von der deutschen Geschichte kennen, was sie in der Schule lernen, das sind nur die zwölf schwarzen Jahre, 33 bis 45. Das studiert man in der Schule, das ist für die meisten Leute – nicht nur in Großbritannien, sondern in aller Welt –, das ist die Geschichte Deutschlands, die sie kennen.

Was uns schon sehr begeistert hat, ist das Interesse, womit die Sendungen und die Ausstellung vom Publikum aufgenommen worden sind. Die Leute wissen, dass es jetzt ein neues, lebendiges Deutschland gibt, ein cooles Deutschland, wo die jungen Briten ... Die wollen alle nach Berlin, das ist the cool capital of Europe. Ich glaube, dass alle wissen, dass diese Idee, dieses Bild von Deutschland, das sie in der Schule gelernt haben, nicht mehr stimmt; das ist nicht mehr genug.

Schaefer: Sie sind ja ein sehr, sehr profunder Kenner unseres Landes. Was ist das eigentlich, was Sie an Deutschland mögen?

MacGregor: Ich glaube, das wäre die unerschöpfliche Verschiedenheit Deutschlands, die Vielfalt. Das findet man in keinem anderen Land Europas.

Frenzel: Das sagt der Brite Neil MacGregor, der Direktor des British Museum, das heute eine große Deutschland-Ausstellung beginnt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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