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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.08.2016

Deutsche und Türken Miteinander reden statt übereinander

Von Eren Güvercin

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Menschen mit türkischen und deutschen Flaggen warten im Hauptbahnhof in München auf die Ankunft des Erinnerungszuges "50 Jahre Migration". (picture alliance / dpa)
Vor 55 Jahren kam das Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland zustande - der 50. Jahrestag wurde 2011 mit einem Sonderzug gefeiert. (picture alliance / dpa)

Das türkisch-deutsche Verhältnis ist angespannt. Nicht nur auf der politischen Ebene. Es sei verwunderlich, wie schnell die überwunden geglaubten Argumente und Reflexe zurückkehrten, sagt der Publizist Eren Güvercin.

In diesen Tagen jährt sich das Anwerbeabkommen mit der Türkei zum 55. Mal. Mittlerweile leben Generationen von Deutsch-Türken in unserem Land, die hier in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Man glaubte, dass Deutschland auch zur Heimat für viele türkischstämmige Menschen geworden ist. Dieser Glaube wurde aber in den letzten Wochen und Monaten erschüttert.

Politiker und auch einfache Bürger, sowohl Deutsche als auch Deutsch-Türken, stellen Fragen über das künftige Zusammenleben. Ist die Lage wirklich so schlimm, oder kochen die Emotionen aufgrund der Diskussionen über die politische Lage in der Türkei nur kurz hoch?

Der Splitter im Auge des Anderen

Die alt- oder biodeutsche oder deutsch-deutsche und die türkisch-deutsche ... – schon beim Vokabular fangen die Probleme ja an. Beide Seiten also sehen immer nur den Splitter im Auge des Anderen und nie den Balken im eigenen. Ein Bild übrigens, was sowohl in der Bibel vorkommt als auch in einer Überlieferung des Propheten Muhammed.

Die deutsch-türkischen Debatten sind mittlerweile zu einer Art Obsession geworden. Es wird mehr übereinander als miteinander geredet. Der Generalsekretär der CDU, Peter Tauber, stellt den Deutsch-Türken die Loyalitätsfrage. Der CSU-Politiker Scheuer empfiehlt denjenigen, die hier in Deutschland demonstrieren wollen, sogar die Ausreise.

Auch Grünenpolitiker wie Cem Özdemir schwadroniert von türkischen Moscheen als verlängerten Arm Erdogans in Deutschland, die den Religionsunterricht ideologisch unterwandern würden. Eine Rhetorik, die an die 70er und 80er Jahre erinnert, an Franz-Josef Strauß und andere Politiker dieser Zeit, in der man immer noch dachte, der Türke ist ein Gastarbeiter.

Mit gegenseitiger Kritik leben lernen

Aber auch auf der anderen Seite sieht es nicht gerade rosig aus. Deutsch-Türken beklagen sich vielleicht zu Recht über Verallgemeinerungen und Pauschalisierungen. Sie praktizieren aber dasselbe - sobald deutsche Medien oder Politiker die Entwicklungen in der Türkei kritisch begleiten, nach Rechtsstaatlichkeit fragen und die aktuellen Maßnahmen des türkischen Staates zumindest hinterfragen. Bei allem Respekt: Nicht jede Kritik ist Türkenfeindlichkeit. Nicht jede Kritik ist ein Türkei-Bashing.

Auf der einen Seite kritisiert man die Medienberichterstattung deutscher Medien. Man verurteilt Karikaturen und Satire, in denen der türkische Staatspräsident verhöhnt wird. Aber man schweigt zu den zahlreichen Titelseiten türkischer Tageszeitungen der letzten Zeit, in denen Bundeskanzlerin Merkel mit Hitlergruß und der Überschrift "Heil Merkel!" und Hakenkreuzfahne abgebildet wird. Obwohl der Lebensmittelpunkt von knapp drei Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland liegt, scheinen viele Deutsche und Türken sich immer noch fremd zu sein. Zumindest wenn man die Diskussionen der letzten Monate verfolgt.

Aber eigentlich sind sie sich ähnlicher als sie sich vorstellen können. Deutsch-Türken haben die "typisch deutsche" Eigenschaft, alles schlechter zu sehen als es eigentlich in Wirklichkeit ist. Und auch Deutsch-Türken neigen dazu, auf Kritik ähnlich zu reagieren, wie so manche deutsche Geistesverwandte: Verallgemeinerungen wie "DIE Medien", "DIE Politiker", ja sogar bedenkliche Terminologien wie Lügenpresse machen auf beiden Seiten die Runde.

Beide Seiten brauchen mehr Empathie und Verständnis 

Beiden Seiten fehlt Empathie und ein Verständnis für die Sorgen und auch die Kritik der anderen Seite. Ein Peter Tauber muss verstehen lernen, dass Deutsch-Türken noch sehr gut wissen, wie die Verhältnisse unter den Militärdiktaturen, die übrigens säkular und kemalistisch waren, in der Türkei in jüngster Vergangenheit waren. Es hat nichts mit einer fehlenden Loyalität zu tun, wenn Deutsch-Türken aus Solidarität mit der Türkei gegen den Putschversuch auf die Straßen gehen.

Genauso müssen aber auch Deutsch-Türken nachempfinden, dass es bei vielen Menschen befremdlich wirkt, wenn man bei Türkei-Themen leidenschaftlich reagiert und demonstriert - während man bei Themen, die hier in Deutschland für alle Bürger von Bedeutung sind, schweigt und keinen Beitrag leistet.

Nach 55 Jahren sollten Deutsch-Türken ihre Opferhaltung endlich überwunden haben und sich mit dem hier und heute beschäftigen statt Scheindebatten zu führen. Sie haben nämlich keinen Bezug zum Alltagsleben in Deutschland. Und die deutschen Politiker sollten endlich mal die Rhetorik der 70er und 80er Jahre überwinden. Denn türkische Gastarbeiter gibt es in Deutschland nicht mehr.  

(Privat)Der Publizist Eren Güvercin (Privat)Eren Güvercin ist freier Journalist und Autor. Er schrieb unter anderem das Buch "Neo-Moslems - Porträt einer deutschen Generation". Mehr Infos auf seiner Homepage.  

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