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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.07.2016

Deutsch-türkisches NeuköllnIntegration in alle Richtungen

Von Cara Wuchold

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Der Wochenmarkt am Neuköllner Maybachufer steht inzwischen in jedem Reiseführer. (dpa / picture alliance / Doreen Fiedler)
Der Wochenmarkt am Neuköllner Maybachufer, von vielen Berlinern "Türkenmarkt" genannt, steht inzwischen in jedem Reiseführer. (dpa / picture alliance / Doreen Fiedler)

Berlin-Neukölln. Für viele reicht schon die Nennung des Bezirks, um im Kopf ein Bild für das Scheitern von Multikulti und Integration abzurufen. Dabei gibt es von dort nicht nur schlechte Nachrichten zu verkünden.

In welchem Berliner Bezirk leben die meisten Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit? Darauf kommen Sie jetzt wahrscheinlich nicht. Die richtige Antwort lautet: Mitte. Neukölln, der Stadtteil, um den es hier heute gehen soll – und den Sie vielleicht viel eher im Kopf hatten –, steht mit etwa 21.000 Menschen erst an zweiter Stelle.

Und auch sonst birgt das Image von Neukölln einiges an Täuschungspotenzial. Kein anderer Stadtteil der Hauptstadt wurde im Laufe der Jahre so heruntergeschrieben wie dieser. Spätestens seit dem Hilferuf des Lehrerkollegiums der Rütli-Schule im Jahr 2006 sprachen fast alle nur noch vom "Problembezirk".

Thilo Sarrazin schraubte 2010 mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" heftig mit an dem schlechten Ruf Neuköllns. – Das war das Jahr, in dem wir uns überlegten, den düsteren ein paar helle Geschichten entgegen zu setzen. Wir studierten Kulturjournalismus an der Universität der Künste und lebten in Neukölln. Unsere Alltagsrealität hatte wenig mit dem Bild des Bezirks in den Medien zu tun – und so gründeten wir kurz darauf, im Jahr 2011, das lokale Online-Magazin "neukoellner.net".

Sommer 2016. Sonnige Nachmittagsidylle in der Schillerpromenade in Berlin-Neukölln. Hier liegt das Redaktionsbüro von "neukoellner.net". Zwei Straßen vom stillgelegten Tempelhofer Flugfeld entfernt. Auf dem breiten Grünstreifen in der Mitte tummeln sich junge Eltern mit ihren Kindern.

Mit einer Kunstfigur gegen Rassismus

Die Schauspielerin und Kabarettistin Idil Baydar kommt zum Interview. Mit ihr spreche ich über die deutsch-türkischen Beziehungen im Bezirk, denn auch die sind ja in Verruf geraten. Die 41-Jährige kommt ganz in schwarz und gemütlich gekleidet. Sie hat ein Grübchen, wenn sie lächelt, und sie lächelt viel. Auf der Bühne und im Netz ist Idil Baydar als Jilet Ayse unterwegs. Jilet – wie die Rasierklinge. Die lächelt weniger. Ihr beliebtestes Youtube-Video wude 1,3 Millionen Mal geklickt: 

"Pass' mal auf, Alter. Das hier Jilet-Ayse-Kanal, okay?! Hier gibt’s, bam, auf die Fresse, das ist das! - Okay? Was willst du hier? Was willst du hier finden? Ich sage dir, was du hier findest: Du findest hier Kriminalität, du findest hier Opfers, du findest hier Täters, und das war's, verstehst du was ich meine?! Komm' nicht auf meinen Kanal, weil wenn ich zu stark bin, bist du einfach nur zu schwach, 'wallah'. Das ist das, was ich dir sagen will, also, halt' dein Fresse jetzt!"

Auftoupierter Pony und blonde Strähnen, die Jacke ein Luxusmarken-Imitat, krasser Slang. Vor Jilet Ayse aufgereiht liegen sieben, acht Handys. Ihre Pose ist angriffslustig. Jilet ist in Kreuzberg geboren, nach Neukölln gentrifiziert worden und verkörpert ein Klischee. Aber sie ruht sich darauf nicht aus, gibt sich kämpferisch. Idil Baydar tritt mit ihrer Kunstfigur gegen Rassismus an – und für Chancengleichheit.

"Und ich glaube, das zeigt Jilet auch als Figur, dass da natürlich enorme Kapazitäten sind und Fähigkeiten sind, die sie aber überhaupt nicht benutzen kann innerhalb dieser Strukturen. Die braucht sie ja gar nicht. Also wozu sollte sie gut Deutsch sprechen? Sie braucht das ja nicht, wenn man ihr permanent wieder sagt: 'Naja, du als Ausländerin, du kannst ja Grammatik nicht, so.' Also sie fordert, dass sie gleich behandelt wird. Egal wie sie spricht, egal wie sie aussieht, welche Herkunft sie hat, welche Religion, welche sexuelle Ausrichtung, eigentlich Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes."

...."Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden", heißt es da.

Eine Brücke zum Gegenüber schlagen

Jilet ist laut und sehr direkt. Dabei sucht sie gar nicht unbedingt immer den Konflikt. Oder zumindest nicht ohne gleichzeitig nach einer Lösung zu suchen, eine Brücke zum Gegenüber zu schlagen oder wenigstens: um Verständnis zu werben: 

"Das merkt man auch im Laufe meiner Show, dass Jilet keine Person ist, die den ganzen Tag hassen will, oder so, das ist überhaupt gar nicht ihr Bestreben. Sie will nur einfach sagen, was sie denkt. Und die Liebe kommt immer wieder zwischendurch. Zum Beispiel der liebevolle Ansatz zu sagen: 'Ey, ich kritisiere euch nicht, damit ihr euch schlecht fühlt: Oh, die doofen Deutschen, schon wieder Nazi.' Oh, ja, wir können es nicht mehr hören. Ich sage euch das, damit ihr uns beschützt. Also dass ist eigentlich so die Liebe dabei. Dass ich das der deutschen Gesellschaft sehr wohl zumute, und auch anvertraue, zu sagen, ihr könnt das ändern, ihr seid die Mehrheitsgesellschaft und ihr könnt wirklich eine echte, reale Chancengleichheit herstellen."

"Ghettobraut aus Neukölln" wird Jilet Ayse genannt. Wobei Idil Baydar sie lieber als ghettolektuell bezeichnet.

Die Schauspielerin und Kabarettistin Idil Baydar in ihrer Rolle als Jilet Ayse, autoupierter Pony, böser Blick in die Kamera, die Faust geballt (aufgenommen 2015 in Berlin) (picture alliance / dpa / XAMAX)Die Schauspielerin und Kabarettistin Idil Baydar in ihrer Rolle als Jilet Ayse (picture alliance / dpa / XAMAX)"Ghettolektuell, genau. Ja ich finde, es ist einfach eine super Kombination von dem, was man da sieht und was dann da auch wirklich passiert. Weil einerseits ist das Klischee das Ghetto, das Ghettomädchen, die Ghettobraut, zu der ich auch permanent gemacht werde, daher wahrscheinlich auch mein Ansatz zu sagen: 'Hm, können wir uns was anderes ausdenken?' Weil: Ich würde mir schon wünschen, dass wir anfangen, ehrlicher übereinander zu sprechen, und nicht versuchen, irgendwelche Sachen zu konstruieren und zu kreieren, damit schön dieses Migrantenkackbild aufrecht erhalten bleibt..."

Idil Baydar ist in Celle geboren, mit 15 Jahren zog sie mit ihrer aus der Türkei stammenden Mutter nach Berlin. Hier wurde sie gleich einer türkischen Community zugeordnet, das kannte sie bis dahin gar nicht. Zerrbilder von den Türken in Deutschland waren dann ein Auslöser für die Kabarettistin, Jilet Ayse überhaupt zu erschaffen.

"Ihr wollt einen Kanaken, also kriegt ihr auch euren Kanaken, ganz genau. Und darauf spiele ich natürlich an, auf die Erfahrungswelt, ne. Also du wirst ja permanent als allererstes auf deine Herkunftskultur bezogen. Ich lerne kaum einen Deutschen kennen, wo nicht Türkisch sein, oder irgendwie ein Thema ist. Ich werde selten gefragt, was meine Lieblingsmusik ist, was meine Lieblingsfarbe ist, sondern es geht immer erst mal darum: 'Ah, ja, du bist ja nicht von hier.' Ja, also wir sind jetzt in der vierten, fünften Generation und werden immer noch als Migranten betitelt. Integration hat einen Anfang, aber es hat kein Ende."

Wann ist Integration eigentlich vorbei?

Mal hören, was Jilet Ayse dazu sagt...

"Wann ist Integration vorbei, Deutschland, wann? Gibt's einen Tag, gibt’s ein Formular, was ich ausfüllen muss? Gibt's ein Integrations-Abi, verstehst du, was ich meine? Wann ist vorbei diese Sache? Ich will nur wissen, weil, ganz ehrlich: Ihr wundert Euch immer, warum macht keiner diese Integration mit? - Weil eure Integration ist 'ya chara', eure Integration ist Scheißdreck, ganz ehrlich, weil: Hört nie auf! Was ist das? Stell' dir mal vor, du bist 40 Jahre in eine Grundschule. Irgendwann du sagst auch, ey pass' mal auf, ich will mein Grundschulzeugnis jetzt, okay?! Ich bin halbtot, ey, was soll das? Ich muss auch noch Dings gehen, normale Schule. Und deshalb, liebe Kartoffels. Falls ihr euch fragt, warum eure Integration gescheitert ist: Deswegen!"

Lassen Sie uns einen Moment darüber nachdenken, es gäbe wirklich einen Integrationsabschluss, schlägt Idil Baydar vor

"Was wäre denn, wenn man einsehen müsste, dass 98 Prozent integriert sind? Wo soll man denn dann noch rechtfertigen, dass man permanent nur Ausländer zeigt, die kriminell sind, die Koks verkaufen auf der Straße, die in Rap-Studios rumhängen oder zum Body Building gehen? Also es werden ja immer wieder die gleichen Narrative verwendet, um Migranten zu beschreiben und meistens ist das eine abwertende Narrative... Also ich kann nur dazu aufrufen, liebe Deutsche, bitte hört auf zu sagen, du sprichst aber gut Deutsch. Weil diese Aussage ist für jemanden, der hier geboren ist und im deutschen Sprachraum groß geworden ist, einfach eine Aussage von: Du gehörst hier nicht hin."

Fangen wir doch umgekehrt einfach mal bei den eigenen türkischen Sprachkenntnissen an. Die zu verbessern, dem hat sich Deniz Julia Güngör angenommen. Sie ist Berlinerin, der Vater kam in den 70ern aus der Türkei nach Deutschland und lernte ihre Mutter an der Technischen Universität kennen.

Die ersten fünf Jahre ihres Lebens verbrachte Deniz Julia Güngör mit ihren Eltern im Studentenwohnheim.

"Es gab auf jedem Stockwerk eine Küche, und das war ja ein internationales Studentenwohnheim, das heißt also jeden Tag hat jemand anderes gekocht, aus einem anderen Land. Und dementsprechend hat's mal nach leckerem chinesischem Essen geduftet, dann gabs koreanisches Essen, afrikanisches Essen, arabisches Essen, also ganz unterschiedliche Speisen oder Esskulturen, die da vertreten waren – und gleichzeitig wurden natürlich auch die entsprechenden Sprachen gesprochen."

Ein Wortschatz und ein bisschen kulturelles Wissen

Deniz selbst ist Turkologin. Gemeinsam mit "neukoellner.net" hat sie sich den Online-Sprachkurs "Türkisch für Anfänger" ausgedacht. Anhand von Geschichten über türkische Orte in Neukölln lässt sich damit ein kleiner Wortschatz, ein bisschen Grammatik und kulturelles Wissen aneignen.

Deniz Julia Güngör hat "Feinsprecher" gegründet, Sprach-Kochkurse in Berlin, sie hält einen Granatapfel in der Hand (Deniz Julia Güngör)Deniz Julia Güngör hat "Feinsprecher" gegründet, Sprach-Kochkurse in Berlin (Deniz Julia Güngör)"Merhaba! Benim adım Deniz. Deniz Julia Güngör. - Hallo! Ich heiße Deniz. Deniz Julia Güngör.
Berlinliyim ve yarı Türk yarı Almanım. -  Ich bin Berlinerin und halb türkisch, halb deutsch.
Türkisch für Anfänger’e hoşgeldiniz. - Willkommen bei 'Türkisch für Anfänger'."

Deniz, langes, dunkles Haar, ein fröhlich-offener Blick, wohnt in Neukölln. Ursprünglich ist die 35-Jährige wegen der günstigen Mieten hergezogen. Hier hat sie ihr Start-up "Feinsprecher" gegründet, das sind Sprach-Koch-Kurse für Feinschmecker. Vor allem für den Türkischkurs ist der Standort ideal.

"Es geht ja nicht nur um Essen, sondern vor allem um die Sprache im Kontext der Esskultur, und natürlich bietet es sich da an, in Neukölln sowas anzubieten, weil man die Möglichkeit hat, diese Sprachkenntnisse zu praktizieren. Aber natürlich auch, weil ich alle Lebensmittel bekomme. Es geht aber in erster Linie darum, dass gerade in Neukölln, weil es so viele türkische Orte gibt, der Bedarf, die türkische Kultur näher kennenzulernen, wesentlich größer ist als in Bezirken, wo das nicht so ist, das ist klar."

Es werden viele unterschiedliche Sprachen auf den Neuköllner Straßen gesprochen. Ohne Türkischkenntnisse, hat man manchmal das Gefühl, die Hälfte zu verpassen.

"Ja, oder sagen wir mal 'nen Drittel. Arabisch wird auch viel auf den Straßen gesprochen. Oder auch Englisch mittlerweile, aber auf jeden Fall nen Großteil verpasst man dann, ja."

Aber dafür gibt es ja Deniz...

"Also in erster Linie versuche ich den Leuten natürlich die Angst vor der türkischen Sprache zu nehmen. Das sieht bei uns dann meistens so aus, dass wir mit Fremdwörtern im Türkischen anfangen. Das sind dann oft Fremdwörter aus dem Französischen zum Beispiel, Antrekot oder Milföy, solche Sachen, oder auch deutsche Wörter wie Aysberg, Şinitzel."

- "Du hast noch einen nächsten?"
- "Stimmt: 'Yoğurt'. "
-  "Hm, genau, da ist jetzt was, was ihr noch nicht kennt – alle anderen Buchstaben kennt ihr ja eigentlich. Und da ist das 'ğ' mit dieser Schüssel drauf. Das weiche 'g' übersetzt, 'yumuşak g', und wie der Name ein bisschen schon verrät, man spricht es weich. Wie kann man ein 'g' weich sprechen? - Gar nicht! Bzw. man spricht es einfach nicht aus. Das ist so ein bisschen wie unser Dehnungs-H oder Bindungsbuchstabe..."
- "Erdogan."
- "Genau, Erdogan. - Da ist es auch mit drin. Unser lieber Freund Erdogan..."

Die Portugiesen und die Ägypter und ihre Früchte

"In erster Linie geht es darum zu zeigen, die türkische Sprache ist nicht ganz so super fremd, und dass man mehr als nur die Ös und die Üs wahrnimmt, wobei das auch sehr spannend ist, woher die Ös und die Üs kommen."

Auf die Grundidee für die Sprach-Koch-Kurse ist Deniz Julia Güngör schon während ihres Studiums gekommen.

"Ich habe meine Magisterarbeit über die türkischen Bezeichnungen für die Teile von Schlachttieren geschrieben, und da ist mir das ganz besonders gut aufgefallen, ja, dass Wörter, gerade Fremdwörter, viel über Sprache oder auch Kulturkontakte eben auch erzählen. Bei den Teilen vom Rind kann man das ganz schön erkennen, da gibt es viele französische Bezeichnungen, also eingetürkte französische Wörter, und daran erkennt man ganz schön eben die Beziehungen vom osmanischen Reich zu Frankreich. Oder auch die Wichtigkeit französischer Esskultur oder der europäischen Esskultur im osmanischen Reich – zu der Zeit."

Später wird dann gekocht. Bekannte Sachen wie Zigarrenbörek, gefüllte Paprika oder auch was Osmanisches, zum Beispiel ein Lammeintopf mit Granatapfel und warmer Honigbirne zum Nachtisch.

"Sprache oder Namen, gerade Bezeichnungen von Lebensmitteln oder Speisen transportieren doch wesentlich mehr Kulturelles, oder Kulturhistorisches, als man denkt vielleicht. 'Mısır' zum Beispiel, das ist der Mais, der aus Ägypten in die Türkei gekommen ist. Das ist eigentlich eine sogenannte Ellipse, also ursprünglich hieß es 'Mısırderizier', das Getreide oder Frucht aus Ägypten, daraus hat man verkürzt dann 'Mısır' gemacht, also eben nur noch den Namen Ägypten. Oder 'Portakal', die Apfelsine, wo der Name nicht auf die Herkunft anspielt, sondern auf die Bringer sozusagen, also diejenigen, die die Apfelsine importiert haben in die Türkei, nämlich die Portugiesen…"

Türkische Kultur zu vermitteln, hat sich auch der Neuköllner Özgür Ulucan vorgenommen. Ich treffe ihn – genauso wie Idil Baydar – in unseren Redaktionsräumen in der Schillerpromenade, er wohnt gleich ums Eck. Özgür ist 34, Soziologe, in Istanbul geboren und in den Niederlanden aufgewachsen. Er trägt eine karierte Schirmmütze und Bart.

"Als ich vor fünf Jahren nach Berlin gezogen bin aus Holland, habe ich dann gemerkt, dass ich eigentlich der einzige Türke in meinem Freundeskreis war. Und die haben mich dann immer Sachen gefragt, hey, wie sage ich Hallo oder Tschüss oder wo kaufe ich Sachen ein oder wo ist der beste Döner zum Beispiel... Und ich habe dann einfach sehr viele von diesen Freunden eingeladen und hab dann davon eine Dinnerparty gemacht und so ein bisschen mit Humor mit einer Slide-Show all diese Basics gezeigt."

Özgür Ulucan ist aus Rotterdam oder auch aus seiner Studienzeit in Amsterdam ein sehr entspanntes Miteinander unterschiedlicher Kulturen gewöhnt.

"Das hat mir am Anfang ein bisschen gefehlt in Berlin. Obwohl zum Beispiel in Neukölln ist es visuell vermischt. Du siehst Türken oder Deutsche oder neu Zugezogene aus der ganzen Welt, das läuft alles durcheinander, aber es ist ziemlich getrennt am Ende des Tages. Man hat sehr wenig Kontakt zueinander. Und das hat mich schon ein bisschen überrascht.

Aber was mir Hoffnung gibt ist, dass Bedarf schon da ist. Meine deutschen Freunde möchten schon gerne mehr erfahren, es ist eine Aufgabe für beide Seiten, für die deutsch-türkische Gemeinschaft und auch für die Deutschen in Berlin, das ist eine Aufgabe, um mehr Interesse zu zeigen füreinander."

Aus der Dinnerparty für ein paar Freunde ist mittlerweile eine Art Late-Night-Infotainment-Show geworden. "Türkisch für Hipster" nennt Özgür diese Abende. Sie finden meistens in Neukölln, zuletzt im "bi'bak", einem interkulturellen Projektraum im Wedding statt. Und zusätzlich startet jetzt auch eine Online-Serie auf "neukoellner.net".

"Ist das für Türken oder für türkische Hipster? Nein, gar nicht, das ist für alle, für alle Berliner."

Hören wir doch mal rein!

- "bi'bak"
-"Şerefe!”

In der Show ernennt Özgür einen "Şerefe!"-Beauftragten, zu deutsch "Prost", der meldet sich spätestens alle fünf Minuten, damit keiner vergisst, regelmäßig mit Rakı – dem türkischen Anisschnaps – anzustoßen...

Immer muss einer der "Prost" sein

"Und während des Abends wird auch gegessen, da ist auch 'Meze', diese Esskultur. Du musst dir das vorstellen als türkische Tapas eigentlich, viele kleine Gerichte auf einem Tisch, und ein bisschen Rakı wird dann dazu getrunken, und auf der Bühne gibt’s dann eine Show und zwei Stunden später sind wir alle betrunken und haben ganz viele Trash-Filme gesehen ..."

Für die billig produzierten Remakes amerikanischer Blockbuster aus den 80er-Jahren ist die Türkei – zumindest in der Filmszene – bekannt. Dort scherte man sich weder um Urheberrechte noch um Werktreue...

"Wow, turkish Rocky. Wir haben turkish Rocky als Warming up heute, unglaublich! Who is ready for turkish Rocky?
"Yeah"
"You are not ready, nobody is ready ever for turkish Rocky... (Lachen, Musik setzt ein) "
"Ja, Warming up!"

"Es gibt drei türkische Rambo zum Beispiel und ungeführ zwölf türkische Superman, machmal sogar drei in einem Film, viele Variationen. Es gibt türkisch Super-Batman, der türkische Rocky wird gespielt von dem gleichen Schauspieler, der auch den türkischen Rambo spielt..."

Nach dem Rocky-Warm-up erklärt Özgür Ulucan anhand von türkischen Filmen, wie die sogenannten "Gastarbeiter" ihre Ankunft erlebten. Die sind zwar in Deutschland gedreht, aber für das Publikum zuhause produziert worden.

"Man musste natürlich auch Arbeiten, weil dazu ist man letztendlich gekommen nach Deutschland (Filmausschnitt) Es ist klar, was ein bisschen der Punkt ist hier, nicht? Dass man als Maschinen, als Sklaven arbeiten muss und so."

"Es ist einfach ein bisschen anders in Deutschland..."

Das BMW-Logo, Bockwurst-Stände oder Sexshops schwirren durchs Bild. Es scheint, als hätten die türkischen Filmemacher in einem Klischee-Katalog geblättert. Die Familienangehörigen in der Türkei fühlten sich dadurch wahrscheinlich weniger vorbereitet als vorgewarnt. Die Verlockungen waren also groß in den Städten fernab der Heimat.

"Erst sind die Männer gekommen natürlich nach Deutschland, und die haben dann die deutschen Frauen kennengelernt. Oh, oh my god, more trouble! More trouble up ahead! Turkish man meets german women."

Höhepunkt des Abends im "bi'bak" ist die Live-Synchronisation der Filme – eine Art Filmkaraoke – vom Berliner Publikum, auf Türkisch natürlich. Die Dialoge sind dafür in Lautschrift mit einem Beamer an die Wand geworfen.

Integration geht also auch anders herum. Schon mal drüber nachgedacht, was Willkommen auf Türkisch heißt? – Hos-gel-di-niz – äh, nein: Hoşgeldiniz!

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