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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.04.2017

Deutsch-Türken und das Türkei-Referendum"Die Politik muss versuchen, die Community zu vereinen"

Erkan Arikan im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Sie sehen ein silbernes Auto mit einer Türkeifahne in Berlin. Es ist Nacht. (picture-alliance / dpa / Paul Zinken)
Jubel und türkische Fahnen in Berlin am Ostersonntag: Wie die türkische Gesellschaft insgesamt ist auch die türkische Community in Deutschland tief gespalten. (picture-alliance / dpa / Paul Zinken)

63,1 Prozent Zustimmung zum Präsidialsystem - das Wahlverhalten der Deutsch-Türken beim Verfassungsreferendum irritiert viele. Der TV-Journalist Erkan Arikan sieht in der großen Zustimmung zu Erdogan auch eine Reaktion auf "Türkei-Bashing".

63,1 Prozent der wahlberechtigten Deutsch-Türken haben beim Verfassungsreferendum in der Türkei für Erdogans Präsidialsystem gestimmt. Wie kann das sein, fragen sich hierzulande viele und verweisen darauf, dass gerade diese Menschen doch die Vorzüge des Rechtsstaats sozusagen am eigenen Leib erlebt haben.

Der deutsch-türkische Fernsehmoderator sieht in dem Abstimmungsverhalten zum einen einen gewissen Loyalitätsbeweis für einen Mann, den viele als einen "richtigen Führer" ansehen würden.

"Und es ist auch ein bisschen so die Denkzettelpolitik, habe ich den Eindruck", sagte Arikan im Deutschlandradio Kultur. "Türkei-Bashing, Erdogan-Bashing fanden die hier in Deutschland nicht so prickelnd, und aus dem Grund haben sie gesagt: nee, also, Erdogan ist unser Mann. Gläubiger Mensch, betet fünfmal am Tag, der muss gut sein irgendwie."

Großes intellektuelles Gefälle unter den Deutschtürken

Der Journalist, der 2001 als erster Türkischstämmiger im deutschen Fernsehen die Nachrichten moderierte, warnt jedoch davor, jetzt alle Deutschtürken über einen Kamm zu scheren. "Wir haben hier in Deutschland so ein ziemliches Gefälle, was auch den intellektuellen Stand dieser Menschen angeht", sagte er. So sei etwa Berlin, wo nur eine knappe Mehrheit für das Verfassungsreferendum zustande kam, schon immer attraktiv für Studierende aus der Türkei gewesen. Auch gebe es dort eine große kurdische Community, die vermutlich ebenfalls mit Nein gestimmt habe.

Anhänger und Sympathisanten der kurdischen Partei HDP demonstrieren in Berlin gegen die Verhaftung ranghoher Parteimitglieder in der Türkei. (imago / Seeliger)Anhänger und Sympathisanten der kurdischen HDP demonstrieren im November 2016 in Berlin. (imago / Seeliger)

Dagegen gebe es im Rheinland und im Ruhrgebiet viele Türkischstämmige, deren Familien aus ländlichen Gebieten in der Türkei nach Deutschland gekommen waren. "Die sich eher jemandem zugeneigt fühlen, der die Religion eher praktiziert, der nicht von der Elite der Türkei stammt, der von unten sich hochgearbeitet hat, das heißt, einer von ihnen ist. Und dieses 'einer von ihnen' ist für viele türkischstämmige Menschen aus dem Ruhrgebiet sehr, sehr wichtig."

Als Konsequenz aus dem Abstimmungsverhalten der Deutschtürken forderte Arikan von der deutschen Politik, sich noch mehr um die Bildung dieser Menschen zu kümmern. "Und vor allen Dingen - ganz wichtig: Sie muss versuchen, diese Community zu vereinen."

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